Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Ich bin das Meer und das Gebirge, der Tag und die Nacht. Ich zerbreche und segne, ich erhebe und verfluche. Ich, ja, Göttin, die Blitze aufgebündelt in süßgespannter Faust, ja, ich verfluche. Niemand komme, mir Schmerzen zu klagen, niemand komme, mir Freuden zu sagen, niemand komme, mit mir zu teilen, niemand komme, behaglich zu weilen; niemand flehe, niemand bete. Nur da sei er. Ganz! Ganz! Wie ihn die Mutter erschuf.
Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Nur, wer kommt ohne Reue und Last, ohne Blick zur Seite und Fragen.
Nur, wen die Sehnsucht gegen mich aufbrennen läßt, daß er Eltern und Erde, Erbe und Enkel verlachend vergißt und taumelnd und groß, glühend die Schläfe und die Gedanken, sich neben mich in den Horizont stellt, nur dem beuge ich meine Lippen entgegen. Denn ich bin die Erde, ich bin das Erbe, ich bin das lohende All, der liebende Gott, dem nur ein Reiner ins Antlitz sieht. Nur einer, der ganz ist. Ganz, wie ihn die Mutter erschuf! Der aber das nicht ist, der wird Schmerz und Asche. Schlacke der Zeit stickt ihm die Kehle. Tief stürzt er den Sturz, jahrelang, bis er im Abwärtssausen verweht!“
Schlag um Schlag hatten Hildes Worte den Tag, der wie ein orgeldurchströmter Dom über ihr und Robert stand, in Stücke gespalten. Vor Robert schien sich ein Vorhang zu senken. Eine Weile noch schimmerte das Licht von Hildes hellem Kleide hindurch. Dann lagerte er in trüben Wogen zwischen ihnen. Auf seinem Tuch aber erglänzten wie Stickereien und kindliche Symbole Bücherberge, gestürzte Lafetten, ein Menschengewimmel um Rednertribüne, schlanke Tänzerinnen, ein Reiter in einem Saatfeld kam von weitem geritten, wurde größer und hielt schäumend an, Peter, seinen Kopf in der Hand darbietend, Rauch, von Schüssen durchblitzt, wurde weiße Wolke, öffnete sich über fliederumduftetem Teetisch in Hildes Villa — oh — — —
„Ganz, wie ihn die Mutter erschuf!“
Hilde schien weitab auf einem Berg zu stehen. Blinkte etwas. Schoß wie Haß vom Boden sich ab. Auf Roberts rechtem Schuh war der Lack von einem Knopf gesprungen. Gelb grinste der Entblößte. Rüster beschien er in seiner Nachbarschaft. Und armselig der Geste und dem Wink der Armut unterlag Robert außen wie innen. Er sah nicht, wie die Muskeln Hildes erwartend sich dehnten, sich um ihn zu schließen. Zusammenzufallen, wie eine geflickte Pappe fürchtete er
jeden Augenblick. Der Gaukler in ihm, geboren aus Programmen und Traktätchen, Parteien und Idealen, kümmerlich und buntscheckig, ein Scheusal, tanzte sein Menuett der Ohnmacht auf der im Keim sich schon ertötenden Tat. Unwürdig! hämmerte ein Wort in ihm. Lähmendes Gift troff es bis in die Spitzen der Finger. Und die Barriere der Nichtachtung seiner selbst querte sich teuflisch vor ihm auf und wuchs schwarz zum Ararat. Unwürdig! Unganz! Zerfressener, was kannst du wagen? „Zu dir ja zu sagen!“ tönten Chöre unsichtbar über den Wellen. Proletarier! Paria! Wachsend Verwachsener! Rühre nicht an den Gottesbezirk!
Steif stand er, schwärzlich, verlegen, ein verbrannter Kreuzespfahl, unselig, in der Landschaft.
„Ewig bin ich. Ich warte. Ewig bin ich da. Ich warte auf dich!“ Tanzend verlor sich Hildes Gesang und spannte sich hinter ihr wie ein Segel über den Strand.
Robert wandte sich. Unendlich langsam. Mit jedem Ruck mußte er die ganze Welt mitziehen. Aufgellend jagten ihn schließlich Gewitter vom Ort seiner Entscheidung.