Regen zu latschen mit zerrissenen Stiefeln . . .“ „. . . also,“ schloß Herr Sintram und trocknete die feucht gewordene Lippe mit einem blütenweißen Tuch, „also ist meines Dafürhaltens der Tanz, so er den, durch Grazie und Sitte bestimmten Rhythmus verliert und bacchantisch, sagen wir salomeisch zu werden beginnt, kein Tanz mehr, sondern nur eine Ausgeburt, der das Unbeherrschte, niedrige Temperament des ihn Exekutierenden verrät und mithin geschmacklos zu nennen ist.“ Über die, für sein geistiges Niveau beschämende Ideenassoziation im klaren, konnte doch Robert es nicht hindern, daß plötzlich sein Mund haßte und sprach, hart, lauter als nötig, die Worte an den Eckzähnen zerreibend. „Das glaube ich nicht, Herr Sintram. Tanz ist ein Suchen. Aus den gewöhnlichen Lagen sind die Glieder gelöst, wollen sich nicht mehr fügen schematischem Bau. Neuer Vollendung entgegen streben sie. Musik löst das Hirn der Tänzerin in Klänge. Es schwindet die Erde. Wollüstig und süß befällt Rhythmus die Glieder. Aufzucken sie. Die Arme schießen in die Weiten. Sterne umleuchten schon nah die Fingerspitzen. Neue Gefühle wölben die Brüste. Sanft überstreicheln sie Welten von Brausen und lassen sie weich in sausende Luft vergehen. Fahne, mähnig, kämmt hoch das Haar, stählern und geschmeidig, siegende Wimpel. Nun lüftet der Fuß sich, rascher schlägt er die Flanke, will sich vereinen mit den anderen Gliedern, die wild in die neue Freiheit hinausjubeln. Ja, das sahen die Schauer noch nicht. Weit gaffen die Augen. Strahl um Strahl entschießt sehnsüchtige Begierde. Weißglut in der Berührung peitscht sich die Schäumende zu höherer Vollendung. Chaotisch stürzt in ihr das Bewußtsein in Trümmer. Hic salta! Wo ist der neue Mensch? Gewinne dich ab dem flammenden Kosmos, das du in Brand setzest. Auftreibt noch einmal schwer die Erde, will Lende fassen und Hüfte. Aber schamlos überrast reißen die Ketten und sie entdonnert
kraftlos. Die Blicke biegen sich ab, stumpf, entglänzen dann heller nach innen. Nebel steigen. Ruhiger türmt sich der Tanz. Krampf sinkt. Über gefundenen Eilanden wiegt sich harmonisch der Körper. Schaukeln ungekannt Länder heran. Paradiese enttauchen besonnt und leise stampfend besingt ein neues Weltall die Befreiung. So —“ Das Wort brach Robert am Munde, als die wachsende Befremdung rings durch seinen Rock dringend eiskalt ans Herz stieß. Herr Sintram, eine sehr höfliche Verachtung im Lächeln und eine Erwiderung für überflüssig haltend, machte darauf aufmerksam, daß ein guter und bei dem naßkalten Wetter wohl besonders willkommener Tee angerichtet sei. Gab er jedoch während des Gesprächs Robert gastlich Gelegenheit, seine Rede durch kluge Bemerkungen zu annullieren, blieb der verstummt und fühlte die braune, warme Holzverschalung der Wände, Geplauder über Scheurichs Plastikenversuche und die tadellose Haltung des Dieners wie Herausforderung. Hier war er Feind, den man bei Waffenstillstand höflich bewirtet, aber man ahnte in ihm Gehässiges, Bedrohliches. Hilde blieb tief über ihre Tasse gebeugt. Einmal, als er ihrem Vater widersprach, ohne ehrlich der geäußerten Meinung zu sein, nur um sich aufzustemmen, unterstrich sie ihn mit einem: das glaube ich auch. Ihre etwas sich kräuselnden Schläfenhaare glühten im Widerschein ihrer Haut. „Hilde — du — wo bist du?“ Ein toller Schmerz, der ihn zersägte, trieb Robert zu frühem Aufbruch. Hilde begleitete ihn. Schon schritt er schweigend, geschlagen, im Rückzug noch zusammengeschossen, die kurze Steintreppe hinab, da fragte sie: „Wir wollen übermorgen reiten, ja? Holen Sie mich ab. Um elf Uhr.“ Tief, um ihre Hand zu küssen, beugte er sich; aber die hastig fortgerissene traf er nicht, so daß er beinahe gestürzt wäre. Die Luft kroch ihm kalt zwischen Kragen und Haut. Wie eine alte, verwunschene Burg fiel Hilde Sintrams Haus
hinter ihm in den schwarzen Abend zurück. Unwillig knarrend grinste die Gittertür. Revolten zogen mit flatternden Bannern in ihm auf. Scharen von Gedanken, blutrot behelmt, folgten ihnen. Die orangenen Vorhänge schwellten sich voll milden Lichts wie zuvor. „Ihr! Ihr! Ihr erdrosselt und knebelt. Streicht das Rohe und Wilde ab wie Schmutz. staunend, daß es bis zu euch spritzte. O du Gebärde, du Mund, der noch den Widerspruch als zu viel stummend in sich steift. Aber ihr schickt Besoldete. Unterwürfige Knüppelgarde drischt uns zu Boden! Wen habt ihr nicht gekauft? Wen nicht? Bleibt uns als Kamerad der Zuhälter und der verbummelte Student, der Dichter ohne Erfolg und die Dirne, ausgepeitschte Tiere, vor denen ihr die Müllkästen eurer Herrlichkeiten verrammelt. Die anderen bezahlt ihr. Laßt sie zeugen für euch und laßt sie gebären für euch, steckt sie in Uniformen und treibt sie gegen brüllende Batterien, die armen Köpfe mit Gebeten, mit perfiden Begriffen für eure Sicherheit zurechtgeschrotet.“ Robert erschrak so, daß seine Beine ihm fast unterm Leibe weggebrochen wären. Trieb die Nacht diese Blasen in ihm, die nach Kneipendunst stanken. Er schüttelte sich. Ekel vor ihm selbst würgte ihn. Gewölk senkte sich. Scharfrandig kantete sich klarer Äther über ihm hinauf. Singend und ruhig zog der Gedanke Hilde seine Bahn. „Verzeihe.“ Kratzend kam die Mauer durch den dünnen, schon abgetragenen Hosenstoff. Müde lehnte Robert gegen sie. Er sah zwei schwach zusammengewachsene Brauenbogen in ernstem Forschen vor sich. Die Luft mit zitternden Händen formend, streichelte er den sich in die heiße Handfläche schmiegenden Wind. „Verzeih! Verzeihe!“
* *
Sie hatten beschlossen, statt des Rittes zu wandern. Nun streunten sie durch den Wald. Hilde führte. Warf sich mit dem ganzen Körper in die jungen Pflanzungen. Verhalten in
Wollust fing sie in geschmeidigen Biegungen die zurückpeitschenden Zweige auf. Oft sah es, hob sie den Fuß auf, aus, als schösse sie damit aus der Erde, und das gleiche Zucken war in den Haken wie im Halse. Robert folgte mühsamer, des verletzten Fußes Widerstand in hingerissenem Zusammenbeißen überwindend. Manchmal klatschten ihm die Büsche über der Stirn zusammen, und es striemte blendend auf, aber wie angeseilt trat er fast genau in Hildes Spur. Sie sprach kein Wort. Als ob sie flüchte, schien es zuletzt, denn rief er sie an, streckte sie wie in ängstlicher Abwehr die Hände vor, und scheu prallte ein Blick an ihm vorbei in den Boden. Allmählich wurde das Laufen zur Jagd. Über welliges Terrain stürzten sie, strauchelten, verfingen sich in einer Schonung, Heere von Brennesseln warfen sich ihnen entgegen, gefällte Baumstämme glotzten höhnisch, und ab und zu flog in ihres Atems sommerliches Keuchen scharf und schneidend ein Vogelruf und sauste annagelnd wie ein Pfeil durch die Hirne. Plötzlich sprang der Wald vor einem glatten, breiten See in sich zurück und umlief ihn buhlerisch mit den tastenden Fingern heller Sanddünen. Erst als ihre Schuhe in feuchtem Boden versanken, blickte Hilde auf. Die Wasserweite rauschte hoch gegen sie und erschlug ihre Augen, so daß sie sich umdrehte und dunkel und rot aufflammte vor Roberts staunendem Erstarren. Er blieb von ihr fünf Schritte. Eine Zärtlichkeit überwältigte ihn. Ohne Maßen schaute er auf Hilde, und die verborgenen Bekenntnisse blühten ihm in die Lippen, daß sein Gesicht vor deren Blut die Farbe verlor und klein wurde, spitz und demütig. Der See sank und hob sich hinter Hilde. Die fernen Küsten unterliefen silbern ihre Achseln. Sie sah den Mann, die Bäume, die Luft, die schwang und sie umwirbelte. Breit schlug sie die Arme auseinander und nagelte sich rückwärts gegen die Sonne. Von ihren Fingern zuckten die Strahlen. Von allen Seiten schoß das Begehren
nach Sein in sie. Qualvoll reifte gewaltig in ihr eine Welt und stieg vom Schoß zum Herzen. Ihr Mund begann zu tönen:
„Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Wer ist geboren in der Tiefe des Ozeans, Koralle so verwurzelt, steigend durch die Stürme der Jahrtausende zum Licht?! Ich bin erdverklammert wie der Fels, luftgelöst wie die Wolke, heiß wie die Mainacht zwischen Liebenden, kühl wie die Angst, die den Henker umsteht.
Wer kann es wagen, mich, Weib, zu umarmen? Wilde Fahne umbraust mich mein tödliches Haar, liebliches Lied umsäumt es die Gipfel meiner Brauen. Sturm zischt mein Odem, streichelt die Wunden und heilt die Kranken. Scharen stampft mein Fuß aus der Erde, Scharen streicht meine Hand von der Tafel des Lebens. Beugten sich viele über die Narbe am Gelenk. Zackig droht sie und verspritzt sich böse in Haut. Aber zwischen Kuß und Schauen stand die Furcht. Denn wenn ich bin, bin nur ich, und es verdonnert die Welt fernab ins Leere!
Ich bin ins All geworfen. Riesiger Schatten, der von mir fällt, verdeckt es. Ich bin über den Himmel gespannt. Bin Himmel. Wer in mich eingeht, dem verrauschen die Stunden, verrast die Zeit. Er verhungert in dem Sturz meiner Pracht.