Cum resurget creatura,
Liber scriptus proferetur,
In quo totum continetur,
Unde mundus iudicetur.
Robert schüttelte den Kopf. Fenster, seidig Lampe verhüllend, glaste vor ihm wie Leuchtturm. Daß die Hosen weit über die Knöchel sich hoben, reckte er sich. Frei! Frei werden! Fiedelte ein Lied sich durch das Hirn: „— traben hin durch helle Lande.“ Schon schnaubten ungesattelte Rosse apulische Ebene hinauf. Stand da ein Schatten am Baum! Uniform, zerschlissene, flatterte wieder in Regenluft, gelbverschlungenes A auf der Achselklappe?! Bange flüsterte Robert:
„Laß mich gehen, Peter. Für dich, du laß mich weiter!“ Ein Lachen schüttelte ihn. Ein fremder Soldat, aus dem Schatten unwillig gelöst, strolchte mit einem Mädel davon. Umwendend, die Rechte mit allen zuckenden Fingern bis in die Spitzen fühlend, ein unerhörtes Kraftwort hell mit seinen gesunden Zähnen zerkrachend, zog er kurz zweimal hintereinander. Schwirrend jagte das Läuten vor ihm her. Das Haus wich vor ihm in sich zurück. Wärme riß ihn hinein. Riesig schien sich wie eine ewige Wand hinter ihm die Türe zu wölben.
* *
Einige Köpfe verschwammen. Im Halbbogen hoben und senkten sich von den Stühlen vornehm und ruhig der Vater Hildes und vorgestellte Bekannte in Verbeugung. Erwartung umfloß Robert. Er fühlte, wie mit ihm etwas Fremdes, Feindliches in diesen Kreis trat, als hätte er einen Fetzen rauhe Luft von der Straße mit hereingebracht. Doch ließ er sich in die ihm neue Behaglichkeit, die nicht dumpf war und Haltung hatte, wohlig fallen und reihte sich ohne Umstände ins Gespräch. Obwohl er merkte, wie seine Worte gleich kantigen Steinen die feinen, in nervöser Zurückhaltung spinnedünn geknüpften Netze dieser Unterhaltung zerrissen und schwer zu Boden fielen. Niemand hob sie auf. Hilde kauerte in mutwilliger Hingerissenheit halb auf ihrem Stuhl und ermutigte ihn kaum. Neben ihr eine Cousine, tief in die Schläfen schwarzes und künstlich gewelltes Haar gebuscht, musterte Robert, ohne sich, es gern zu tun willens, zu seiner völligen Ablehnung entschließen zu können. Das Gespräch rollte in langlinigen, ausgeglichenen Wellen um die Tanzkunst einer Dänin, die die Stadt seit einiger Zeit zu lebhaften Anmutsstudien aufreizte. Robert versuchte, einige Worte zu sagen, um nicht ganz teilnahmslos zu erscheinen; aber von grenzenloser, sachlicher Unwissenheit in den behandelten Dingen mußte er sich mit einigem Kopfnicken begnügen. Als Hildes
Vater zu sprechen begann, schwiegen alle. Leicht blauten sich die Adern an der kühn aus kurzen, weißen Haarflocken herausspringenden Stirn und die Worte, inhaltlich von einem klugen Sinn beflügelt, ohne auf den Kern der Sache Wert zu legen, fielen autoritär und Verständnis unbedingt fordernd. Aus seinem Sessel, wie mit ihm verwachsen, stieg der elastische Körper, leicht vorgeneigt, überredete die Handbewegung, in ihrer gelinden Krümmung Kultur und jahrhundertelange Übung einer Kaste undemütig verratend. Vom halblaut tönenden Munde streifte Roberts Blick tiefer zu dem adligen, von keiner Greisenfalte zerfurchten Halse, dem tadellosen Kragen und gedeckten Seidenschlips bis zu den weichen Wildlederstiefeln, deren warmer Glanz von sorgfältiger Behandlung mit allerhand kostbaren Fetten zeugte. Robert sah auf seine Schuhe, deren linker an der Ballennaht einen gefährlichen Riß aufwies. Aber vor dem ersten! War doch sowieso die Wäsche noch nicht bezahlt. Und teuer waren die Schuhmacher, teuer! Auch stand kein Ende des Krieges und damit frischer Häuteimport bevor. Freilich die Reichen, die Kapitalisten, die zusammen mit zünftigen Militärs die Regie des großen Mordens übernommen hatten, sie konnten der knappen Tage achselzuckend gedenken. Robert hatte plötzlich das Gefühl, als röche er nach Fusel. Säße an bierverschwemmtem Holztische mit Zimmerleuten, die eifrig vor Zuhören die schmierigen Daumen drehten, während auf der Tribüne des dunstverschlagenen Saales der Abgeordnete „Sandmeyer gellende Tiraden über die Erregten peitschte: . . . und nicht genug, daß in fremden Ländern seit Jahren Körper unserer liebsten Menschen faulen müssen, nein, auch hier, vor den Augen der Bourgeoisie, unseres schlimmsten Feindes, krepieren unsere Kinder und Mütter, die der Hunger zerfrißt. Sie sitzt freilich in dem behaglichen Gemach, wo der Kamin glüht, aber ihr seid gezwungen, durch Dreck und