Die Fremde ist da!“ brausten Chöre in ihm. Frommes Gebet sandte milden Weihrauch empor, der die Augen feucht beizte. Zwei Schritte nach vorn, das Buch fiel. Wie sanft abfahrendes Dampfschiff entglitt der Raum nach rückwärts. Hinter ihm lag schon die Tür.

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Die Fremde, halb zu ihm gewandt, lächelte in einer scheuen Vertrautheit. Bog den Kopf ab, als er sie ansprach, wich jedoch nicht vom Wege. In dem Handdruck, den sie ihm bot, floß tiefes Erkennen. Zwei grüßten sich, die Leere verronnener Monate wie einen Leichnam zwischen sich liegen sahen. In gleicher Senkung hob sich über ihn hinweg ihr Schritt die Straße hinauf und schlug den frühlingskalten Asphalt in halblautem Gleichklang. Gespräch sprudelte aus Robert, klar und wild, wie Quelle aus längst versiegtem Gestein. Hilde Sintram, lang und kühn ausschreitend, hörte nur. Ab und zu löste sich in ihr ein Ausruf und flog munter dazwischen. Aus mystischer Nacht wieder Land schauend, tastendem Gefühl lange geahnten Halt gebend, freute sie sich harmlos des Wiedergefundenen. Damals in Sehnsuchtsstarre in die Säule des Korridors geschmolzen war er ihr wie ihr versteinter Wille erschienen, den rätselhaft wer aus ihr herausgestellt hatte. Über von sorgsamen Eltern sacht gebildete Lebensform, unaufdringlich von geeigneter Umgebung angewandten Zwang, Uniform der durch Geburt erworbenen Klasse zu tragen, über den von dumpfen Jahrhunderten rastlos und egoistisch eingehämmerten Frauentrotz absoluten Auflehnens von vornherein, ja über die instinktsichere Ablehnung der etwas gefransten Manteltasche flutete in Wogen das Vergessen. Hilde Sintram schwamm auf seinem Ozean, die Dunkelheit im Rücken, und Roberts Jubellied fuhr in den Lüften mit ihr. Er ging, ausgeweitet den Rücken, in ungewissem Erstaunen,

seinen Körper so leicht und schwingend zu fühlen. Als sie sich trennten, lud Hilde Sintram ihn zu Gast.

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Losgelöst von jeder Einsamkeit wucherte bis zu jenem Tage Robert über die Ränder seines Wesens wie jäh erwärmter Kressesamen. In seiner Rockärmel glattpolierten Aufschlägen sah er mit blamabler Leichtfertigkeit die Sonnenreflexe sich überspielen. Das Neue eines Menschen um sich gewahrend senkte er querköpfige Erinnerung in Gruft. Sein Lächeln begann den Modergeruch zu verlieren. Zahnbürste am Waschtisch früh ward neues, seltsames Instrument. Die angefaulte Hundetöle an der Bodentreppe, schnappend sonst und die Verachtung des Vorübergehenden bleckend abweisend, ringelte mühsam den Schwanz über zusammengesparte Wurstpellen. Nur leise, fernsten Horizont umfahrend, segelte Gedanke einer Katastrophe auf. Ein Klirren in ihm, ein Kratzen, riß sich vorsichtig durch alle befreienden Rücksichtslosigkeiten, die sich drängend zum Riesenwall in ihm türmten. In den Nächten, wenn der Mond schief gegen das Haus stand und die Wasserflaschen unter seiner Berührung verhalten zu singen begannen, brach manchmal aus der eisern zusammengehaltenen Gedankenschar einer aus und versuchte, die neuerrichteten Bastionen zu inspizieren. Aber da hockten die fremden Wachen der Hilde Sintram, deckten mit ihren Mänteln vermorschtes Geschütz und geleimte Brustwehr und stürzten die Mondwandelnden durch beherzten Anruf in die Tiefe. Stets frischer floß der Morgen herein. Und in Regeln fand schon Robert Sinn, noch ehe stärkere Proben abgelegt waren.

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Halb fertig gebaut, mit gipsbesudelten Gerüsten auf einer Seite trostlos aufgezäumt, dämmerte der kleine Vorortbahnhof vor sich hin. Sich vorstellend, weit ab, irgendwo in einem fremden Land zu sein, kam er schon nur in einen anderen

Stadtteil, schlenderte Robert auch hier langsam und neugierig stürmisch nah gewünschtem Ziele zu. Spielend schob er es in scheinbare Ferne und betrachtete Photographenkästen und kümmerliche Rabatten der Vorgärtchen mit Erstaunen. Ein paar alte Bäume schliefen sich in den Nachmittag. Zwischen den holprigen Steinen des Dammes trollte ein Hund dem Bahndamm zu, kräftigen Pfeifens des Besitzers nicht achtend. Plötzlich brach die von niedrigen Häuschen unscharf flankierte, kleinstädtische Straße auf einen Platz aus, in dessen Mitte zwischen wohlgepflegten Büschen eine Kirche sich kühl dem Spaziergänger entgegenwarf. Abwehrend, hinter dichtem Baumbestand lugten einiger vornehmer Villen Kalkputznasen rings um das große, ovale Rondell auf den Fremden. Auf schmalem Schild zeilte sich ebenmäßig und unverschnörkelt der Name Sintram. Schon die Hand zur Glocke erhebend ließ Robert sie plötzlich wieder sinken. In der Kirche schwoll ein Choral und drang durch die mattglimmenden Scheiben. Hingegeben traurigem Gesang schienen die Worte im Munde der Sänger süß sich zu färben. Dann rauschte Orgelton auf, gewaltiger Konfession voll:

Mors stupebit et natura,