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Unterdessen begann der Winter. Auf Roberts kleinem Balkon polsterten sich Gitterstäbe und Borde mit einem harten Weiß. In den Gebirgen und Ebenen rings um das Land nahm der Krieg seinen Fortgang. Nur erstickten dumpfer die Kanonenschläge in der Schneeluft, schwächer klang der Todesruf derer, die in den flockenweichen Abhängen letzter Spannung Grauen erfuhren. Hiobsposten wechselten mit Freudenbotschaften. Schamlosigkeit aller Gier wuchs täglich. Die Löhne stiegen, aber das Geld fiel. Verbissen trug

man Armut unter nicht geglaubten Phrasen. Robert mußte kleinlichste Berechnungen anstellen, wollte er nicht schlankweg verhungern. Er erduldete alle Demütigungen der Volksküchen, wo man ob des reinen Kragens, den er hatte — mußte doch Repräsentation in der Bank kärglicher Mahlzeiten ungefühlter Ausgleich sein —, von ihm abrückte und sich schweißigem Halstuch verband. Eines Tages krochen auf seine linken Finger runde grüne Fleckchen mit gelbem hautspaltendem Einkreis. Kälte sengte die Hand. Das ausgerenkte Eisenmaul des Ofens bleckte leer und von Frost umwittert. Seinen Mantel und Decken über sich werfend, floh er ins Bett. Lag da, bis ihn morgenlicher, früher Wind in den Hauskaminen zur Arbeit jagte. Lag da und spürte die Öde der getünchten Decke wie Körper. Nur unbestimmtes Gefühl einer Hoffnung, die irgendwoher in blumenden Gewändern sich ihm erfüllen sollte, keimte leise und heftig. Das Erlebnis jenes fremden Blickes, langsam in den steigenden Eisschatten der Kälte und des Hungers erfroren, quälte ihn kaum noch mit suchenden Stacheln. Nur ein Warten blühte in ihm. Es nicht begreifend, atmete er auf, glaubte er es durch Genuß eines ergatterten Wurststücks betäubt. Aber dann überfiel es ihn wieder. Seine Träume wurden bunt. In Biedermeiergärten schritt er einher. Mußte Spitzwegszenen stellen und Walsersche Gespräche führen. Unerhört farbig betupfte Landschaften waren zu durchschreiten. Hinten brach ein Himmel in schießenden Strahlen ein. Dahin mußte er rennen. Es erwartete ihn dort wer. Die von kugelig dickköpfigen Bäumen bestandene, mit hellem Kiesschotter besäte Chaussee begann wie im Film an ihm vorüberzuschwirren. Wo hatte er schon einmal in solchem Wirbel gestanden?! Erinnerung schrie in ihm auf! Die Wolken schienen in feurigen Bändern zu lodern. Er flog. Musik ritt im Winde mit ihm. Gelüfteter, frierender Arm weckte ihn. Süße, ungeahnte,

in sich spürend, schwangen seine Schritte in den nächsten Stunden. Dann wischten Keifen der Portierfrauen, übelschmeckender Kaffee und der bedrückte Lärm unwilliger Frühaufsteher das Bild schmutzig. Saß er später wieder vor grüngefriestem Tisch und dem Tanz der Zahlen, konnte es geschehen, daß er krampfhaft gegen die Brust tastend einen Laut aus sich grub, der wie zerrissener Jubel sich hob. So fremd klang er ihm, daß Robert selbst freundwillig und beglückt ihm lauschte, bis er sank und wie ein Bumerang rückkehrend mit vollem Weh auf ihn niederbrach.

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Eine Kolonne Soldaten trappte in schwerstiefeligem Marsch zum Bahnhof. Längst gewohnt, die abschiednehmenden Blicke Ausziehender ohne Scheu und Reue zu ertragen, bliesen Passanten die Winterluft mit dicken Backen und strudelten sich in den Dampfwölkchen weiter. Vor Robert mußte ein Herr im Pelz, kleine blonde Büschel in den Ohren, plötzlich im Takt mitlaufen. Das linke, auswärts gekrümmte Bein kam nur mühsam nach vorn. Hatte die Soldaten Beachtungslosigkeit geschmerzt, so erregte sie dies forsche Mitkrabbeln des Pelzträgers. Vom Takt gehemmt, wagte jedoch keiner Ausbruch. Robert sah den nickenden Zylinderturm, roch eben peinlich vollendete Frisur. Was hatte sich der mit den trübem Tode verlosten Menschen zu identifizieren? Ein grauhaariger Rekrut, in weiter Samthose schwimmend, stieß einen anderen an. Machte ihn aufmerksam auf den fetten Faun, der gutes Frühstück im anmutig geschwellten Leib Sympathie erweisend mitlief. Finsteren Blicken erwies der freundliches Lächeln. Fühlte schon ahnungslos nach der Zigarrentasche im Rock. Trippelnd legte er sich eine Rede zurecht, denn gestürzter Omnibus an nächster Straßenkreuzung versprach Stauung. „Na, mein Lieber, noch was Rauchbares vorher?“ Der Soldat schob ablehnend seinen platten Daumen

unter den Tornisterriemen. Grimmig, leise, inbrünstig: „Vorher? Vor was?!“ Doch schon ging er weiter. Kommt kein Blitz? flehte Robert. Mit einem Mal sah er Peter. Er erbebte. Peter schritt vor dem Dicken. Weißlich-rot schleppte ihm etwas aus dem Koller. Wie bleiche Selcherwürstel. Das Vieh trat immerzu darauf und pfiff. Ganz deutlich klang es: „— und dann die Herren Leutnants.“ Unverbindlich wippten die Lackschuhe. Wie einen Zweihänder fühlte Robert seinen Arm emporgeschleudert, stieß in Wolken und brannte nieder damit, Eisen in den apoplektischen, hüpfenden Nackenwulst. Er schloß die Augen. In ihm heulte ein Tier. Als er sie wieder öffnete, waren die Personen der Szene schon in weite Ferne gerückt. Der Schlag, ungeführt, verdonnerte in Ohr und Herz. Über die geballte Hand floß Blut einer geplatzten Ader. Sperlinge zwitscherten durch die Stille der Straße.

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Robert trat in einen kleinen Buchladen, dessen viereckig mit freundlichen weißen Leisten eingerahmte Auslage kennerischem Beschauer ein ergötzliches Durcheinander bot. In engem Raum standen dicht auf schmalen Borden, farbige Tapeten zum Hintergrund, eine Unzahl erlesener Werke. Verwirrt über die Anfrage nach seinem Begehr, die ein schöngescheiteltes Mädchen mit leichter Verneigung an ihn richtete, stammelte er etwas von „aussuchen“. Sonderbare Kunden gewöhnt, ließ sie ihn stehen. Die zarten und wuchtigen Titel auf den bunt gemengten Bücherrücken redeten Robert längst verhallte Sprache. Er las sie in leisem Rausch wie jemand, den heimischer Marktplatz nach langen Jahren mit vertrauten Schildern grüßt. In grüne Leinwand gebunden lag vor ihm ein Werk von quadratischem Format, mit zierlichen Goldleisten geschmückt. Er schlug es auf: Strindbergsche Märchen. Gerade in das vom versunkenen Klavier geriet er. Bei einer Feier hatte es die Bertens vorgetragen.

Wann war denn das gewesen? Unendlich lange schien es ihm. Hoher Saal verschwamm, riesiger Orgelpfeifen Wand rundete nach hinten das Bild. Oder hatte er das alles nur geträumt? Aufblickend und die Gestelle abgleitend las er mechanisch: Hauptmann, Eichendorff, Mann, Goethe, Heine, Lucka und andere Namen. Merkwürdig, war er gestern nicht in den „Gespenstern“ gewesen? Warum nur die Erinnerung so schwankte! Nun wußte er auch schon nicht mehr, wer die Regine gespielt. Und dann hatte er des Nachts geträumt. Wirres Zeug. Von einem Krieg, einem gelben Holzstuhl in einer Bank, auf dem er tagelang gesessen, einem Blick, — den ihm wer zugeworfen? — Cornelia? — Richtig, er mußte ihr ja noch einen Busch Tulpen schicken. „Also, ich nehme diesen Band hier.“ „Bitte schön, mein Herr. Macht achtzehn Mark bitte.“ Das schäbige Portemonnaie mit den zwei schmutzigen Markscheinen und der zerknitterten Volksküchenquittung setzte Roberts schweifenden Gedanken mit hartem Ruck ein Ziel. Hilflos, die Unterlippe vorschiebend, auf der ein schiefes Lächeln verlegen irrlichterierte, tauchte er flehend, ihm die Worte zu ersparen, in der Verkäuferin korrekt gewordenen Blick. Der umwachte seine Hände, die, äußeren Zwang noch nicht empfindend, gierig und krampfhaft das Buch umklammerten. Da kamen aus einem Nebenraum zwei Stimmen, sich verabschiedend und begleitend, rasch näher. An der Verbeugung des grauköpfigen Ladeninhabers lavierte, mit kleinen Stößen der Hüfte die beladenen Tische meidend, ein junges Mädchen herein, von mattfarbigem Florentiner das Gesicht überschattet. Der Laden hatte plötzlich keine Decke mehr. Zwischen den Büchern brachen Fliedersträucher auf. Unaufhörlich stürzten italisches Blau und schwellende Flötenrufe durch die offene Decke. Robert fühlte, jetzt mußten draußen auf den Häusern die Fahnen hochgehen. „Die Fremde ist da! Erlösung!