Auf der Treppe wurde Robert hart an das Geländer gepreßt. Ein wenig kurzsichtig, tastete er unsicher die Stufen hinunter, die Hand auf dem Leitsteg. Da stolperte etwas hinter ihm, eines Frauenkörpers Nähe schüttete einen taumeligen Schuß Parfüm über Gesicht und Hals und eine Hand tappte schwer und eine Stütze suchend auf die seine. Zwei Ringe brannten ihm tief ins Fleisch. „Verzeihen Sie bitte.“ Über das Gedränge und seine Fährlichkeiten einige unverbindliche Worte tauschend gelangte er mit der Fremden ins Vestibül. Sie hatte ein Neigen des Kopfes, das züchtig schien, sich aber bei näherem Zusehen als die Gespanntheit einer Wildkatze entlarvte. Robert dachte an die Scheue aus der Pause. Wo? Aber das Bild verwischte sich traumhaft.
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Kaum daß er’s merkte, war er mit Sonia, wie Brocken ward der Name hingeworfen, schon ein Stück Straße hinuntergeschritten. In der Wärme einer Kakaostube ihre Glieder fühlend blickten sie sich einander an. Sein verzerrtes, in Bitternis spitz nach dem Kinn hin zusammengefaltetes Gesicht löste in ihr Freude aus. Rasch durchbrach sie alle Dämme des Vorspiels, trieb ihn, kaum daß er sich wehrte, rasch aus den Positionen der Konvention, und schickte sich
schon an, die Fahne ihres Lachens aufzuziehen, als sie sich plötzlich von seinem ruhigen Spott umstellt sah und vor sich eiserne Tore fühlte. Sie fauchte etwas und schob sich leise näher. Aber Robert, seine Ruhe um sich schlagend, ergötzte sich an ihrer animalischen List. Ließ seine Hand in ihrem Atem wie in einem Bad. Plötzlich aber griff er Sonia am Arm, dicht unter die Achsel und riß sie an sich. Sie knickte mit einem kurzen Freudenlaut zusammen, so daß der Malayenboy an den surrenden Teemaschinen diskret fortsah. Die halb geöffneten Augen demütigten sich in Ergebung. In Robert jedoch brachen die Sinne, halbverhungerte, struppige Tiere, aus ihren vermorschten Fesseln. Die Kontrolluhren seiner Gleichgültigkeit blieben mit einem Ruck stehen. Vulkanisch quoll Dampf in ihm auf und legte sich graurot über alles Geschehen.
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Die Stube brütete warm wie ein Raubtierkäfig. Robert lag gestreckt auf die Chaiselongue und blickte zum Fenster hinaus. Gewißheit tropften die Sterne. Unabänderlichkeit. Die Nacht tönte. Die Höfe schollen vom Atem der Schläfer wie riesige Trompeten. Lauschend bog er den Kopf vor. Da — weit hinten stieg ein Schrei auf. Anschwellend. Wachsend. Als ob jemand geschlachtet würde. Stieg. Und stieg. Robert warf sich ein Kissen über das Gesicht. Er hörte, wie der Schrei sich abstieß von der Erde und flog. Herflog. Europa schrie. Ein Verwundeter schrie. Nun hatte der Schrei sich in Wolken eingenistet, Sturm blies ihn auf, jetzt war er über der Stadt. Breit wie ein Mantel überdeckte er sie. Senkte sich. Zerfetzt floß ein Kreischen heraus. Sausend stürzte er in den Häuserschacht, rannte sich steil an den Wänden und spie zerrissen sein Echo wieder empor. Die Fenster bogen sich unter dem Anprall. „Peter! Was willst du?! Ich schieße ja schon!“ Robert flog aus den Decken. Sein Körper leuchtete zitternd
im Dunkel. Stumm lächelten die Hausgiebel mit den fehlen Bodenluken. Sonia, gestört, fiel im Traum, und bog schleifend den Fuß in einer Deckenfalte. Dann erwachte sie, sah Robert starr gegen das Fenster gerichtet, und weich mit den Linien des Lagers verschmolzen bot sie sich ihm an. Aber er wich in die tiefen Schatten der Stube. Nur einen Augenblick sah sie eine zusammengehämmerte Faust, von Adern hügelig überflossen. Angst pfiff ihr in der Kehle. Leise tappte sie nach der Tür, die Fußsohlen behutsam vorschiebend. Wie Büsche auf dunkler Landstraße, hinter denen Wegelagerer hocken, drohten die lichtlosen Ecken. Jemand knirschte mit den Zähnen. Wer? Robert? Oder ein phantastisches Ungeheuer, das in seinem Versteck riesenhaft sie überwuchs?! Jetzt galt es, einen Mondstreif zu passieren. Sonia zauderte. Schon erglänzten die Nägel ihrer Zehen. Milch puderte sich um die Knöchel. Dann stand sie gereckt in der Helle. Verstand, sich an dem glasigen Feuer ihrer Haut entzündend, weckte sie auf. Hoch warf sie die Arme. Dehnte sich satt und schlank, sich selber fühlend im Licht, das wie ein Schuppenpanzer sie sichernd umschmiegte. Dann sprang sie, aufgescheucht vom dumpfen Niederbruch eines Körpers, in einem Satz aus dem Zimmer.
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In den nächsten Tagen gebar sich in Robert eine Unruhe, von der er nicht recht wußte, wo sie entsproß. Pochte der Briefträger an den Flurtüren der niederen Stockwerke, flog schon Robert, Sinnlosigkeit dieses Entschlusses verzweifelt erfassend, zum Flur. Langsam stieg dann das Stoppelgesicht des Postboten aus der Versenkung der dritten Etage und schwenkte in verwunderter Verachtung hinauf zum Dachgang, um auf der anderen Seite des Hauses endlos die Stiegen hinabzuklopfen. Kann sie mir schreiben? grübelte Robert im Dunkeln, die Zwecklosigkeit dieser Frage bitter im Munde
spürend. Wer denn überhaupt?! Wer, zum Kuckuck?! Er bekam das Gesicht nicht zusammen. Hinter seinen Augen fühlte er Schmerz. Ausgerodet lag ein kleiner Platz im Hirn. Winzige rote Feuerkugel, scharf zusammengeballt, kohlte der Blick der Fremden und riß mit zündenden Rändern alle Fasern in seinen knisternden Kreis. Durch die Stube gegen die Tür stürzend dröhnte Robert gegen das Holz. Das Gesicht! Ich habe das Gesicht verloren. Mir ist wie jenem Mann, den am Nordpol einer traf, als grunzenden Gesellen, ein halbes Schwein, das kaum essen konnte. Der hörte das Wort „light“. Sein vereistes Gesicht brach plötzlich von innen zusammen. „Light?“ In ihm sagte etwas Ja! auf light. Was, was? So wie wenn der Pelz am kalten Abend um die Brust einen Ring von Wärme lagert, in dem man in Schlaf fällt. Light? Gesicht! In Robert stiegen Schreie wie Notsignale eines Schiffes, verirrt in der Wasserwüste. Abgetrieben von der Küste der Erinnerung blieb ihm nichts übrig, als zu beten. Zwischen ausgelaufenem Heringskopf vom Abendbrot und fettiger Zeitung faltete er die Hände. Den Mund schon öffnend fiel ihm die Bibel ein. Ruth! Und mit suchenden Augen raste er in die Kapitel, bis die Seiten des Buches ihm über das Haupt aufwuchsen wie zwei riesige weiße Flügel, in deren Schlag er mit müde gehetzten Zügen versank.