Scheu hatte er sich in die Kissen gedrückt, wenn die Nebenmänner starben. Bis ihm der schrille Schrei Mutter in allen Sprachen geläufig und der einwickelnde Griff der Totengräber eine technische Fertigkeit geworden waren. Robert drehte hastig das Licht aus. Schlafen, Ruhen. Wohlig das Schmiegen der Kissen auskosten. Nicht denken. Alles ist doch gleichgültig. Kann ich’s ändern? Morgen male ich wieder Zahlen. Elbinger Stahlwerke. Na, wenn schon. Nur schlafen. Hat Limm nicht eine neue Borte um die Mütze gehabt? Oh, wie müde, wie müde. Peter, armer Peter. Bochumer Hütten stiegen auf 300. Schlafen, ist ja egal —, ah — wie müde, — wie müde — —.

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Nun hatte er sich doch verleiten lassen. Fünfzig Groschen waren vom kargen Gehalt übriggeblieben. Schon saß er wieder in seinem geliebten Prinzentheater auf einem hinteren Parkettplatz. Es tat ihm leid. Das weiche Polster unter ihm brannte ihn. Die Leute schwatzten rings aufgeregt, begierig auf das Spiel, der Straße noch nicht ganz entfremdet. Wie fern ihre Erregung Robert schien. Er saß wie hinter einer Glaswand. Fest eingekerkert in seine Elendsaura, die nichts Fremdes zu ihm hindurchließ. Sein Blick strich schwerfällig in die Runde. Über erhitzte Gesichter Ankommender, in behaglicher Erwartung schon mit ihren Sitzen innig Verwachsener, über Frauenprofile, die nach Logen spähten, und volle Männergesichter, die quellend über weißem Kragenturm herunterglänzten. Wächsern sah das alles aus. Unheimlich, automatisch eingelernt. Und ich mußte meinen Freund erschießen? Für wen denn? Für die da? Einer jungen Ehefrau Kopf lugte verloren zwischen den Schatten einiger Fräcke. Die sinnlichen Lippen klafften unbeherrscht durch die Hitze des Saales, und sie feuchtete sie mit einem flinken Züngeln. Robert starrte sie an. Seltsam. War er allem so

fremd geworden? Dieser Frauenmund dünkte ihm etwas unerhört Neues, nie Gesehenes. Weiches, verschwimmendes Rot-Dunkel brach in den Saal. Schwingend und lautlos barst der Vorhang auseinander. Isolt klagte.

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In der Pause lehnte er im Gang an einem Pfeiler. Noch rauschte die Musik in ihm. Es schmerzte. Kaltem, finsterem Gebirg gleich schroffte sich Erinnerung in seiner Brust auf und stieß spitz bis in seine Kehle. Aber darüber flogen die Melodien wie ein Schwarm Vögel, der über heimatlichen Auen jubelt. Vor Robert drehte sich der Korridor mit seinen schreitenden Menschen wie ein Filmbild ab. Er stand und horchte beglückt auf das Konzert in seiner Brust. Plötzlich mußte er unwillkürlich die Augen schließen. Jemand hatte ihn angesehen. Aber als er danach forschte, drehte sich bereits wieder der Strom. Und in ihm sang es weiter. Schon fühlte er, wie in ihm der Wille irgend etwas zu tun, freundlich zu lächeln, verbindlich zu grüßen oder einmal zu pfeifen, wie ein helles Schiff mitten in das Geschwader seiner wolkigen Gedanken hineinsegelte. Da schritt wieder das Fremde vorbei. Er spürte es und tat seine Augen weit auf, voll sehnenden Willens, es nicht zu lassen. Da wich ihm unwillig über das hinterhältige Netz seiner Blicke ein überglühter Mädchenkopf aus und tauchte im Gewühl unter. Nur blaß blieb ein Eindruck. Scheu-feindselig das Forschen um die Brauen zur Strenge plötzlich gefaltet. Ruth, die Ährenleserin, auf dem Felde. Er neigte wie ein aus dem deckenden Haufen ziehender Genossen plötzlich in freies Kampffeld Vorgestoßener den Kopf und hob den Arm zum Schutz seiner Wehrlosigkeit. Dann tappte er dunkel zu seinem Platz.

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Wieder nahm ihn Musik und schleuderte ihn, losgerissen, weiter ins offene Meer. Er regte sich tastend. Nicht starb er

daran. Verging nicht vor Süße. Manchmal klangen ein paar Worte der Sänger dazwischen wie leise Hornstöße. Dann sank er wieder unter in Tönen, wurde hochgehoben und trieb in glücklicher Besinnungslosigkeit dahin. Mit einemmal ward es lichter. Ein Gedanke, fremd ihm längst geworden, phantastisch, glomm fern in ihm auf und wühlte sich rasend näher durch die Klangwogen: Das fremde Mädchen. Wer? Wer? O ginge sie nicht fort. Als er ihm hell und lodernd ins Hirn stieß, prasselte zu gleicher Zeit um ihn der Beifall der Zuschauer klatschend nach vorn gegen die erblindende Bühne.

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