* *
Nachtsturm zerwühlte die Bäume auf dem Kirchhof von Messines. Von der Höhe entlud er sich schwarz und abfallend auf die Landstraße. Robert hielt mitten in seiner Schwadron hinter einem Wäldchen. Der Rittmeister klopfte nervös auf das Sattelleder und sah immerfort hastig nach der Uhr am Gelenk. Die Infanterie, zu spät aus ihrem Standort in Werwick abmarschiert, kam nicht. „Absteigen!“ flüsterte Befehl von Kolonne zu Kolonne. Die Dragoner glitten zur Erde. Aus unnatürlich geweiteten Augen schrie es wie Bitten zu den Leutnants. Robert tastete nach seinem Spielkameraden Peter, der neben ihm hockte und Unverständliches murmelte. Die Karabiner, geprüft, knackten wie scharf zertretenes Holz. Langsam verlor sich das Schnauben der zurückgeführten Pferde. Die Menschen, letztes Leben in der Brust, blind gebetet
in verquollenen, verschluckten Seufzern, hüllten sich in die dunkle Stille. Da schnitt ein Signal sie entzwei, sie riß und zerkrachte in einem kollernden Gebrüll der Aufstürmenden. Sie schrieen vor Angst, Wut und Verzweiflung. Robert und Peter bebten Seite an Seite den Hang hinauf, willens, den niederzustechen, der nicht in gleicher Richtung rannte wie sie. Wie ein Rudel entfesselter Tiere sprangen rings von Grabenscheit und Brottasche umflogene Schatten mit ihnen. Da, als ihr Keuchen schon fast schaumig um die schartenzerlockerte Kirchhofsmauer brandete, setzten sich die dahinter zur Wehr. Peter tat einen seltsam hohen Sprung nach vorn und klumpte schief zusammengestoßen auf einen Haufen. Einen anfeuernden Feldwebel, dem Schweiß und Blut unter zerbeultem Kuppenhelm über das entstellte Gesicht troffen, mit dem Fuß zurückstoßend, beugte sich Robert über den Freund. Der schrie, wild, hoch und haltlos, grotesk die Hände auf den Unterleib krampfend. Dann riß er sich die Kleider auf. Gräßlich lag die von zackigem Geschoß gerissene Wunde bloß. Robert stand, die Hände steif, unfähig sich zu bewegen. Flau kroch ihm ein Ekel über Gaumen und Schlund. „Hilf mir!“ brüllte Peter und sucht entrinnendes Gedärm in den Leib zurückzustopfen. Kasernenparaden, Abschiedsjubel heldisch aufgeblasener Backfische, die salbungsgeschminkte Miene des Oberlehrers Drews bei Erläuterung des dulce et decorum hetzten sich bunt in Roberts schwindelnden Sinnen. Er röchelte, als er des fetten Pensionswirtes schmatzenden „Endlich“ gedachte, da die Depeschen der Kriegserklärung über den Kaffeetisch flogen. „Hilf mir!“ Peters Heulen brach an den schmerzgepreßten Zähnen zusammen. Da mußte Robert grinsen vor Leid. In ihm schwoll Tränensturm tobend hoch. Ein schreckliches Lachen floß ihm breit heraus, als er die Reiterpistole vom Gurt riß und dem sich in Todeswehen bäumenden Freund mitten zwischen
die entsetzten Augen schoß. Dann stürzte er um, mit dem verzerrten Gesicht tief in eine zertrampelte Kotlache schlagend.
* *
Mit hurtigen Schritten trappelten am Abend, wenn sieben scharfe Schläge die hohe, steife Standuhr in den Saal warf, aufgeregt die Bureaufräulein an Robert vorbei, Sehnsucht nach Schwatz mit dem bestellten Liebhaber oder einem friedlichen Abendbrot an runden, behaglichen Familientischen in den Blicken. Gemessen grüßend, immer noch stolz auf den für zwanzig Dienstjahre von der Bank gestifteten Jubiläumsüberzieher, schritt Herr Stollweg ihnen nach. Andere folgten, und ihre Sprache überstürzte sich im Gefühl soeben gewonnener Freiheit. Wenn der Hausdiener Limm durch Schlüsselrasseln seinen Unwillen über Roberts Hindämmern vor schon aufgeräumtem Tisch demonstrierte, erhob sich auch er. Bewußtsein vollendeten Tagewerks ließ ihn nicht schneller die abendliche Straße hinaufschlendern.
* *
Saß er dann auf dem kleinen Balkon seines möblierten Zimmers vor dünnen Stullen und verpanschtem Bier, hob er manchmal den Blick. Glaube, ein Wunder müsse geschehen, erfüllte ihn plötzlich heiß. Aber gleichmütig zogen die Rauchfahnen der städtischen Fabriken von Ost nach West über die Giebel. Im Hofschacht quoll blaurote Wäsche aus den Fenstern. Die Geranien, verblüht, lösten sich und ließen leise ihre Blätter in die Tiefe segeln. Die tanzten eine Weile, wie nach der Höhe und dem Lichte verlangend. Im dritten Stock schalt eine laute Stimme. Irgendwo schmiß jemand heftig mit Türen. Die Dunkelheit kroch langsam an den Hauswänden empor. Robert sah zu, wie sie ihm die breit auf den Tisch gespreizten Finger überflutete.
* *
Dann ging er hinein und warf sich aufs Sofa. Klopfte mechanisch mit dem Haken gegen die Seitenlehne. Summte bisweilen. Falsch und eintönig irgendeine Wortfolge. Allein, alleine, heute alleine, morgen alleine. Und Zorn schwelte langsam in einer Ecke der Stube und brannte ihn. Warum? Warum nicht mehr studieren, lesen?! Nur weil Peter tot war und noch immer Krieg im Land? Laß die Toten die Toten begraben. Kann ich dafür, daß er fiel? Kannst dafür, kannst dafür! Räche ihn. Warum nicht mehr lärmendes, wohltuendes Ereifern in Disputen, warum keine kosende Liebelei mit zierlicher Grisette?! Vorbei, vorbei, abgestandene Freuden, widerliche Schamlosigkeiten. Kriechen vielleicht zur selben Zeit wieder hundert Peter herum und versiegen in Blut und Schmerz. Ein einzelner bin ich. Kann nur schreien. Nein, nicht einmal schreien. Stände ich auf freiem Platz und täte so, stopfte mir schon gelb behandschuhte Schutzmannsfaust den Mund. Mitten zwischen die Augen. Und hatte doch mit mir Reifen gespielt und Flitschbogen geschnitzt. War hoch auf Boltenbecks Karussell einhergefahren. Was nutzte mir Wissen von Augustin und dem heiligen Franz?! Ach, schön ist es auf der Bank. Zahlen, Zahlen, nichts als Zahlen. Sind zu malen, sind zu malen. Himmelherrgott, bin ich denn verrückt? Verzweifelt sprang Robert auf. Rieb ein Streichholz an. Das Gaslicht surrte trübe auf. Er kramte unter den wenigen Büchern, die unbezähmte Lust ihn trotz aller Gleichgültigkeit zu kaufen getrieben. Aber der Worte Sinn zerfloß ihm. Gerede, Rethorik, Pathos, Tändelei. Wozu?! Die, zu denen mit Feuerzungen gesprochen wurde, tanzten vor Jubel bei Nachrichten von gut gesprengten Minenstollen und ersoffenen Matrosen. Wie sie gestöhnt hatten, Senegalesen und Westpreußen, Sachsen und Gascogner, in dem Lazarett, wo er im Nervenfieber vierzig lange Tage auf dem schweißdurchnäßten Laken vorm Tode gezittert und vorm Leben gebangt.