Er wendete sich zurück und sagte: «Ich mag dir nicht glauben, Schwester. Unsere Mutter hat nicht gewußt, ob sie vergiftet war, und ihr Wille kann nicht gewesen sein, daß ich die Flucht ergreifen sollte, um mich nur mit dem Heer nochmals in die Nähe zu getrauen. Von ihrer unverzagten Stimme hätte ich einen solchen Auftrag niemals gehört.»
«Du täuschest dich selbst, mein Bruder, ich sage es dir wahrlich. Du und ich sind unter allen Menschen desselben Blutes, und wessen ich gewiß bin, mußt auch du in deinem Herzen für sicher halten.»
Er wehrte sich. «Hätte sie es wirklich gesagt in der Angst ihrer letzten Stunde, unsere tapfere Mutter spräche es nicht noch einmal — wenn sie wiederkäme!»
«O daß sie wiederkäme!» rief die Schwester nach der Tür hin; und der Bruder: «Wenn es ist, wie du sagst, kommt sie!»
Beide, nebeneinander gegen den Eingang gerichtet, forderten aus tiefer Seele, daß er sich öffnete und die unverlierbare Gestalt ihn überschritte. Ein heißer Windstoß traf ihren Nacken, das Gewitter rollte heran, Blitze schossen bläulich ineinander und hinterließen Finsternis, ein Schauder durchlief den Menschenleib. Coligny, hinter den Geschwistern, betete nicht mehr, stand wie sie und wartete: da sprang die Tür auf. Alle drei erblickten die Wiederkehrende, sie selbst — im Flackern eines rückwärtigen Scheines. Die Herzen hier innen waren auf einmal verlöscht, und beim ungeheuren Schlag des Donners trat sie ein.
«Meine Königin Jeanne», sagte der Admiral Coligny, und er legte die Hand auf die Brust, wie zur Begrüßung einer Lebenden. Die Geschwister machten einen Schritt ihr entgegen, ein kleiner Laut des Jubels wurde vernehmlich von der Tochter der Wiedergekehrten, und ihr Sohn öffnete den Mund, um laut auszurufen: ‹Da sind Sie, meine liebe Mutter!›
Dazu kam es nicht mehr, weil die erschienene Dame ihren Begleitern winkte und Leute mit Laternen sich neben sie stellten. Da war sie auf einmal anzusehn wie die Prinzessin von Valois, Madame Marguerite, Margot.
Die Versammelten glaubten es ihr nicht gleich. Die Ankunft der Königin Jeanne war viel sicherer gewesen als die der anderen Dame, und noch konnte diese sich zurückverwandeln. Indessen tat sie es nicht, sie behielt das schöne und kunstvolle Gesicht der Schwester Karls des Neunten, sprach auch mit ihrer Stimme, tief und golden.
«Sire», sagte sie zu Henri von Navarra. «Wir suchten Sie im Schloß und fanden Sie nicht. Eins der Ehrenfräulein meiner Mutter erzählte uns merkwürdige Geschichten von dunklen Gelassen. Die Wache am äußersten Tor des Louvre hatte einen Mann hinausgelassen, der vielleicht verkleidet auf Abenteuer ausging. Obwohl Ihr Freund Du Bartas ihm auf dem Fuße folgte, fürchteten wir einiges im nächtlichen Paris für die Sicherheit des Mannes.»
Henri unterbrach sie. «Wer fürchtete denn, Margot?»