Karl der Neunte hängte sich an den Arm seines Schwagers. Ihm ins Ohr, aber darum nicht leiser, sagte er einiges Unflätige, das seine eigene Schwester betraf. Henri dachte angewidert: ‹Wenn er stolpert, laß ich ihn liegen! Soll ich ihm ein Bein stellen?› Er tat es nicht, sondern gelangte allmählich an die Stelle, wohin Karl mit seiner ganzen Schwere ihn zog: der leere Umkreis der Königin.
«Dort ist sie aufgebaut», stotterte Karl, «und wirf sie mal um, wenn du kannst! Wäre sie auch schon tot, sie würde dennoch als Leiche aufrecht stehenbleiben in all ihrem Gold. Das Haus Österreich ist ein unvergänglicher Albdruck, und dies Weib, bei dem ich gelegen habe, erscheint mir dennoch im Traum mit den Zügen der Medusa, so daß mein Blut erstarrt. Die Tochter des römischen Kaisers — kann ein Mensch die heiraten, Navarra? Mein Großvater Franz der Erste hat in Ketten gelegen zu Madrid, und damit er gehen durfte, verlangte Kaiser Karls des Fünften Majestät seinen leiblichen Sohn als Geisel. Sie haben meinen Vater mißhandelt, und auf mir lasten sie vermittels der Tochter des Kaisers Maximilian. Sie halten unter ihren Absätzen ganz Europa. Ihr Gold, ihre List, ihre Armeen und ihre Priester entzweien mir das Volk und verwüsten mir das Land. Navarra!» raunte Karl der Neunte gehetzt, «räche mich! Darum geb ich dir meine Schwester. Räch mich und mein Königreich! Mir ist es verboten; ich bin ein Gefangener, der nicht einmal kämpfen durfte, und werde dahinfahren in Verzweiflung. Gedenke meiner, Navarra! Und hüte dich —» Dies stahl sich nur noch gestöhnt und kaum verständlich aus dem Mund in das Ohr. «Hüte dich vor meiner Mutter und meinem Bruder d’Anjou! Was dir aber auch zustoßen mag, künftig: gib nicht mir die Schuld, Navarra, denn ich hatte nur Furcht. Ich hatte von allen Lebenden die schaurigste Furcht.»
Plötzlich pfiff es in seiner Kehle: das war der Schrecken, hinter der Königin waren ihm zwei Paar stechender Augen begegnet — nur so kurz, als wäre es nicht wahr. Karl schwankte, er hielt sich an seinem Schwager fest, er hatte niemand als ihn auf dieser ringsum sichtbaren Stelle. Sein hugenottischer Schwager machte sich innerlich lustig, damit besiegte er das aufsteigende Grauen. Der König Karl war verstummt, und es verstummte in dem großen Saal sein ganzer Hof — was einer überwiegend feindlichen Aufmerksamkeit gleichkam. Henri fühlte es durchaus, und sein schneller Verstand bestätigte es ihm. Alle diese fanatischen Feinde seiner Religion sahen ihn ungern im Vertrauen des Königs, ihres Herrn. Seine Heirat war ihnen in Wahrheit ein Ärgernis, er hatte es nie bezweifelt, und sie mußten es äußern, sogar ungewollt. Heute befahl Dame Venus, sich zu vermischen, wer man auch war. Dennoch geschah jetzt in ihrer Masse ein Geschiebe und Gestoße; die Katholiken drängten die Protestanten bis gegen die Ränder des Saales. An der unsichtbaren Grenze aber, die um die Königin gezogen war, ballten sie selbst sich zu einem Haufen, der sehr wachsam schien.
Henri sah schnell: nur Bewaffnete — wenn auch vorerst mehr neugierig als angriffslustig. Übrigens hätten sie sich seiner nicht leicht bemächtigt: rückwärts schlossen seine Protestanten ihre Reihen, bereit vorzustoßen. Was die Edelfräulein betrifft, die waren zerstoben, von fern spähten sie, zwitschernd, weil ein Sturm aufzog.
Karl, obwohl nicht bei Sinnen, fühlte die Leere um sich her, und von der entstandenen Schwüle wurde er toll.
«Wein!» brüllte er. «Ich will mit der Königin saufen, bis sie umfällt. Ihr alle sollt zusehen. Trotz dem Gold, darin sie steckt, fällt sie um und nicht ich!»
Sie, die ihn schwerlich verstanden hatte, blieb das unbewegte Bild. Er selbst wurde auf einmal, wahrscheinlich infolge seiner Lästerung, so schwer, daß sein hugenottischer Schwager ihn nicht mehr halten konnte, beide wären gestürzt. Jemand, der herbeisprang, fing Karl grade noch auf. Henri blickte in das unerwartete Gesicht eines Herrn de Maurevert: der Haß verzerrte es. Im nächsten Augenblick drängte ein anderer ihn fort, der Herzog von Guise. «Was fällt Ihnen ein, de Maurevert», sagte er eilig. «Machen Sie, daß Sie verschwinden, ein Mensch wie Sie!» Er stützte Karl. «Faß mit an, Navarra! Der Thron ist uns anvertraut, ihm zur Seite zu stehen.»
«Dafür sind wir herbeigeritten mit unseren Edelleuten aus Lothringen und aus Bearn», fuhr Henri statt seiner fort in derselben übertriebenen Sprache, reckte sich auch wie der andere junge Herr, der hoch und blond war. Sie faßten einander ins Auge über den betrunkenen König hinweg, aber manchmal mußten sie zugreifen, wenn er absacken wollte.
«Setzt mich doch neben die Habsburgerin», flehte Karl der Neunte unter einem Tränenerguß. «Auch ich bin ein kleiner Heiliger — mehr als ihr. Denn beide habt ihr meiner dicken Margot den Rock geschürzt. Du zuerst, aber dich hat sie verlassen.» Damit fiel er gegen Henri von Guise, der ihn Henri von Navarra zuschob. «Dich behält sie», flennte er an der Brust seines Schwagers. «Sie liebt dich, ich liebe dich, unsere Mutter, Madame Catherine, liebt dich sehr.
Der Teufel», schrie er plötzlich, denn die beiden spanischen Priester erschreckten ihn nochmals: er hatte sie inzwischen vergessen. Als er aber die schwarzen Erscheinungen und ihre Blicke richtig unterschied, schien ihm vollends unheimlich zu werden. «Weiß schon, was ihr von mir wollt», stammelte er in ihre Richtung, obwohl sie sich sofort wieder unsichtbar gemacht hatten. «Weiß schon. Soll auch pünktlich geschehen. Ihr werdet es gewollt haben. Ich wasche meine Hände.»