«Mein Leben dahingeben, Sire. Ich werde es verlieren, das ist gewiß. Madame Catherine wird erfahren, daß ich hier war. Auch ihr dient man gut.»
«Was kann ihr das ausmachen?»
«Leiser! Sie ist nicht weit. Ich habe sie überrascht, vor kurzem, als sie aus ihren Gemächern schlich. Ich lag auf einem Teppich, als ob ich schliefe. Allein war ich, war allein», beteuerte sie. «Mein Zimmer hatte ich voll von Fremden gefunden. Sie schleicht aber vorbei, öffnet leis die Tür ihres Sohnes d’Anjou, nimmt ihn mit. Ihren Sohn, den König, hat sie nicht mitgenommen. Auf ihrem Wege kratzt sie an noch mehreren Türen, und mehrere Personen folgen ihr einzeln, ich aber als letzte. O Himmel, ein Versteckenspiel um das Leben!» Ihre Zähne klapperten hörbar.
«Sie sollen alles sehen, Sire.» Nahm ihn bei der Hand, führte ihn hinein in völliges Dunkel. Fräulein! ‹Doch vielleicht das Liebchen eines Feindes, und hier lauert er? Nein. Sondern grade in dieses Gelaß ist sie eingesperrt worden von d’Armagnac, sie kennt hier jeden Schritt. Was ist das, Fräulein? Man tastet hinauf, hinauf. Ah! Sprossen — und die Leiter soll ich ersteigen? Fräulein, halt sie mir fest, sie rutscht. Es geht sehr hoch, aber man fängt an, einen Schimmer zu gewahren. In das Deckengewölbe kann man hineinkriechen, sich bäuchlings auf einen Vorsprung legen, und der reicht durch eine schmale Öffnung bis in einen anderen Raum. Nicht einmal ein Kind könnte sich hindurchwinden. Dennoch sehe ich ein Zimmer — eine Art von Zimmer. Madame Catherine ist solche nicht gewöhnt, dort aber sitzt sie. Ihr Sessel ist mit der hohen Rückenlehne an die jenseitige Wand gestellt, das Licht fällt auf sie von oben und macht sie fahl. Oder was sonst gibt ihr eine Farbe wie Blei? Sie ist in ihrer Witwentracht wie immer, die andern aber kommen aus dem Bett. Da sind die Guise, da ist d’Anjou.› «Fräulein! Kennen Sie einen Herrn de Maurevert?» ‹Der ist es nicht, was täte er dabei?› «Nur still, die Königin spricht.»
‹Nein, die Versammlung findet zu tief unten statt, die Worte verlieren sich wie in einer Felsenspalte. Ich glaube, daß sie gegen ihren Sohn, den König, etwas vorhat, warum wäre sie sonst heimlich ohne ihn hierhergeschlichen. Er verhandelt mit England und den protestantischen Fürsten. Er nennt Coligny seinen Vater. Sie haßt Karl. Ihr rechter Sohn ist d’Anjou, man braucht ihn nur anzusehn: schon seine verkrüppelten Ohren. Er hat dicke Lippen, und alles an ihm ist schwärzlich, auch die Geister, die ihn umschweben. Es hält ihn nicht an seinem Platz, er kann nicht erwarten, was geschehn soll. Jetzt Finger auf den Mund. Schweig, Liebling! Auch der Liebling fehlt nicht.› «Fräulein, kennst du einen Liebling, der aussieht wie ein Tanzlehrer? Heißt er Du Guast?»
‹Sie antwortet nicht, und wir müssen auch vorsichtig sein. Hier wird jemandem nach dem Leben getrachtet. Wenn nicht Karl es ist, bin ich es. Aber sie sollen sich nur vorwagen: Paris ist voll von Hugenotten! Dort in den Keller haben unsere Feinde sich verkrochen, schmieden Mordpläne und sehen fahl aus, besonders der Kardinal von Lothringen. Drück dir die Krempe in die Stirn, damit man deine fleckige Haut nicht sieht, alter Bock! Was der gestern nacht alles getrieben haben wird! Er geht in die Ecke mit Guise, und sie bereden sich. Schöner Mann, Guise. Hat die richtige Länge, um lang hinzufallen. Guise, mein Guise, ich bin der nächste Prinz von Geblüt, nach den blutenden Valois, und nicht du, sondern ich hab ihre Schwester.
Aber der wird laut, er läßt sich nicht aufhalten, endlich hört man. Am Hof soll der andere getötet werden. Wer? Karl? Ich? Unmöglich der Herr Admiral: er geht zum Heer nach Flandern. D’Anjou macht gierige Augen: dann ist es Karl, sein verhaßter Bruder. Nein, Madame Catherine will das nicht, sie gebietet Schweigen, der Tod ihres Sohnes kommt ihr immer noch früh genug. Sie wispert: alle müssen sich zu ihr neigen, besonders aber dieser — wie heißt er, dem die Augen so eng beieinander liegen, und ich fragte mich vorhin, was er hier tut? Das ist doch unsinnig, sie können nichts unternehmen. Aber Guise zieht ihn besonders beiseite — ich weiß wieder: ein Herr de Maurevert.
Was ist das, d’Anjou bekommt einen Anfall, hat er das oft? Er will nicht länger warten auf den Tod des Mannes, der ihm seinen Bruder zum ärgsten Feind gemacht hat. Wen meint er? Dennoch Coligny? Eher ist es Geschwätz, da seine Kraft nicht ausreicht für das, was sie bereden. Übrigens zeigt seine Mutter sich ungnädig und will aufbrechen. Es wird Zeit, daß auch ich — Guise verläßt das Zimmer, er wird den andern den Rückweg sichern. Sehr komisch, wenn wir beide uns in den Weg liefen! Nur schnell die Leiter hinab.› «Fräulein? Wo steckst du, Fräulein?» ‹Hat mich allein gelassen, ich muß selbst meinen Weg suchen.›
Den fand er dann auch, zurück enteilend durch die Gesinderäume, wo sie erwachten und ihm blöde nachgafften; und der Ort, an dem er in den alten Hof hinaustrat, war entgegengesetzt dem vorigen Schauplatz, hinter der berühmten kleinen Treppe der Günstlinge und Verschwörer, die zugelassen werden in die Königsgemächer. Auf der anderen Seite der Rampe erschien gleichzeitig Guise. Schnell sprang Henri vor und stellte sich auf die erste Stufe: hier bemerkte ihn Lothringen. «Woher du nur kommst so früh, Navarra?»
«Ist es früh, Guise? Da siehst du es, meine verehrte Schwiegermutter empfängt mich zu jeder Stunde.»