«Ich glaube es nicht.»
Der Sohn hörte: Du bist ein Narr. Die Tochter begriff: Sie lebt nicht mehr. Einen Augenblick neigte Margot sich in ihr Buch, indessen Karl einen Anfall bekam. Er werde seinen Bruder d’Anjou verhaften lassen, so schrie er. Die eigene Mutter trachte ihm nach dem Leben und wolle den anderen auf den Thron erheben. «Ich aber hole meine Protestanten zu Hilfe. Ich werde nur noch regieren mit dem Herrn Admiral Coligny!» rief er knabenhaft, bei eigenem Grauen vor so viel Kühnheit. Die Wirkung entsprach denn auch den schlimmsten Befürchtungen: seine Mutter weinte. Madame Catherine wandte Steigerungen an. Zuerst stieß sie mit den kurzen Armen um sich. Langsam verwandelte ihr großes, schweres Gesicht sich in das unschuldige eines kleinen, verzweifelten Mädchens. Hierauf bedeckte sie es mit den Fingerchen, zwischen denen sie aber hindurchspähte, und dabei winselte sie. Immer höher und schriller winselte sie, ohne daß über die Fingerchen der kleinste Wassertropfen rann.
Madame Catherine konnte alles anschaulich machen, nur Tränen nicht. Karl bemerkte, was ihr gelang. Das andere sah Margot.
Unter Schluchzen brachte die alte Frau hervor:
«Erlauben Sie mir, Sire, daß ich mich in mein Heimatland zurückziehe! Längst zittere ich für mein Leben. Ihr Vertrauen gehört meinen geschworenen Feinden.»
Hierüber mußte er erschrecken, wie sie hoffte, und er erschrak auch. Er wollte ja nur wissen, was heute morgen beschlossen worden wäre, stammelte er hilflos.
«Das Heil Ihres Königreichs», sagte sie: sagte es mit völlig trockener Stimme und einer so fest sitzenden Maske wie je vorher. Man konnte bezweifeln, daß die Szene des Weinens stattgefunden hatte. Ihre Rede erhob sich strafend.
«Und das mußte ohne Sie beschlossen werden. Denn es fordert Handlungen, ungemein, der großen Herrscher würdig, dir aber nicht angemessen, mein armer Sohn» — dies strafend, als gewaltiger Umschwung nach dem Schauspiel der Demut. Madame Catherine saß da, bekleidet mit einer höheren Gewalt, als wenn sie niemals gebeten hätte, nach Florenz abreisen zu dürfen — wo man sie einst hinausgeworfen hatte.
Karl sah auf seine Füße, während in seinem Kopf zu vieles auf einmal irrte, schweifte und sich kreuzte: alle Andeutungen seiner Mutter aus Tagen, die noch keineswegs diese äußersten gewesen waren; damals hatte er die blutigen Vorsätze zugelassen, als wären sie nur ein Alb. Sogar seine Mutter hatte sich ihnen anfangs nicht anders hingegeben als einer angespannten Übung ihres Geistes über Abgründen. Dennoch erinnerte Karl sich sehr genau der Namen Amaury und Ligneroles, zwei Opfer seiner Furcht — schon bei geringerer Gefahr. Inzwischen hatte er sich, als Beweis seiner Selbständigkeit, mit dem Hugenotten Coligny eingelassen, hatte ihn seinen Vater genannt und in allem seinen Rat befolgt. Er war daher an der Schwelle des Krieges mit Spanien. Haus Österreich zog enger die langen Fangarme um ihn und sein vereinzeltes Land; es hatte den Süden, hatte die Mitte der Alten Welt; es verfügte über die Neue und ihr Gold, beherrschte die Kirche, durch sie aber alle Völker, auch seins; und in sein eigenes Schloß und Bett hatte es sich gelegt unter dem Namen einer Erzherzogin, vom Gold und der Macht so starr, daß sie nicht umfallen konnte!
‹Was nun?› dachte Karl der Neunte verzweifelt, während er seine Füße ansah. ‹Sie gehen damit um, zu töten, alle denken nur ans Töten, aber die Guise und auch meine Mutter wollen Franzosen morden, wollen mir meine Untertanen ausrotten. Der Herr Admiral will Spanier töten: das ist mir lieber. Kommt er dann siegreich zurück, muß ich allerdings auch ihn fürchten, er wird der Stärkste geworden sein. Bis jetzt sind die Guise stärker als er und ich. Meine Mutter ist dafür, daß zuerst die Guise herfallen sollen über die von der Religion. Ich soll mich inzwischen still im Louvre halten und abwarten. Meine frische Truppe stürzt sich auf die Partei, die übrigbleibt, und schickt die Führer noch warm ins Jenseits.›