«Wir kennen dich, Philipp. Nur dein Geist liebt das Äußerste.»
«Es ist in der Welt, bevor es in meinem Geist ist. Findest du, Du Bartas, daß man hier noch lange den Verstand bewahren kann? Für meinen Teil werde ich mich den Seewinden aussetzen, und wenn ich ertrinke, soll es gern geschehn, da in Schloß Louvre weit Schlimmeres sich ankündigt.»
«Du verreist zu Schiff?»
«Nach England, Geld aus Elisabeth ziehn.» Die Züge seines sokratischen Gesichtes schoben sich noch enger zusammen unter der hohen Stirn — aus Verachtung für das Geld oder auch für sein Glück. Selbstbetrug war nicht seine Sache, und er begriff, daß ungewollt das Glück sich ihn erwählt hatte, um ihn von hier fortzubringen.
«Madame Catherine hat mich rufen lassen. Ich soll reisen statt meines Herrn, der hierbleiben muß. Was ihm nottut, ist kein schwankendes Schiff, sondern ein festes Schlafzimmer. Wirklich kann aber nur er allein die Geister beruhigen vor ihrem Ausbruch. Mein eigener Geist, o Freund, ist nicht mehr anders abzukühlen als durch die Tiefen der Flut, und mir bleibt zu hoffen nur, daß ich darin versinken muß!» rief er hingegeben — sollte aber leben noch einundfünfzig Jahre, und manche derer, die ihn hier umgaben, keine fünf Tage mehr.
Seine Worte, denen er den Wert von Geheimnissen nicht beimaß, wurden mehrfach belauscht und verstanden, auch von der jungen Charlotte de Sauves. Die Freundin benutzte die erste Gelegenheit, als der König von Navarra seinen Platz neben der Königin verlassen hatte, um Margot zu unterrichten. Sie hatte dabei leuchtende Augen. Sie war in der Zeit, wenn manche das Lächeln des Lebens besonders anmutig erwidern. Ihr Gesichtchen, das von den Jahren bestimmt war, spitz zu werden, bekam in diesem Augenblick einen geistreichen Reiz durch die Neuigkeit, die sie überbrachte. «Madame, Majestät und Margot», sagte sie abwechselnd und konnte nicht genug darauf bestehn, wie tapfer und geschickt zugleich der König von Navarra sich verhielt, da er hierblieb, und da er, um hierzubleiben, seine Königin belog. Denn so stellte die Freundin es dar, in allen Tönen des Lobes. Die Ehre eines Mannes verlangte, daß er sogar seine Liebe aufopferte dem Dienst! Charlotte dachte dabei: ‹Jetzt liegt ihr den ganzen Tag beieinander, aber einmal kommt auch an mich die Reihe, ich bin darauf neugierig. Wenn die gute Margot weiß, daß er sie schon belügt, betrügt sie ihn früher, und er sie mit mir.›
Margot dachte, während sie zuhörte: ‹Die ist neidisch. Mein Glück übertrifft alles, sträflich ist, daß man es mir so sehr ansieht. Ich hätte klug gehandelt, das Glück auf einer Reise zu verstecken, selbst wenn sie weit und gefährlich wäre. Vielleicht brächte man es heil zurück, indes hier — Ich weiß nicht, was meine Mutter vorhat, sie selbst aber weiß es. Daher kann sie gegen mich immer noch ein Blatt ausspielen. Wenn es wahr ist, was Sauves plappert, dann hat Madame Catherine meinem geliebten Hugenotten in den Kopf gesetzt, daß sein Mornay besser als ein König in England um Geld betteln kann. Nein! Anders! Jetzt merk ich erst, daß die Ausrede von Henri allein erfunden ist. Sie merkte es aber, weil ihre Freundin es ihr auf unmerkliche Weise untergeschoben hatte. Er schickt jemanden, damit wir hierbleiben können. Denn er ist zu tapfer, um sich in Sicherheit zu bringen, und er liebt mich so sehr, daß wir unser Zimmer nicht lange verlassen dürfen!›
Dies dachte Margot, bewegt in ihrem Fleisch und ihrer Seele. Sie nahm sich undeutlich vor, noch wieder vorstellig zu werden bei der alten Königin — saß statt dessen, fühlte die Frist vergehn und hatte eigentlich an dieser Stelle schon alles aufgegeben, was nicht die Nacht und ihre Freude war.
‹Mein liebes Herz und meine schöne Liebe›, dachte Henri in den Ausdrücken, die nur laut wurden für sie ganz allein und im den seltensten Minuten. Indessen sprach er abseits mit seinem Vetter Condé über seine Schwester: deshalb hatte er sich von seiner Königin getrennt, für eine kleine Weile, wie er meinte. Es sollte eine wohlbemessene werden. Sein Vetter sagte ihm, daß er selbst der jungen Catherine abgeraten habe, das Haus zu verlassen. «Paris ist unruhig. Das Volk wartet nach seiner Art auf Ereignisse, mit denen es sich aufzuregen hofft. Ich, soviel an mir liegt, würde es bestrafen, nicht, wenn es schon losgelassen ist, sondern solange es noch lüstern schwankt.»
«Glücklicherweise wirst du nicht gefragt. Wir wollen die spanische Weltmacht angreifen, da darf Paris nicht ruhig sein. Aus den Erregungen eines Volkes ist alles zu machen, sogar das Gute und nützliche. Dafür sind wir Fürsten. Meine Schwester hätte doch kommen sollen, wenn meine Hochzeit gefeiert wird.»