Der Bruder bestand darauf, weil er sehr wohl unterschied, warum sie eigentlich fortblieb. Er hatte nicht handeln wollen, wie nach ihrer Meinung der letzte Auftrag ihrer Mutter gewesen war: hatte Paris nicht verlassen, und die von der Religion nicht gegen den Hof geführt. Statt dessen gab er Kraft und Schicksal dahin, um die Prinzessin von Valois zu lieben: das verzieh seine Schwester ihm nicht. Er enttäuschte sie als König und als Bruder. In der jungen Catherine fühlte sich verletzt und mißachtet die tote Jeanne. Für sich selbst aber war die kleine Schwester eifersüchtig auf den großen Bruder, der eine andere küßte. Da er Kathrin kannte wie sein Blut, blieb nichts hiervon ihm wirklich verborgen; er dachte es nur abzustreiten vor Condé, nicht vor sich selbst. So sagte er: «Sie irrt, Vetter, und wenn ich abgereist sein werde, dann mach es ihr klar! Ich verlasse dennoch Paris, wie ihre Meinung und der Auftrag unserer Mutter war. Zwar werde ich nicht anrücken mit dem Heer, aber mit Gold aus England.»

«Du? Unter Säcken gebeugt wie ein Esel?» fragte der Vetter zweifelnd, und es war nur gut, daß er zweifelte, denn so klang wenigstens die Mißachtung nicht durch. Grade hier trat Philipp Mornay zu ihnen.

«Ich selbst soll den Esel spielen, statt Ihrer, Sire.» Er reckte den Hals und wieherte. «Der goldene Esel, ein Zauberwesen, aber eine zu kostbare Fracht führt den Himmel in Versuchung; er läßt die Planken klaffen und den Esel ins Meer versinken: mir sagen Vorbedeutungen, wie es endet. Ihr Leben, Sire, ist bei weitem teurer; man zahlt hoch dafür. Sie wissen wohl, wer», raunte er und deutete durch die Wand hinaus, bis zu einem Ort, wo alles und auch dies Ding gelenkt wurde.

«Dann bleibe ich», entschied Henri sofort. «Es ist sogar besser zu bleiben. Um so eher bin ich Herr meiner Entschlüsse. Ich und der Herr Admiral sind stärker, wenn wir vereint sind.»

«Auf alle Fälle hast du Margot», ergänzte Condé und wendete sich ab. Grade das hatte Henri im Sinn gelegen, er erschrak und schwieg.

Philipp Mornay verneigte sich förmlicher, als unter ihnen sonst üblich war. «Sire, ich bitte jetzt, mich zu beurlauben. Aber da ein Scheidender einem Sterbenden ähnelt, genehmigen Sie mein Vermächtnis! Sie werden hier zurückgehalten, damit die andern nicht rechtzeitig Mißtrauen fassen und alle auf einmal, in einem allzu starken Haufen, sich aus der Stadt schlagen. Nur dadurch trügen sie noch Leib und Leben davon, anders nicht mehr, und haben auch ihren inneren Schutz so gut wie das Tier, das zurückscheut vor dem Schlachthaus. Achten Sie auf die Gespräche ringsum, Sie werden keins belauschen, worin man nicht lieber weit fort wäre und nur noch ausharrt, weil Sie das Kommende geschehen lassen, Sire.»

«Philipp, du hast im Namen des Herrn Admiral eine glänzende Denkschrift aufgesetzt für den König von Frankreich, daß seine Untertanen von Natur nichts so nötig haben, wie zu stehlen und zu töten, wenn nicht Fremde, dann einander. So übertrieben angespannt redest du auch hier wieder. Coligny ist der Freundschaft des Königs versichert. Er hegt noch weniger Mißtrauen als ich, warum bliebe er wohl sonst?»

«Er bleibt, weil ihn das Grab erwartet. Dich aber erwartet das Bett.»

Ein Schub angeheiterter Gäste trennte sie. Als Henri seinen Freund suchte, fand er ihn nicht mehr.

Und Wunder