Aber niemand sah hinaus. Alle, Karl so gut wie seine beiden Gefangenen, klapperten mit den Zähnen und verheimlichten einander ihre Gesichter. Der eine drückte es in seine Hände, der andere kehrte es der Wand zu, der dritte beugte sich tief. «Euch scheint wohl auch, daß es nicht wahr sein kann?» sagte Karl einmal. Er war nicht im geringsten mehr toll, seitdem sie es draußen allzu gründlich waren. «Aber es ist wahr», erklärte er eine Weile später, und zugleich fiel ihm etwas ein, das er sagen sollte. «Ihr habt selbst die Schuld an allem. Wir mußten euch zuvorkommen, da ihr eine Verschwörung angezettelt hattet gegen mich und mein ganzes Haus.» Da hatte er es zum erstenmal von sich gegeben, wie seine Mutter, Madame Catherine, es ihm vorgesprochen hatte, und bei der Erklärung blieben sie. Condé erwiderte heftig: «Dich hätte ich längst umbringen können, wenn ich gewollt hätte, und achtzig protestantische Edelleute, die wir im Louvre waren, brauchten keine große Verschwörung, um euch alle zu erschlagen.»

Henri sagte: «Meine Verschwörungen finden gewöhnlich im Bett statt, bei deiner Schwester.» Er zuckte die Achseln, als ob sich über die Zumutung schwer reden ließe. Er verzog sogar den Mund: in der gegebenen Lage wäre es nützlich gewesen, es wäre geradezu eine Art von Ausweg gewesen, wenn auch Karl ihn jetzt verzogen hätte. Karl indessen wurde lieber wütend, schon wegen der weiteren Eröffnungen, die er seinem Schwager Henri zu machen hatte. Der wußte ja noch nicht einmal vom Ende des Admirals! Daher erhob Karl die Stimme und behauptete, Pardaillan, der Edelmann aus Navarra, der draußen tot lag, hätte vorzeitig den Plan verraten. Er hätte laut hinausgerufen: für den Arm des Admirals würden vierzigtausend abgeschnitten werden.

Hierauf steigerte Karl sich noch, damit es womöglich wie die Rede eines Unverantwortlichen klänge, und derart erfuhren sie das Ende des Admirals Coligny. Sie sahen, beide kalt überlaufen, einander an und nicht mehr auf Karl, der für sich allein weiterbrüllen mußte, bis ihm die Töne ausgingen. Er beschimpfte den Admiral als einen Betrüger und Verräter, nur bedacht auf das Verderben des Königreichs und der furchtbarsten Rache wert im Übermaß. Mit den Worten, die reichlich hervorstürzten, kam unvermeidlich auch der gute Glaube. Karl versetzte sich in Haß und Furcht. Zuletzt hielt er in seinen zuckenden Händen einen blanken Dolch. Den aber bemerkten die beiden nicht, ihnen erschienen andere Gesichte.

Sie sahen den Feldherrn aus seinem Zelt treten, das Heer ringsum, und sie selbst hielten ihre Pferde schon am Zügel. Sogleich wurde in den Kampf und dem Feind entgegengeritten, fünfzehn Stunden ohne abzusitzen, herrlich, unermüdlich, wir fühlen den Körper nicht. Der Wind nimmt uns auf, wir fliegen, die Augen werden immer heller und schärfer, wir sehen so weit wie nie vorher, weil wir jetzt einen Feind haben. Dem Feind entgegenreiten, völlig schuldlos, rein und neu, während jener voll Sünden ist und bestraft werden soll! Das und nichts anderes war für sie der Admiral Coligny in der Stunde, da sie seinen Tod erfuhren. Henri dachte daran, daß seine Mutter Jeanne vertraut hatte auf den Herrn Admiral, jetzt aber lebten weder er noch sie. Da ließ Henri den tollen Karl toben, bis ihm die Stimme versagte, er aber setzte sich auf eine Truhe.

Karl wurde heiserer, herein drang, wie vorher, das heulende Mordgeschrei. Als Karl sich endlich in gewöhnlicher Stärke verständlich machen mußte, befahl er ihnen, ihren Glauben abzuschwören: nur so könnten sie ihr Leben retten. Condé rief sofort, daran wäre kein Gedanke, und der Glaube zählte höher als das Leben. Henri winkte ihm ungeduldig und beruhigte Karl: darüber ließe sich reden. Der Vetter indessen wollte durchaus den bisher versäumten Widerstand nachholen. Er riß das Fenster auf, damit das Sturmgeläut eindränge, und dahinein verschwor er sich, die Welt könnte untergehn, er aber bliebe dennoch treu der Religion.

Henri schloß das Fenster wieder; von dort ging er zu Karl, der mit seinem Dolch in der Hand vor einem festungsartigen Schrank stand: Querbalken, Kanonenkugeln aus schwarzem Holz und eiserne Beschläge. Henri näherte sich dem Tollen ruhig, aber fest, und sagte ihm ins Ohr: «Toll ist der da, mit seiner Religion. Sie, Sire, sind gar nicht toll.» Karl hob den Dolch, aber Henri schob seinen Arm beiseite. «Das laß nur, mein Herr Bruder!» Wie kam er grade auf das Wort? Karl, es hören, und er verlor den Dolch, der fiel und fortsprang. Die Arme um den Nacken des Freundes, Vetters, Schwagers oder Bruders schluchzte der Arme: «Ich hab es nicht gewollt.»

«Das kam ich mir denken», sagte Henri. «Aber wer hat es dann gewollt?» Antwort gab nur, aus unbestimmter Entfernung, das heulende Mordgeschrei. Karl machte, mitten in seinem Weinkrampf, dennoch eine Bewegung nach einer der Wände, als ob sie Ohren hätten. So stand es, und auch diesmal mochte seine Mutter Madame Catherine ein kleines Loch gebohrt haben, nach ihrer Gewohnheit, um hier hereinzuspähn. Wahrscheinlich aber lauschte sie dem Mordgeschrei, denn man konnte nicht anders, ausgenommen war nicht einmal eine abgehärtete Mörderin. Sie watschelte und irrte durch ihre Zimmer, ihr Stock tastete unsicherer als sonst nach dem Boden. Sie prüfte die Festigkeit der Türen, sie schielte an ihren breiten, unerschütterlichen Wachen hinauf, wie lange die sie schützen würden. Verzweifelte Hugenotten, und wären es die letzten gewesen, kamen vielleicht auf den Gedanken, einzudringen und ihr noch schnell das teure alte Leben zu nehmen, bevor auch sie hinunter mußten. Das große, fahle Gesicht blieb ausdruckslos, die Augen ohne Glanz. Einmal trat sie zu einem Kasten und überzeugte sich, daß Pülverchen und Fläschchen in Ordnung wären. Die List blieb immer noch übrig, und selbst Leute, die eindrangen, um zu töten, ließen sich am Ende bereden, vorher eine Erfrischung anzunehmen.

Henri lachte, er kicherte in sich hinein: das war unaufhaltsam wie das Schluchzen Karls. Das Komische wird durch Grausen noch komischer. Im Ohr hat man das heulende Mordgeschrei, vor dem Geist aber erscheinen die Schuldigen mit ihren Häßlichkeiten und Gebrechen. Das ist eine große Wohltat, denn am Haß würde man ersticken, könnte man nicht lachen. Henri erlernte in dieser Stunde zu hassen, und es war ihm dienlich, daß er sich über das Verhaßte lustig machte. Dem düsteren Vetter Condé rief er zu: «He! Stell dir d’Anjou vor. Heult Tue! und kriecht dabei unter den Tisch.» Was zwar den Vetter düster ließ wie vorher, nicht aber Karl; dieser forschte begierig: «Wahr und wahrhaftig? Mein Bruder d’Anjou kriecht unter den Tisch?»

Das hatte Henri gewollt, mit den Gefühlen Karls für den Thronerben hatte er gerechnet. Es war gut, ihn auf den ungeliebten Bruder abzulenken, damit er vergaß, daß er hier seine hugenottischen Verwandten in seiner Gewalt hatte und daß er toll war. Besonders gegen dringende Gefahren ist das Komische gut: die Vorstellung lächerlicher Dinge kann Gefahren wenigstens vermindern. Henri, der in dieser Stunde den Haß erlernte, begriff zugleich den vollen Wert der Heuchelei. So rief er offen und ehrlich: «Ich weiß wohl, mein Bruder, daß ihr alle es im Grund nicht böse meint. Ihr wollt euch die Zeit vertreiben wie in einem Turnier oder Ringelspiel. Tue! Tue!» machte er nach und heulte auf eine Art, daß jedem die Lust vergehen mußte.

«Das ist deine Meinung?» sagte Karl auf einmal ganz erleichtert. «Dann will ich es dir nur gestehn: ich bin nicht toll. Sie lassen mir nur keinen anderen Ausweg. Bedenke, daß meine Amme eine Hugenottin ist und daß ich seit Kindesbeinen eure Lehre kenne. D’Anjou will mich töten», kreischte er, die Augen rollend, plötzlich wieder verdächtig nahe seiner Tollheit, ob sie nun echt oder unecht war. «Sterbe ich aber, dann räche mich, Navarra! Räch mich und mein Königreich!»