«Wir machen gemeinsame Sache», bestätigte Henri ihm nachdrücklich. «Du wirst toll sein, wenn du mußt, und ich ein Narr, weil ich es wirklich bin. Soll ich dir gleich ein Kunststück zeigen? Ein hübsches Kunststück?» wiederholte er zögernd wegen seines geheimen Zweifels, ob dies gut verlaufen würde. Im Rücken Karls hatte der festungsartige Schrank, Querbalken, Kanonenkugeln aus schwarzem Holz und Eisenbeschläge, sich unmerklich geöffnet: nur Henri sah es, und soeben erkannte er die beiden Gesichter, die hervorlugten. Er bedeutete ihnen durch Blicke, noch zu warten. Inzwischen machte er für Karl Hokuspokus mit den Händen, wie die Betrüger auf Jahrmärkten. «Du glaubst natürlich», redete er im aufschneiderischen Ton solcher Leute, «wer tot ist, ist tot. Aber nicht wir Hugenotten: mit uns ist es nicht so schlimm. Sei beruhigt, Herr Bruder! Achtzig Edelleute habt ihr mir alles in allem umgebracht im Louvre, aber die ersten zwei sind schon wieder lebendig geworden.»

Er bewegte seine Hände, die zehn Finger schlängelnd, von oben nach unten über den Schrank hin, und dies aus einigem Abstand, um nicht zu nahe zu sein an dem Zauber, der vorgehn sollte. Auch Karl trat zurück, die Mienen voll Mißtrauen und Furcht. «Hervor!» rief Henri, weit auf sprang der Schrank, und schon lagen vor Karl auf allen ihren vier Knien d’Aubigné und Du Bartas. Es ging sehr schnell, der erste Schrei eines neuen Anfalles konnte so eilig nicht aus der Kehle Karls; darum schwieg er und sah sie sich an, die Stirn in Falten. Sie lagen auf den Knien, der Rumpf des einen reichte um die Hälfte höher als der des anderen, aber beide hielten die Hände flach gegen die Brust, wie es sich geziemt für arme Vertriebene, die sich erlauben wiederzukehren aus Bezirken, woher es nicht erlaubt ist. Mit dumpfen Stimmen sprachen beide auf einmal: «Verzeihen Sie uns, Sire, daß wir das Reich Plutos verlassen haben! Üben Sie auch Nachsicht mit dem Nekromanten, der uns dazu bewog!»

Karl gab den Vorsatz, toll zu werden, für diesmal auf. Er setzte sich und sagte: «Ihr habt mir grade noch gefehlt. Steht meinetwegen auf, aber was fang ich mit euch an? Es ist scheußlich.» Dies war sein vernünftigster Augenblick; alles Geschehene und was noch kommen sollte, widerte ihn einfach an und war ihm peinlich — wie es ihm auf seinem Bild gewesen wäre. Ein König aus ermüdetem Geschlecht, weiße Seide, der Seitenblick voll Argwohn und Überdruß, aber der Fuß wird angesetzt wie im Ballett. Karl der Neunte wendet die Hand halb um, die Fläche nach oben: damit gab er allen die Freiheit.

Sogleich machten sie von ihr Gebrauch. Du Bartas ging und schloß die Tür auf. D’Aubigné winkte nach einem der Fenster, wohinein jetzt heller Tag schien. «Unser Glück, daß es offen stand in der Nacht und daß niemand hier war.»

Von der Tür kehrte Du Bartas schnell zurück: er hatte hinausgesehn. Dann bewegte sie sich.

Das Wiedersehen

Die Tür bewegte sich, sie ging auf, herein trat die Königin von Navarra, Madame Marguerite von Valois, Margot.

Ihr Bruder Karl sagte: «Da bist du ja, meine dicke Margot.» Henri rief: «Margot!» Bei beiden war die erste unbewachte Regung nur Freude. Da stand sie, war nicht verlorengegangen, als so viele Hinterhalte und Mördergruben sich geöffnet hatten, und noch immer brachte sie mit sich ihre veredelte Schönheit samt dem Glanz, den das Leben anzustreben schien bis zu dieser Nacht. Beide, Karl und Henri, erschraken inmitten ihrer Freude: ‹Ich war nicht bei ihr in der Gefahr! Wie kommt es, daß man ihr gar nichts ansieht?›

Dies kam aber, weil Margot sich viel Blut und viele Tränen abgewaschen hatte vom Gesicht wie auch vom Leibe, bevor sie sich wieder zeigen konnte, gekleidet in Taubengrau und Rosenrot wie der neue Morgen, die Perlen schimmernd auf der zart blühenden Haut. Das hatte Mühe gekostet! Denn über ihr hatte angeklammert in Todesangst ein schon halb Ermordeter gelegen. Andere hatten zu ihr gefleht und gebetet als zu der Rettung am äußersten Rand, während sie ihr dabei aus großer Not das Hemd zerfetzten und sogar ihre schönen Hände nicht verschonten mit ihren Nägeln, die vor Angst ganz scharf waren. Ein Wahnsinniger wieder hatte vorgehabt, sie selbst zu töten, und zwar einzig und allein, weil er ihren lieben Herrn entsetzlich haßte. «Navarra hat mich geohrfeigt, dafür töte ich ihm sein Liebstes!» hatte Hauptmann de Nançay gekeucht, nah, ganz nah bei ihr — schloß auch schon die ausgestreckte Kralle und glaubte, sein Opfer gefaßt zu haben. Sie hörte sehr wohl noch jetzt, wenn sie es wollte, seinen rauhen Laut, roch seinen gierigen Atem und wußte wahrhaftig nicht mehr: Wie bin ich ihm entkommen — in meinem vollen Zimmer? Denn bis hinter dem Bett lagen sie, wälzten sich, tobten oder waren schon starr und stumm. Das alles trug sie mit sich in ihrem Innern und erschien dabei hell wie der neue Morgen: so wollten es der Anstand und ihre Selbstbehauptung. Mein Herr soll mich lieben!

Sie versuchte Henri anzusehn, genau in die Augen — was ihr merkwürdig schwer wurde. Wider ihren Willen wich sie aus, bevor ihre Blicke beieinander anlangten. Übrigens verfehlte er selbst den ihren und sah an ihr vorbei, wie sie an ihm. Was ist es um Gottes willen? So kann es doch nicht sein. «Mein Henri!» und «Meine Margot!» sagten beide zugleich und gingen aufeinander zu. «Wann verließen wir uns denn? Ist es so lange her?»