Margot ging zum Fenster und sah durch die Scheiben. Sie nahm in ihr Bewußtsein nichts auf: sie wartete einzig, daß Henri käme. Er wird mir in den Nacken sprechen, daß wir nur geträumt haben. Er wird sich lustig machen über alles andere, wie gewöhnlich, und im Ernst wird es ihm ganz allein zu tun sein um unsere Liebe. ‹Nos belles amours›, dachte sie mit seinen Worten. Aber mit ihren eigenen mußte sie denken: ‹Unser Bett ist voll Blut. Wir sind hierhergegangen zwischen seinen ermordeten Freunden. Meine Mutter hat mich zu seiner Feindin gemacht. Er haßt mich. Ihn hat meine Mutter in einen Gefangenen verwandelt. Ich kann ihn nicht achten. So soll das Ende sein.› Indes sie aber das Ende überlegte, begann ihre unwiderstehliche Hoffnung einfach von vorn: ‹Er wird mir in den Nacken sprechen, daß wir nur geträumt haben. Nein!› entschied sie. ‹Wie könnte er es denn, als Mann, der er ist, und mit dem kindischen Stolz, den sie haben. Hinter mir sitzt er gewiß, wendet mir den Rücken und ist gewärtig, daß ich ihn unversehens küsse. Bin ich doch sowohl gelehrter als erfahrener und überdies eine Frau. Mir überläßt er den Fortgang der Dinge, und mir wird wohl noch gelingen, einem Knaben weiszumachen, daß alles, was wahr ist, nicht wahr ist! Gleich fang ich an.›
Statt dessen wurde ihr, bevor sie sich umdrehn konnte, der ungeheure Lärm bewußt. Alle Glocken von Paris setzten ihn ins Werk; nur eine, die einmal früher tief und dumpf gebrummt hatte, blieb jetzt stumm; war zufrieden, die erste gewesen zu sein, und nach vollbrachter Tat schwieg sie. Wie stürmisch aber die Glocken läuteten, hindurch drang das Mordgeschrei. «Hoch Jesus! Alles totschlagen! Tue! Tue!» heulte draußen das Mordgeschrei. Margot: ein Blick auf Platz und Gassen, sie taumelt zurück. Gelehrt und erfahren, nur daran hatte ich nicht gedacht. Was ist da zu machen — mein Kind, mein Schmerzenskind?
Sie wendete sich in das Zimmer: er war nicht hier. Die beiden auf dem Bett stöhnten aus ihrem Schlaf, beide träumten ihre eigene Hinrichtung, die vollzogen wurde beim Lärm aller Glocken und beim Heulen des Mordgeschreis. Die Geräusche waren auf einmal mitten ins Zimmer versetzt, sie bohrten den Kopf mit Schrauben an. Man meinte in einem Sturm zu stehn, man taumelte und wurde gepackt vom Entsetzen. Es kam daher, daß im Nebenzimmer das Fenster geöffnet worden war. Dort hinein war Henri gegangen. Nicht dies alles hören und sehen mit Margot zusammen, sondern allein! War hinübergegegangen durch die fortgestoßene Tür in das Zimmer, das hergerichtet war für seine Schwester und wo der Admiral einst hätte geborgen werden sollen vor seinen Mördern. Margot senkte machtlos die Schultern: ‹Über die Schwelle dort, leider nein. Zu ihm, nicht mehr.›
Er hörte und sah. Der Platz drunten wimmelte von Menschen, die aus den Gassen herzudrängten — alle tätig, keiner als müßiger Zuschauer. Ihr Geschäft war überall das gleiche: töten und sterben; und es geschah mit der höchsten Emsigkeit, dem Schwung der Glocken vergleichbar und angepaßt dem Takt des Mordgeschreis. Pünktliche Arbeit, und dennoch wieviel Abwechslung und Eigenheit! Ein Kriegsknecht schleifte einen alten Mann, ordentlich an die Leine gebunden, über den Boden, damit er ihn in den Fluß würfe. Ein Bürger erschlug einen anderen mit Sorgfalt und Genauigkeit, dann lud er ihn sich auf und trug ihn zu einem Haufen, wo schon alle nackt waren. Das Volk entkleidete die Toten: das war Sache des Volkes, nicht der ehrbaren Leute. Jedem das Seine. Ehrbare Leute entfernten sich eilig mit schweren Geldsäcken; sie kannten in den Häusern der andersgläubigen Nachbarn den Ort, wo etwas aufbewahrt wurde. Manche trugen ganze Truhen, wozu sie wieder die Schultern des Volkes benötigten. Ein Hund leckte seiner erstochenen Herrin die Wunde, der gerührte Mörder mußte ihn streicheln, bevor er zum Folgenden schritt. Denn sie haben auch ein Herz. Sie morden vielleicht im Leben nur einen Tag, aber Hunde verziehen sie alle Tage.
Am Ende einer Gasse war ein Hügel sichtbar, darauf drehten sich die Flügel einer Windmühle, jetzt und immer. Die Brücke über den Fluß würde ins Freie führen, könnte man nur flüchten. Ein Gedränge Flüchtender fiel auf der Brücke unter den Schlägen der Wache. Denn die Wache war unter der Führung von Berittenen zur Stelle und sorgte für die Erhaltung der Sicherheit. Fußvolk und Reiter bewegten sich bequem in den Abständen, die jeder Mordende zwischen sich und den Nächsten offen ließ. Man braucht Raum, wie auch die Biene ihn haben muß für ihre Emsigkeit. Wäre nicht all das Blut gewesen und noch einiges andere, besonders der höllenmäßige Lärm: aus einer gewissen Entfernung hätte man meinen können, diese guten Leute wären auf einer Wiese beschäftigt mit Blumenpflücken. Jedenfalls blaute über ihnen der Himmel in sonnigster Heiterkeit.
‹Sie sind genau›, dachte Henri. ‹Warum so peinlich unterscheiden zwischen denen mit den weißen Abzeichen und den anderen — wenn man schon töten will? Muß man, um das Vorrecht des Tötens zu haben, durchaus ein Weißer sein? Aber sie töten nicht für sich, sondern für andere, im Auftrag, um der Sache willen: das macht ihnen das gute Gewissen. Bei aller ihrer Wildheit, die ganz wie eine befohlene Wildheit aussieht, bleiben sie ordentlich und arbeitsfroh. Dort errichten einige einen Galgen. Sie werden damit fertig sein, wenn schon alle tot sind, und können nur Leichen daran hängen. Das stört sie nicht, tun sie es doch nicht für sich selbst. Niemals handeln sie für sich: das will ich mir merken. Wie leicht man sie zum Schlechten und Schädlichen bringt! Schwerer wird es halten, etwas Gutes von ihnen zu erreichen. Ehrbare Leute und Volk — zusammen ergibt das, wenn die Gelegenheit günstig ist, das gemeine Pack —› dachte Henri, und dasselbe Wort war im Gehirn des sterbenden Coligny das letzte gewesen.
Vereinzelt trat auch der helle Wahnsinn öffentlich auf. Er stolzierte über den Platz, ohne sich weiter nützlich zu machen bei dem allgemeinen Geschäft: nur seine Stimme kreischte unverkennbar. «Laßt zur Ader! Nur immer zur Ader lassen! Die Ärzte sagen, daß im August ein Aderlaß so gut ist wie im Mai.» Das rief allen Tätigen zu ein Herr de Tavannes, selbst faßte er nichts an. Dafür hatte er mit Madame Catherine im Rat gesessen, als dies Unternehmen beschlossen wurde, und war im Rat sogar der einzige Franzose gewesen.
Jetzt aber wird aus der Gasse jemand herbeigeführt von einem allein arbeitenden Weißgardisten, der ganz für sich pflichtbewußt heult: «Tue! Tue!» Henri will aufschrein, der Laut kommt nicht. Er will eine Bewegung machen, eine Waffe holen und hinunterschießen. Ach, umsonst, auf Erden sind Geopferte und Henker. Der dicke alte Mann, mein Lehrer Beauvois, hat sich nicht schleppen, nicht stoßen lassen, er ist anständig mitgegangen mit dem Heulenden. Er ist ein Philosoph und hält das Leben nur soweit für wünschbar, wie die Vernunft reicht. ‹Herr de Beauvois, was tun Sie? Hinknien in Ihrem Faltengewand, gefaßt und voll Erkenntnis. Die Handflächen aneinanderlegen und geduldig warten, bis der Henker das Schwert gewetzt hat. Herr de Beauvois, mein guter Lehrer!›
Henri ließ sich zu Boden fallen, das Gesicht versteckte er im Arm und sah daher nicht, wie glatt dem dicken alten Mann der Kopf abgeschnitten wurde. Ihm blieb auch unbekannt, daß aus dem nächsten Hause eine Frau gerannt kam mit einem Gefäß: darin fing sie das hervorschießende Blut auf und soff es.
Als Henri zu sich kam, fand er die Tür nach dem ehelichen Zimmer geschlossen. Margot hatte sie geschlossen.