Da schüttelte ihn Reue von Grund auf, er mußte sich mit Fäusten und Zähnen an das Bett klammern. ‹Ich kannte die Hölle nicht. Wo war mein Ernst! In meiner Leidenschaft für Margot? Auch dort nicht. Sonst hätte ich sie geraubt und fortgeführt von diesem Hof. Ihn aber wollt ich nicht verlassen, wegen seiner Kühnheit und Gefahr, aus Neugier auf die Furcht — und weil ich spielte wie ein Kind, anstatt den Blick auf die Hölle zu richten!› Nochmals großes Schütteln der Seele, und davon zitterte auch das Bett.

Ja, sein ungeheuerer Mißerfolg machte, daß er seine Jugend verfluchte. ‹Ich, der den Herrn Admiral belehren wollte! Ihm vorwarf, er führte nutzlos Krieg. Coligny hatte aber den Glauben, der frei macht — von Spanien oder von den verderblichen Leidenschaften. Er kannte die Hölle, gegen sie kämpfte er. Ich — lief in sie hinein!› Zuviel. Hier war er überwältigt. Seine Gedanken gingen in Rausch über, nicht anders, als einen Jüngling die Begeisterung ergreift. So hatte im Meereswind von La Rochelle sein Herz einer neuen Welt entgegengeschlagen — und jetzt wieder einer. Nur ist es diesmal keine weite und freie, vergleichbar dem Reich Gottes. Diese ist voll Schmerz und Schande. Sie wirft Flammen von Schwefel, schon lodern sie nahe, sogleich werden sie ihn einhüllen. Im Rausch seiner Verzweiflung springt er auf und läuft mit dem Kopf gegen die Wand. Noch ein Ansturm mit vorgestoßener Stirn, noch einer. Er denkt nichts mehr außer dieser Bewegung und findet von selbst kein Aufhören. Aber er wird aufgehalten.

Faciuntque dolorem

Zwei Hände drückten ihn auf einen Sitz. — «Ruhe, Sire! Besinnung, Vernunft und Gleichmut der Seele — es sind christliche Tugenden wie auch Vorschriften der alten Philosophen. Wer sie vergißt, wütet gegen sich selbst, wobei ich Sie noch rechtzeitig überraschte, mein lieber junger Herr. War aber dessen nicht gewärtig von Ihnen — nein, von Ihnen nicht dessen, sondern eher, daß Sie die Bartholomäusnacht mit zuviel Nachsicht aufnähmen und, wie soll ich sagen, mit einer lachlustigen Verachtung. Als ich das erstemal zur Tür hereinsah, lagen Sie allerdings auf den bloßen Dielen, schliefen aber, und Ihr Atem ging so friedlich, daß ich bei mir meinte: ‹Stören Sie ihn nicht, Herr von Armagnac! Er ist Ihr König, und diese Nacht war schwer. Wenn er erwacht, hat er alles überwunden, und wie Sie ihn kennen, macht er einen Witz.»›

Diese lange Rede, vorgetragen in kühner, gehobener Art und mit kunstvoll wechselnden Tönen, ließ dem achtzehnjährigen Verzweifelten übergenug Zeit, zu sich zu kommen, oder doch einer zu werden, der dem bekannten Henri ähnlich sah. «Macht er einen Witz», schloß der Edelmann als Diener; sein Herr aber ergänzte ohne Pause: «Ist der Hof noch immer so gut aufgelegt wie gestern nacht? Dann brauch ich zum Abschluß des Festes zwei Pastoren und die Sterbegesänge. Mir zuliebe wird sogar Madame Catherine mitsingen.» Das Lachen blieb im Halse stecken.

«Noch nicht ganz so, wie es sein soll», sagte d’Armagnac prüfend. «Gut genug für den Anfang; aber Sie dürfen nicht bitter erscheinen, wenn man Sie wiedersieht. Seien Sie leicht! Seien Sie frei!» Er sah wohl selbst, daß dies im Augenblick viel verlangt war. Ohne ein Wort legte er dem Herrn ein nasses Tuch auf die Stirn, die vom Anprall gegen die Wand etwas zerbeult war. Dann trug er nach seiner Gewohnheit den Trog herein, für das Bad. «Auf dem Weg nach Wasser», äußerte er und füllte es ein — «bin ich keinem begegnet. Nur eine Tür wurde vorsichtig zugemacht. Während Sie schliefen, war ich sogar auf der Straße, vom Hunger getrieben, denn in den Küchen gibt es nichts, dort ist letzthin mehr Menschenblut geflossen als Hühnerblut, und wer schlachten sollte, ist selbst geschlachtet. Die Straße ist leer, von weitem kamen zwei Männer mit weißen Abzeichen, das fällt auf, man hat Augen dafür bekommen. Schon suchte ich nach einer Zuflucht — da geschah es aber, daß die beiden kehrtmachten und sich entfernten. Wenn nicht alles täuscht, liefen sie davon, denn sie zeigten ihre ganzen Fußsohlen, so hoch schwangen sie die Beine. Sagen Sie mir, Sire, was das bedeutet.»

Henri überlegte es wirklich. «Ich glaube nicht», erklärte er, «daß sie Furcht haben könnten vor uns, die sie fast alle umgebracht haben.»

«Glauben Sie an das Gewissen?» fragte d’Armagnac, beide Arme hochgestellt, jede Bewegung abgeschnitten. Henri betrachtete ihn ernsthaft, wie ein frommes Standbild. «Deine beiden Weißen müssen dich verwechselt haben», entschied er. Hierauf stieg er in sein Bad. «Es wird schon dunkel», bemerkte er indessen. «Wie merkwürdig, dies war kein Tag.»

«Es war ein Tag der Schatten», berichtigte d’Armagnac. «Leise und kraftlos verlief er nach zuviel Blutverlust. Bis zum Abend hielten alle sich hinter ihren Türen, sie haben nichts gegessen, ihre Stimmen sanken zum Flüstern herab, nur in einem bewährten sie vielleicht noch die Fähigkeiten der Lebenden. Denn von den dreihundert Ehrenfräulein der Königinmutter hat keine in ihrem Bett allein gelegen.»

«D’Armagnac», befahl Henri, «ich muß etwas essen.»