«Ich hasse d’Anjou», war die Antwort des Bruders.
«Was willst du von ihm, Franz? Mich soll er nur leben lassen.» Henri sah absichtlich niemals hinüber; dennoch entging ihm nicht, daß unter dem einzigen brennenden Lüster ein Spieltisch aufgestellt wurde. D’Anjou rief auch schon: «Mein Bruder d’Alençon! Mein Vetter Navarra!»
«Gleich, mein Herr Bruder!» beschied ihn Franz von Alençon. «Wir beide erzählen einander etwas Wichtiges.» Was man so gradheraus sagt, kann unmöglich eine Verschwörung sein! Die Vettern brachten noch einigen Abstand zwischen sich und ihre Umgebung. D’Alençon versah seine Reden mit gewissen schroffen und sinnlosen Bewegungen. Einmal schien er ein Gewehr anzulegen. Einmal griff er nach dem Boden, vielleicht ließ er eine eingebildete Meute von der Koppel. «D’Anjou ist verrückt», sagte er. «Alle sind verrückt. Nicht nur den Legaten erwarten sie, und auch das Lob, das Don Philipp ihnen spenden soll, genügt ihnen noch nicht. Sie träumen von nichts Geringerem als dem Besuch des Engländers Walsington. Wer bedenkenlos durchgegriffen hat gegen einen Schwächeren, der meint merkwürdigerweise immer, England müßte ihn dafür lieben.»
Henri sagte: «Vetter d’Alençon, wenn du so vieles durchschaust, warum übersiehst du immerfort das Haus Lothringen. Es will euch Valois vom Thron stoßen. Ich bin euer guter kleiner Verwandter und möchte euch warnen. Soll die Bartholomäusnacht eine christliche Tat sein und das Königreich durch Schrecken zusammenhalten, dann vergeßt nicht, daß Paris in Lothringen schon vorher den größeren Katholiken erblickt hat. Wie erst jetzt, da er dem toten Herrn Admiral hat ins Gesicht getreten!» So sprach Henri fast unhörbar, damit er nicht etwa versehentlich aufschrie oder die Stimme ihm bräche.
D’Alençon wiederholte: «Guise hat dem toten Admiral ins Gesicht getreten, und davon bleibt er selbst gezeichnet. Ihn fürcht ich nicht. Der schöne Mann, den Paris auf Händen trägt! Wie bald ist so ein Gesicht entstellt — auch seins. Hoffen wir: von der Pest!»
Alles dieses wurde begleitet von schroffen und sinnlosen Bewegungen.
«Übrigens», meinte Vetter d’Alençon «wir sind außerhalb des Lichtkreises, und wer nicht recht zu sehen ist, dem hört auch niemand zu — außer den berufenen Spionen meiner Frau Mutter. Sie ist aber heute abend ungewöhnlich beschäftigt und hat sogar vergessen, uns ihre Ehrenfräulein zu schicken.»
Henri schloß: «Ich erlaubte mir nur eine Warnung an Haus Valois. Ich meinte es gut, und meine Achtung vor der Königinmutter ist unbegrenzt.»
Darüber lachte der Vetter, wie über den letzten Witz einer erfreulichen Unterhaltung. «Du hast dich keinen Augenblick verraten, lieber Vetter: ich bezeuge es dir. Ich habe mich in deine Hand begeben und du dich nicht in meine. Indessen kennen wir einander jetzt, und was magst du sonst noch alles gelernt haben heut abend!»
Auch das war richtig. Dieser erstaunliche Irrwisch Franz war indessen verschwunden von der Seite seines Vetters, fortgetragen von einem Schub Höflinge, die nach dem Vorzimmer drängten. Dort entstand schwankendes Fakkellicht, große Schatten stürzten über den Weg, und sehr laut wurde alsbald die Stimme der herannahenden Majestät Karls des Neunten. Er grölte und schien nicht übel toll zu sein. Der sich selbst überlassene Navarra bedachte: ‹Auch ihn werd ich belügen müssen, und er hat mir doch das Leben gerettet. Das nächste Mal wird selbst er es nicht mehr können. Ich weiß, was mir droht: ich habe dem Guise ins Gesicht geblickt. Ich kenne auch die Miene der alten Mörderin, die sich nicht zeigt, bevor die fremden Gesandten aufwarten — und sie warten nicht auf. Die Bartholomäusnacht war ein Mißerfolg, mich aber haben sie. Das kann nett werden. Was, Madame Catherine und Guise! Alle, alle hab ich studiert heut abend, daß mir der Kopf sich dreht wie von zu vielen Büchern.›