Wer zweifelte dennoch ernstlich an dem Sieg? Außer den Christen gibt es die Empfindsamen. Der junge d’Elbeuf war geschaffen, je nach der Stunde zu handeln oder einem Gefühl nachzuhängen. Er hatte begriffen, daß Elisabeth neunzehn Jahre zählte so gut wie neunzig. Er betrachtet Karl den Neunten, wie er seiner Frau nachblickte mit dem Ausdruck, den alle zeigten: Unterwürfigkeit, und darin einiger Aberglaube mit einer Spur von Ironie. Elisabeth war dem König und seinem Hof zweimal vorgeführt worden: an der Schwelle des Gemetzels und gleich nachher. Und wenn Elisabeth über dunkle Treppen wieder hinabgestiegen ist in ihre traurigen Gemächer; ‹Wer umarmte sie›, dachte d’Elbeuf, während er neue Ehrenfräulein aufziehen sah. Schwebend erschien nochmals ein Baldachin.
Die Schau setzt sich prunkend fort — nur einer sah nichts, hörte und roch nichts von allem, was noch vorbeizog. Dieser roch Blut, hörte das Mordgeschrei; sah seine Freunde zum Haufen übereinandergeworfen, in Lagen, wie nur Kadaver. Den ganzen Abend hatte er sich beherrscht, hatte beobachtet, mißtraut und sein Heil gewahrt. Das geht nicht unbegrenzt: wir sind kein Philosoph, auch kein Mörder aus Berechnung, und bei uns ist es nicht kalt wie in der Kammer einer alten Frau. Ihm brannten vielmehr die Brust und der Mund; er verschmachtete, das allein empfand er unmittelbar. Sein umherwandernder Blick suchte zuerst einfach etwas zu trinken. Als er nichts fand, überkam ihn Erstaunen, weil es hier eng war, die Menschen ihm zu nahe. Das Gefühl der Bedrängnis durch die Leiber von seinesgleichen, er kannte es noch nicht, umringt hatte er immer gelebt. Auf einmal entdeckte er, was mit ihm vorging. Er haßte. Er erfuhr den Haß — wilder, ungebrochner als sogar in der Mordnacht.
‹Fallt alle tot um!› fühlte er, schob das Kinn vor und sah umher unter seiner geduckten Stirn, wie er nie vorher getan hatte. ‹Und sollte ich mit euch untergehen! Die Lepra — ich will mir die Lepra geholt haben. Noch bemerkt ihr das erste weiße Korn nicht auf meiner Haut, aber ich stecke euch an, bis ihr zerfressen seid zu eiternden Gruben! Alle — mit euren Gliedmaßen, die jetzt strotzen von meinen Toten! Mich habt ihr übriggelassen, damit ich euren Sieg mit ansehen soll, ausführlich, den ganzen Zug und euren Popanz in Gold! In wen schlag ich die Zähne?› — dachte er und spähte wählerisch nach dem Opfer. Nicht eins der Gesichter, mit ihrer Unterwürfigkeit, Frechheit, Ironie, genügte seinem Durst. Dein Blut, du mein heißbegehrter Feind!
Die Wange eines Neugierigen, der ihn anblinzelte mit deutlicher Vertraulichkeit: eine besonders schamlose Wange! Sie wurde nicht einmal zurückgezogen, als er schon zuschnappte. Er biß denn auch gehörig hinein. Den einen von zwei kämpfenden Bauern, in seiner Provinz, hatte er einst so zubeißen gesehen — was ihm wieder einfiel in dem Augenblick, als er selbst die Zähne aus der Wange zog. Ihm blieben davon sowohl Ekel als Genugtuung. Der Neugierige aber, er, dem das Blut bis über den weißen Kragen lief: warum schrie er nicht? Er hatte kaum gestöhnt. Jetzt sprach er — vertraulich, leise und immer noch in Atemnähe: «Herr König von Navarra. Sehen Sie wohl mein schwarzes Kleid, und was für ein langes bleiches Gesicht ich habe? Sie haben in einen Narren gebissen, denn ich bin hier der Narr.»
Dies hören, und Henri wich von dem Gebissenen, soweit die Enge es zuließ. Der allerdings rückte nach. Die blutende Wange deckte er zu und sagte hohl, aus rasselndem Innern: «Nicht sehen lassen, was wir zusammen gemacht haben! Ein Narr muß traurig sein, er muß das Unglück kennen und gerade dadurch überaus lächerlich erscheinen. Stimmt es? Dann können Sie füglich in meine Stellung eintreten, Herr König von Navarra, und ich in Ihre. Niemandem wird die Vertauschung auffallen.»
Schon war der Narr untergetaucht. Kein Mensch wußte, daß Henri mit ihm zu tun gehabt hatte. Ihm selbst kamen Zweifel. Er hatte hinter sich einige schrecklich verwirrte Augenblicke. Er nahm sich zusammen, um genau zu unterscheiden, was in der festlichen Wirklichkeit vorging am Hof von Frankreich. ‹Oh! das ist Margot.›
Dem Hof von Frankreich erscheint schwebend nochmals ein Baldachin. Darunter geht die Prinzessin von Valois, Madame Marguerite, unsere Margot. Sie mußte den Hugenotten heiraten; mittlerweile weiß jeder von uns, zu welchem Zweck und Ende es geschah. Ihre Heirat hat sich bewährt und ist gerechtfertigt. Wer zweifeln wollte, sehe die Königin von Navarra nur den Kopf tragen und die Füße setzen. Das ist nicht die zu Gold erstarrte Weltmacht, vor der wir uns hinwerfen sollen. Das ist die Leichtigkeit — als ob es leicht wäre, so schön zu sein. Aber unsere Margot triumphiert offenbar mühelos über sämtliche Fehler, ihre und unsere. ‹Heil Ihnen, Madame! Sie verklären auch uns durch alles, was Sie an sich vollbringen, und geben uns viel zurück: das unbeschwerte Gefühl; denn es hatte gelitten durch die vorige Nacht. Man muß gestehen, daß unsere sterbliche Hülle sich einigermaßen voll Blut gesogen hatte. Wir waren hineingefallen und schleppten daran noch. Sie, Madame Marguerite, verwandeln uns in den Schmetterling, flatternd durch reines Licht, schnell vergänglich und doch der unsterblichen Seele gleich. Wir wissen von zwei Göttinnen: Dame Venus und die Allerheiligste Jungfrau. Alle Frauen verdienen daher unseren unterwürfigsten Dank für erwiesene Begnadung und Erlösung. Seien Sie gesegnet!›
Wenn der ganze Hof so empfand, mußte doch ein Höfling der erste sein, es auszudrücken. Dies war ein Herr von Brantôme; er erlaubte sich, die schwebende Hand mit den Lippen zu streifen. Darauf drängten noch andere zwischen die Träger der Armleuchter und berührten die schwebende Hand. Margot als Beglückerin der Menge lächelte über sie hin, nicht ruhmreicher als nötig und eher gerührt. Ihre Füße waren klein, trugen scheinbar leicht, und das Gewicht ihrer Beine wurde von niemand abgeschätzt, obwohl mehrere hätten die eigene Erfahrung zu Hilfe nehmen können. Bevor man sich dessen entsann, wiegte ihr zarter Reifrock sich anderswo. Er war viereckig, schmal über dem Leib, sehr breit an den Seiten. Leise Farben schillerten und zitterten, die helle Hand schwebte hoch darüber — und so wäre auch Margot dort hinten in die Dunkelheit eingegangen. Sie aber dachte nicht daran, sie kehrte um, der ganze Zug mußte mit ihr schwenken: die Geiger, die Bläser, die Edelfrauen, Ehrenfräulein und noch andere Gestalten, sogar ein Affe.
Fast hätte Margot ihren Baldachin verloren, weil sie vorlief und jemand suchte. Den fand sie nicht — unter den Küssen aber, die ihre schwebende Hand erhielt, brannte einer sie auf so sonderbare Art, daß sie kurzweg stehenblieb. Die ganze Schau, die sie nachzog, bekam davon einen Ruck: man trat einander auf die Füße, auch den Affen, und er schrie, Margot stand und wartete. Der Mann mit dem brennenden Mund erhob das Gesicht nicht, obwohl sie ihre Hand darüber hinbewegte und leis einen lockenden Laut wagte. Indessen war sie die öffentliche Beglückerin, die durfte nicht länger verweilen bei einem einzelnen, dem es vielleicht nicht ganz gut erging. ‹Weiter, Margot! Vor und hinter dir sind nur Spioninnen deiner Mutter.›
Aus dem Vorzimmer des Königs, unmittelbar vor ihrem Entschwinden, sah sie noch einmal nach der Stelle. Da hatte ihr voriger Geliebter den Platz gewechselt und war nicht zu entdecken. Enttäuscht bog Margot um die Ecke, lächelte aber.