Sobald sie fort war, wurde nichts Gutes aus dem Aufzug, der nur ihretwegen zusammengehalten und sich ehrenvoll benommen hatte. Die Fräulein von leichten Sitten hatten schon beim Vorüberziehen ihre Begleiter für die Nacht erwählt und nahmen sie gleich mit. Eifersüchtige Edelleute zogen ihre Frauen aus der Menge hervor und wurden ausgelacht. Keine feierliche Schau, nur noch ein zuchtloses Gelichter stolperte durch den großen Saal. Die Musiker sprangen beim Aufspielen in die Luft, und die Kerzenträger löschten die Lichte, bevor sie ihnen umgeworfen wurden. Niemand konnte sich später erinnern, auf welche Weise es zu der folgenden Ausschreitung gekommen war und von wem das verhängnisvolle Wort war gerufen worden.

Vor allem war nirgends die aufgeforderte Person zu erblicken. «Wen suchst du dir aus für die Nacht?» Aber auch der Name «Große Bertha» fiel. Demnach handelte es sich um die Zwergin in ihrem Käfig. Große Bertha gehörte Madame Catherine; achtzehn Zoll war sie hoch und wurde, wo Gedränge herrschte, in einem Käfig getragen wie ein Papagei. Der Diener, der auf einer Stange den Käfig mit der Zwergin trug, führte auch den Affen. Schrie der Affe, schrie jedesmal die Zwergin mit, und ihre Stimme war tierischer. Sie hatte einen zu großen Kopf mit übermäßig gewölbter Stirn, ihre Augen standen hervor, und aus dem zahnlosen Mund rann Speichel. Gekleidet war Große Bertha wie eine Dame vom Stande mit Perlen in den dünnen Haaren. «Große Bertha! Wen suchst du dir aus für die Nacht?»

Das Wesen kreischte bei der Frage ganz gräßlich, besonders der Affe erschrak darüber und gab seiner Leine einen Ruck; der Diener, der sie hielt, wäre beinahe umgefallen. Jedenfalls ging die Tür des Käfigs auf; der Weg war frei für die Zwergin. Alles sah hier noch wie Zufall aus. Erst nachträglich fiel das Zusammentreffen der Umstände auf: der Affe, der ungeschickte Diener, der offene Käfig auf der Stange, vor allem aber das Angstgeschrei der Idiotin, als sie ihr Stichwort hörte. Die Hetzpeitsche der alten Königin hatte es ihr beigebracht, und in wildem Entsetzen führte sie aus, was ihr befohlen war. Gerade geriet sie an den König von Navarra — vielmehr, auch dieser Zufall enthüllte sich erst dem näheren Besinnen als vorausberechnet. Jetzt und hier glaubte man noch, daß die Große Bertha den Navarra selbst erwählt hatte, als sie sprang.

Sie hüpfte von oben an seinen Hals, strampelte, immer weiterschreiend, in die Öffnungen seiner Kleider hinein und war nicht loszumachen. Hatte er einen ihrer Füße aus dem Schlitz seines Ärmels gezogen, versanken ihre Hände um so tiefer in seinen Nacken. Bei seinen Bemühungen drehte er sich um sich selbst: sie tanzten! «Den hat sie für die Nacht ausgesucht, und er freut sich!» So war lange nicht gelacht worden am Hof von Frankreich.

Als Henri alles verloren sah, floh er natürlich. Hinter ihm bogen sie sich, stießen einzelne hohe Töne aus inmitten ihres Blöckens und Röchelns und sanken entkräftet zu Boden. Er aber jagte über Treppen und Gänge, die Zwergin am Hals. Er versuchte nicht mehr, sich ihrer zu entledigen. Ohnedies hatte sie sich schon naß gemacht, und um ihre Anhänglichkeit zu zeigen, leckte sie ihm die Wange. Dies war ein Lauf durch einen Traum verwegener Art. Niemand kam ihm entgegen, und nicht einmal die Lichte brannten heute in den Laternen aus Leinen. Der Mondschein allein streifte zuweilen das Abenteuer.

Er keuchte hörbar bei seiner Ankunft; der aufmerksame d’Armagnac öffnete sogleich. «Wie sehen Sie nur aus, Sire! Und wie riechen Sie!»

«Dies ist meine kleine Freundin, d’Armagnac. Es gibt davon nicht viele.» Und da sie nicht mehr seine Wange leckte, drückte er endlich einen Kuß auf die ihre. «Was aber den Geruch betrifft, d’Armagnac, er ist von allen heut empfangenen Düften und Dünsten der edelste und beste.»

Hierbei bekam er ein bis dahin unbekanntes Gesicht, hart und schrecklich.

Kriegskamerad d’Armagnac erschrak denn auch. Er nahte auf den Zehen, um die Zwergin abzunehmen; sie rutschte schon von selbst vor Müdigkeit. Dann verschwand er mit ihr. Henri betrat sein Zimmer allein. Er schob den Riegel vor.

Eine Stimme