Jetzt liegt er in dem Bett, um das keine vierzig Edelleute mehr stehen und wachen; aber Gedanken fliegen vorbei. Sie sind nicht klar, hängen nur traumhaft zusammen, es sind auch kaum Gedanken. Es ist eine Flucht unvollendeter Bilder oder Sätze, sie stolpern wie das letzte Stück der Schau, als Margot um die Ecke gebogen war. «Mich haben sie! Gehn wir gradewegs zur Messe? Die Raben. Darauf kommt alles an, nicht in dem Brunnenschacht zu liegen. Wie leicht, Sire, konnte Ihnen dasselbe zustoßen. Gruß vom Admiral. Er hat dem Toten in das Gesicht getreten. Für uns fürchte ich das Schlimmste. Herr de Goyon, Sie leben!» Aber er lebt gar nicht mehr — erkennt der halb Schlafende; denn er sieht Tote, und auch sie sehen ihn an; nur räumen sie gleich wieder Lebenden den Platz. «Ob ich lebe! Elisabeth wollte uns Calais wegnehmen. Nein, der Admiral. Tue, tue! Wir haben in der Nacht zu viel oder zu wenig getan. Verstell dich weiter! Die Wand hat ein Echo. Nur unser toller Bruder Karl braucht noch zu sterben. Ich hasse d’Anjou. Hast du Lust, Navarra, ohnmächtig —? Hast du Lust? Laß uns fliehen! Hast du Lust?»
Das letzte war nicht mehr in der Bewußtlosigkeit gesprochen, und es wurde wiederholt, etwas deutlicher, als einem Schlafenden zukam. Sobald er angefangen hatte, sich darüber Rechenschaft abzulegen, öffnete er die Augen und schloß fest den Mund. Trotzdem hörte er weitersprechen: «Hast du Lust? Laß uns fliehen!»
Unter dem Bilde der Jungfrau, das in einer Ecke stand, schwamm ein Nachtlicht in seinem Öl. Von dem schwachen und unruhigen Schimmer bewegte sich das Bild — und sprach es nicht auch? Ein Unglücklicher, der sein Unglück weder begreift noch vermißt, aber es redet weiter selbst in dem Schlafenden: für ihn könnte wohl auch das Bild der Jungfrau die Stimme erheben. Indessen wurde er hierüber enttäuscht. Unter seinem Bett kroch ein Kopf hervor, der Kopf der Zwergin jedenfalls; sie mußte sich eingeschlichen haben. Er neigte sich aus dem Bett, um den Kopf mit der Hand wieder hinunterzudrücken. Da sagte der Kopf: «Erwachen Sie, Sire!»
Wirklich fühlte Henri sich in diesem Augenblick befreit von seinem Albdruck.
Er hatte die Stimme erkannt und sah jetzt auch das Gesicht Agrippas.
«Wo warst du den ganzen Abend?» fragte er.
«Immer in Ihrer Nähe und niemals ausgesetzt den Blikken.»
«Du warst um meinetwillen genötigt, dich zu verstecken, armer Agrippa.»
«Wir selbst haben alles getan, unsere Lage so elend zu machen wie nur möglich.»
Henri kannte den klassischen Spruch und wiederholte ihn mit den Worten des lateinischen Dichters. Dies zu hören, begeisterte Agrippa d’Aubigné, und er begann einen langen Satz, sprach ihn übrigens zu laut für die Stunde und einen solchen Ort. «Sie haben keine Lust, Sire, ohnmächtig abzuwarten, daß die Wut Ihrer Feinde —»