«Lernen Sie es auch!» meinte Madame Catherine. Sie musterte ihn ganz und sagte: «Zaunkönig!» Dies vor ihrem Hof — und Henri verneigte sich denn auch zuerst vor ihr, dann vor ihrem Hof, der lachte: teils aus Albernheit. Manche aber begriffen schaudernd die Lage Navarras und machten sich nur lustig um ihrer eigenen Haut willen. Madame Catherine verriet sich hier. Sie hielt den «Zaunkönig» heimlich im Auge die ganzen Tage, obwohl sie ihn scheinbar nicht beachtet hatte. Diesmal bewegte sie die Hand, davon zog alles um ihren hohen Sessel her sich zurück, und Henri allein stand vor ihr.
«Sie haben gleich den zweiten Tag einen Fluchtversuch gemacht. Die Herren de Nançay und de Caussens sind für ihre Wachsamkeit von mir belohnt worden.»
«Ich habe keinen Fluchtversuch gemacht, Madame. Aber ich freue mich für die beiden Herren.» Er nickte ihnen zu, denn er entdeckte ihre bös grinsenden Gesichter.
«Sie werden mir noch viel zu schaffen geben. Als Ihre Mutter und gute Freundin warne ich Sie.» Das sagte Madame Catherine wahrhaft mütterlich, wie alle feststellen konnten. Navarra aber schluchzte auf, bevor er herausbrachte: «Nie, Madame, möchte ich mich entfernen aus der Nähe einer Herrscherin, die mich an die größten Frauen der römischen Geschichte erinnert.»
So endete die schöne und treffende Unterredung. Sie hatte das Bild des jungen Navarra um etwas gehoben, ihn umgab im Augenblick weniger Geringschätzung. Indessen ändert sich ein Bild von Tag zu Tag, wenn jemand zu vielen verschiedenen Arten der List muß seine Zuflucht nehmen. Zur Abwechslung stellte er sich folgsam, aber unbegabt. Ihm wurde zugemutet, er sollte einen Brief schreiben nach der protestantischen Festung La Rochelle, an den Bürgermeister und die Schöffen, damit sie weit das Tor öffneten für den Kommandanten, den der König von Frankreich ihnen schickte. Er verfaßte etwas überaus Treuherziges, auf das sie, nach ihrer Kenntnis seiner Natur, unmöglich hineinfallen konnten. Daher kam es denn auch nach einigen Monaten zur Belagerung der protestantischen Festung, und dem ganzen Königreich wurde sichtbar, was die Bartholomäusnacht genützt hatte. «Feinde umlegen ist einfach; aber man muß wissen, ob sie nicht stärker wieder aufstehen.» Dies oder etwas Ähnliches sagte Karl der Neunte — oder stotterte es vor sich hin, bei den schlechten Nachrichten aus dem Lande.
Karl war zum Sterben traurig. Des Nachts erschienen ihm Geister, er hörte wieder die dumpfe Glocke der Mordnacht, und Gestöhn antwortete vom Fluß her. Seine Amme, eine Protestantin, trocknete ihm den Schweiß, aber dieser war blutig: so wollte man wissen in Schloß Louvre. Den armen König tröstete einzig sein gutgelaunter Vetter Navarra. «Wer wird sich graue Haare wachsen lassen, lieber Bruder. Hier in Schloß Louvre ist etwas Platz geworden letzthin, und wir leben vertrauter. Die sich haben erwischen lassen, waren dumm. Ich hab schon alle vergessen. Deine Schwester setzt mir Hörner auf, wenn mir recht ist; aber ich habe reichlich Gelegenheit, es ihr zu vergelten.» Schnippte mit den Fingern und schwang sich herum auf den Absätzen, die er etwas höher trug als üblich.
Indessen legte er sich selbst zu Bett, mit dem Vorgehen eines starken Unwohlseins, war auch wirklich feucht und hitzig. Die Ärzte, die namens Madame Catherine ihn untersuchten, stellten es fest, obwohl mit Kopfschütteln. Man kann aber das Fieber bekommen, nur weil man nicht zur Messe gehen will — noch nicht, um Gottes willen! ‹Wenn es denn einmal sein muß, einen Aufschub doch wenigstens, lieber Gott! Laß mich ernstlich erkranken, schicke auch mir blutigen Schweiß oder sogar Geister! Ich will, daß meine erschlagenen vierzig Edelleute um mein Bett stehen sollen. Lieber das, als zur Messe gehen!›
Jeder Tag nähert sich dennoch, und plötzlich erhebt sich der gefürchtete. Dann verlassen wir unsere Zuflucht und fühlen auf einmal die Kraft, ihm zu begegnen. Es war der neunundzwanzigste September, geweiht dem heiligen Michael, dessen Ritter ihren Ordensfreund Navarra umringten auf dem Weg zur Kirche. Er hielt die Augen gesenkt und nahm auch in seinem Herzen nicht Kenntnis von der Menge, die umherstand und ihn begaffte, mißachtete, vielleicht beweinte. Verkleidete Hugenotten verfolgten seinen schweren Gang und verbreiteten nachher im Lande die entsetzliche Bedrängnis ihres geliebten Führers. Er selbst dachte die ganze Strecke an seine Mutter und an den Admiral.
Er dachte: ‹Meine liebe Mutter, sie setzen mir zu, und nicht lange, so werde ich den Befehl und den Auftrag erteilen müssen in unserem Lande Bearn, daß es deinen Glauben soll abschwören. Vertreiben muß ich deine Pastoren, und das ist, als vertriebe ich mit eigener Hand dich selbst, meine liebe Mutter! Herr Admiral, jetzt sind Ihre Söhne und Neffen geflüchtet unter Verkleidungen. Ihre Gemahlin wird gefangengehalten in Savoyen. Wie lange kann es dauern, bis das Gericht Ihre Güter für verfallen und Ihr Andenken für nichtswürdig erklärt. Glaubt nicht, Herr Admiral und liebe Mutter, daß ich euch verrate, wenn ich jetzt dennoch zur Messe gehe. Ihr wißt: ich habe so viele Tage gewonnen, als irgend möglich war, nämlich siebzehn. Mein Vetter Condé, der anfangs viel wilder tat als ich, ist zur Messe gegangen schon vor siebzehn Tagen. Rechnet mir, bitte, zu meinen Gunsten mein geschicktes Hinhalten an, liebe Mutter und Herr Admiral!› So sprach er zu ihnen wie zu Lebenden, was sie gewiß waren, und hörten ihn. Dort, wo sie waren, vernimmt man so innige Gedanken.
Als der feierliche Übertritt zu der andern Religion, das viertemal in seinem Leben, vollzogen war, empfing er viel Umarmungen und Küsse, erwiderte sie auch guten Mutes. Die Königinmutter erwies ihm ihrerseits die Ehre; sie erwartete den Jungen, der jetzt endlich ganz allein stand, denn verloren hatte er sogar die Geister seiner Toten, wie sie meinte, und seinen guten Ruf. Daher empfing sie ihn mit einem belustigten Lächeln, ja, während der Umarmung tastete sie ihn aus lauter Wohlwollen ab wie einen künftigen Braten. Was fühlte sie da? Alle Lustigkeit verging ihr. Unter seinen Kleidern trug er einen Panzer, hatte ihn angehabt, indes er abschwur seine vorige Gemeinschaft. Ein schlimmes Vorzeichen; Madame Catherine wollte sich eilig entfernen an ihrem Stock. Er erlaubte sich aber, sie bei der Hand zurückzuhalten und ihr neckische Kosenamen zu geben. Was tut eine unbeholfene Frau in geschlossenem schwarzem Kleid und mit Witwenhaube, wenn ein gar zu stürmischer junger Herr ihre Nase rühmt, die doch auffallend dick ist. Seine Lippen haschen nach ihr, er will sie auf die Nase küssen. Schließlich trifft sie ihn mit dem Stock: scheinbar nur im Scherz, wegen der Zuschauer. Sofort spielt er den kleinen Hund, springt bellend um sie her auf allen vieren und schnappt nach ihren Beinen. Da flüchtet Madame Catherine. Ihr Oberkörper möchte schneller sein als die Füße. In zwei Teile zerlegt, strebt sie von dannen, auf ihre Kosten lacht der Hof.