Die Partei der Politischen versicherte: Wir sind gemäßigt. Überdruß und Ekel haben uns ergriffen angesichts der Zustände: womit wir die Verwaltung, Gerichte und Finanzen des Königreiches meinen. Es ist am Äußersten. Helfen können nur noch die kühnsten Entschlüsse. D’Alençon, Navarra und Condé müssen offen abfallen. Ein Heer der Unzufriedenen ist zu bilden. Wir werden uns der königlichen Flotte bemächtigen. Englische Schiffe bringen uns Hilfstruppen.
Navarra machte hierüber nur Scherze, obwohl er Furcht hatte. Er sagte: «Die Sitte verlangt nun einmal, die Protestanten aus ihren festen Plätzen zu vertreiben. Dann wird verhandelt, und man gibt ihnen ihre festen Plätze zurück, um sie bald wieder daraus zu vertreiben. So setzt die Sitte sich fort.» Er sagte dies, weil er befürchtete, daß sie ernstlich nichts tun würden, und wirklich unternahmen sie nur Versuche, die sofort mißlangen, weil jeder in heller Verwirrung vor sich ging. So handelt der Irrwisch d’Alençon. Was beabsichtigt er denn auch? Seinem Bruder d’Anjou das Leben schwerzumachen: das ist sein einziges Ziel, sonst hat er keine Überzeugung. Wenn aber Navarra ihn aus der Führung verdrängen wollte, er würde sich sofort gegen Navarra wenden. ‹Und ich bin der Bedrohlichste!› bedachte Henri. ‹Mich kann jeder verraten und ausliefern.›
Daher kam es, daß er am Handeln verzweifelte vor La Rochelle und sich dem Philosophieren ergab. Er tat es in der Gesellschaft und gewissermaßen unter der Führung eines Edelmannes von geringer Bedeutung, aber gebürtig aus dem Süden. Vor kurzem hatte er ein richterliches Amt niedergelegt, um es einmal mit dem Soldatenstand zu versuchen — ohne besondere Auszeichnung auch hier. Er gab selbst zu, daß er keine Begabung habe, weder für Tanz noch Ballspiel noch Ringkampf, auch nicht für Schwimmen, Fechten, Kunstreiten und Springen, überhaupt für nichts. Sogar seine Hände waren ungeschickt, und er konnte nicht leserlich schreiben, wie er freiwillig gestand. Ungebeten setzte er hinzu: nicht einmal einen Brief zumachen könnte er, keine Feder zuschneiden, und andererseits kein Pferd aufzäumen.
Durch alle diese Mängel setzte er Henri mehr in Erstaunen, als wären es ebenso viele Vorzüge gewesen. Verbunden waren sie nämlich mit einem Geist, den Henri, ob er wollte oder nicht, als seinesgleichen erkannte. Ja, sogar der Körper des Edelmannes aus Perigord erinnerte ihn an sich selbst: das kurze Maß, die Gedrungenheit, die Kraft. Allerdings hatte der Vierzigjährige schon ein gerötetes Gesicht und eine Erhöhung auf dem kahlen Schädel. Auch war sein Ausdruck wohl freundlich, aber nachgerade berührt von der Trauer, gelebt und gedacht zu haben. Der neue Freund des jungen Henri hieß Herr Michel de Montaigne.
Er sagte: «Sire, Ihre zeitweilige Lage stellt Sie einem alternden Mann gleich. Wir sind beide besiegt: ich von den Jahren, Sie von Ihren Feinden, was kein endgültiger Sieg ist — wie der Sieg der Jahre», wiederholte der Vierzigjährige. «Genug, in diesem Augenblick können wir einander verstehn, und Sie begreifen, welche Bewandtnis es hat mit den menschlichen Handlungen. Sie beklagen ihre Wirrheit und Vergeblichkeit. Allerdings geben Sie daran dem Herzog von Alençon die Schuld.»
«Er ist ein Irrwisch. Ich an seiner Stelle könnte der Freiheit zum Siege verhelfen gegen die Gewalt.»
«Das wäre vor allem Ihre eigene Freiheit», bemerkte de Montaigne, und Henri gab es lachend zu.
«Sie hätten Ihre Freiheit zurück. Übrigens aber würden Ihr Aufstand und die Ankunft der Engländer noch mehr tödliche Verwirrung stiften. Die meisten Handlungen geschehen mit dem Kopf nach unten. Wer handeln sagt, sagt Verwirrung.»
Hier machten sie in ihrem Gespräch eine Pause, solange sie noch zwischen Zelten gingen und gehört werden konnten. Dann hatten sie das Lager hinter sich gelassen. Eine Kanone stak festgefahren und einsam im Sande des Strandes. Seltene Wachen, den Mantel nach dem Meereswind gehängt, verlangten von ihnen das Losungswort, und sie riefen es laut in die Leere: «Sankt Bartholomäus.»
Noch schwiegen sie eine Zeitlang, um sich zu gewöhnen an das wilde Lärmen des Windes und der Wellen. Die belagerte Festung La Rochelle stand grau vor dem aufgerissenen Himmel, dem Meer, das tobend heranrollte aus dem Unendlichen. Welches Heer vermaß sich, diese Festung zu erstürmen, da sie so sichtbar eingesetzt war als ein Vorposten des Unendlichen! Henri und sein Begleiter dachten bei dem Anblick genau dasselbe. Bei Henri war der Antrieb zu denken ein Gefühl; es ging aus von der Mitte des Körpers, aber mit äußerster Schnelligkeit erreichte es die Kehle, die sich krampfte, und die Augen: sie wurden feucht. Solange dies Gefühl in ihm aufstieg, begriff der junge Henri das Unendliche und die Vergeblichkeit alles dessen, was enden muß.