Welch ein törichtes Mißtrauen! Auch sie nahm nicht nur Abstand: sie bekam sogar den Ausdruck der Entferntheit.

«Ich bin die Prinzessin von Valois. Ich will nicht, daß Sie mein Haus besiegen und entthronen.»

So endete die Nacht — und daher lag Henri in der nächsten bei Charlotte de Sauves, die ihm noch gar nicht gefiel, das sollte später kommen. Bis jetzt hatte er Margot im Blut, und sie wußte es. Stolz sagte sie zur de Sauves: «Madame, Sie haben uns einen großen Gefallen erwiesen, mir und dem König von Navarra. Sie haben der Königin, meiner Mutter, sofort hinterbracht, daß Sie ihn im Bett gehabt haben. Jetzt glaubt die Königin, ihr Ziel wäre erreicht und ich ließe mich scheiden. Daher wird mein lieber Mann vorläufig am Leben bleiben.»

Das Gespräch am Meeresstrand

Karl der Neunte erholte sich zeitweilig von seiner schweren Traurigkeit. Die Königin von Navarra wurde von ihrer Mutter gefragt, ob ihr Zaunkönig ihr gezeigt habe, daß er ein Mann sei. Da sie Zuschauer hatte, errötete Margot, sagte nicht nein noch ja, sondern berief sich auf eine Dame des Altertums. «Im übrigen, da meine Frau Mutter mich verheiratet hat, soll es dabei bleiben.» Womit sie eigentlich nur durchkam, weil Madame Catherine vollauf beschäftigt war, ihren Sohn d’Anjou zum König von Polen wählen zu lassen. Sie tat es gegen den Willen des Kaisers: so groß war ihr Ehrgeiz oder ihr Bedürfnis nach Umtrieben. Gleichzeitig verhandelte sie mit England, damit ihr Sohn d’Alençon die Königin Elisabeth zur Frau bekäme. Diese hätte unter Umständen Anspruch erhalten auf den Thron Frankreichs. Elisabeth war indes klüger als Katharina von Medici, von der Jeanne d’Albret gesagt hatte, im Grunde wäre sie dumm. Daher ließ sich die rothaarige Königin auf das zweifelhafte Abenteuer nicht ein, sondern hielt ihre gute Freundin nur hin. Das Heer des Herzogs von Anjou zog vor die protestantische Festung La Rochelle; der König von Navarra und sein Vetter Condé begleiteten es unfreiwillig.

Sie verhielten sich gleichwohl, als wären sie mit Freuden dabei. Henri war immer gutgelaunt, immer bereit, seine Truppen gegen die widerspenstige Stadt zu führen. Die Erstürmung mißlang nur leider jedesmal, vom Februar bis in den Sommer. Es kam auch daher, daß die Stürmenden zu laut schrien vor Eifer: jede Besatzung mußte aufmerksam werden. Der König von Navarra schoß einst mit eigener Hand eine Arkebuse ab. Das sah drinnen ein Gascogner Soldat und rief noch mehr herbei, damit sie ihn bewunderten. «Lou noust Henric!» riefen sie entzückt von der Mauer. Auch er war überaus erfreut und zündete nochmals vor ihren Augen die Lunte an. Es gab einen großen Knall, und die Belagerten schwenkten die Hüte. So erging es aber nicht dem Herzog von Anjou, denn beinahe wäre er getötet worden von einem solchen Arkebusenschuß; das Hemd wurde ihm zerrissen. Navarra stand daneben und hörte seinen Vetter ausrufen: «Ich wollte schon in Polen sein!»

Dies war sein Gefühl schon längst, und nicht nur wegen eigenen Ungemachs, nein, offenkundig wurde vor La Rochelle, wie schlecht es stand um das Königreich. Die Bartholomäusnacht enthüllte sich allen Blicken als der schwerste Fehler: seitdem war wieder Religionskrieg. Der Admiral Coligny hatte gewollt, daß Katholiken und Protestanten vereint gegen Spanien kämpften. Infolge des verdammten Gemetzels zerrissen sie jetzt wieder dies Land, und bis an jede seiner Grenzen eilte die Nachricht von den Hugenotten, die sich hielten in La Rochelle, denn von der See her bekamen sie Zufuhr. Das Heer des Königs von Frankreich dagegen hatte die ganze Umgegend kahl gegessen, und es fing an, sich aufzulösen. Das war noch nicht das Schlimmste. Zu fürchten ist weniger der Hunger als der Gedanke. An den höheren Stellen, gerade dort, wo es noch Fleisch gab, saßen die Unzufriedenen, die sich «die Politischen» nannten, und sie wollten den Frieden.

Wenn jemand sagt, daß er den Frieden will, ist immer noch die Frage, weshalb. Im Frieden gedeiht sein Weizen, und man müßte erst wissen, ob er auf alle Fälle friedlich gesonnen ist oder hauptsächlich wegen seines Weizens. Die Frucht, auf die es dem Gemäßigten oder Politischen ankam vor La Rochelle, heißt: Gewissensfreiheit. Sie verlangten endlich bekennen zu dürfen, was sie glaubten, und verbreiten zu dürfen, was ihr Wissen und Wille war. Daher hatten sie Augen für die Verwüstungen im Lande, die äußeren Folgen der Unduldsamkeit. Aber nicht einmal die Vernichtung des Landes hält den Feind der Gewissensfreiheit zurück. Wie denn! Er bemerkt weder Verwüstung noch Vernichtung, wenn er die Menschen zwangsweise gleichmachen kann. Vergewaltigte Gewissen sind für ihn ein blühenderer Anblick als wohlbestellte Felder und der Friede. Er hat auch den Vorteil, daß er seine geringe Meinung vom Frieden so offen bekunden darf wie Madame Catherine oder d’Anjou oder Guise. Wohingegen allen, die einfach frei sein möchten, die undankbare Aufgabe zufällt, Frieden zu predigen.

Dies waren Gedanken eines Gefangenen, der zwar ein Führer des katholischen Heeres genannt wurde, aber ein Gefangener blieb. In Wahrheit fand er solche Gedanken wohl auch allein, und zwar gerade bei seinen heimlichen Zusammenkünften mit den Verschwörern. Da waren die Gedanken aber noch nicht gereinigt und bearbeitet, sozusagen. Dies geschah erst in gewissen Gesprächen am Meeresstrand, mit einer einzelnen Person, einem Edelmann ohne besondere Bedeutung, der im Heer diente.

An den Zusammenkünften der Politischen nahmen unter anderen teil: d’Alençon oder der Mann mit den zwei Nasen sowie ein Vicomte de Turenne. Dieser hatte vom Hof genaue Nachricht über ein neues Gemetzel, das hier im Lager sollte veranstaltet werden unter den Verdächtigen, und das waren eben die Politischen. Diesmal war der König von Navarra bestimmt mit ausersehen. Gerade seinetwegen wurde noch gezögert, denn zuerst sollte seine Frau einen Sohn zur Welt bringen: alsbald folgte das Gemetzel. Ja, schon erhielten seine Edelleute freundschaftliche Warnungen aus dem Quartier des Herzogs von Guise, sie möchten die Zelte Navarras schleunigst verlassen; und Du Guast, den d’Anjou sich als Liebling hielt, wagte offen zu drohen. Wie sollte ein Gefangener, dem es ans Leben geht, nicht für Mäßigung sein!