Er hätte sie in die Arme geschlossen: diesmal um in ihr seinen Sohn zu empfangen. Indessen, sogar noch beim Höherschlagen seines Herzens erinnerte er sich der List als seines Gesetzes. Die List regiert dies Leben. Die Tochter verbringt ihre Tage auf der Truhe im Zimmer der Mutter und ist ihr Werkzeug. Schon einmal war ihr selbst unbewußt geblieben, welcher Verräterei sie diente. Er fragte: «Ist hier nicht ein Mörder versteckt?» — lehnte sich hinaus und griff nach seinem Dolch. Wenn sie die leiseste Bewegung versucht hätte, um ihn festzuhalten! Im Gegenteil, sie erstarrte. Sie flüsterte schreckensvoll und so leise, daß kein Eindringling es gehört hätte: «Ich dachte nicht daran, daß wir Feinde sind.»
«Ich hatte es selbst vergessen», sagte er. «Alles dies, die Lust und auch der Schmerz, uns sind sie verboten.» Worauf sie ihm schnell ihre Lippen reichte, aber die Zähne schimmerten darin. Er sagte noch atemlos von dem Kuß: «Faciuntque dolorem.» Sogleich hörte er von ihrer schönen Stimme den ganzen Vers und dachte dabei: ‹Sie hat mir dennoch die Geheimnisse ihrer furchtbaren Mutter verraten; und heute abend hat sie vor allen den Edelleuten so getan, als empfinge sie mich täglich.› Er ließ es darauf ankommen und fragte: «Meine schöne Königin, willst du mir helfen, mich zu befreien?»
«Ich bewundere Sie, Sire, Sie sind der Gefahr gewachsen wie noch keiner. Auf Sie hat Virgil diesen Vers gemacht: ‹Kein Mühe und Gefahr, drin ich nicht Meister war. Wie auch die Hölle um mich streitet, ich bin auf alles vorbereitet.›»
«Ist die Übersetzung von Ihnen selbst?» fragte der Liebende. «Sie haben eine hohe Gelehrsamkeit und viel Übung. Aber wie steht es mit meiner Befreiung?»
«Vor allem hüten Sie sich vor meiner Freundin de Sauves!» erwiderte die Liebende. «Ich sehe wohl, daß die Sirene Sie anlockt. Folgen Sie ihr nicht! Sie wären verloren. Ihr Herr und Meister ist der Herzog von Guise.»
«Willst du ihn denn zurückhaben?» fragte er, aus Eifersucht vergaß er die Umschweife. Aber auch sie ließ sich gehen. «Ist es wahr, daß Charlotte Ihnen gefällt?»
«Gar nicht. Sie hat ein spitzes Gesicht, und auch ihr Geist ist spitz. Aber dennoch, welche Frau gefiele mir nicht? Sogar Ihre Mutter, Madame. Und das ist wahr, ich lüge nicht. Ein gefährliches Tier ist eine böse Frau. So freut es mich: beide in einem. Denn von der Natur lieb ich am meisten die Frau und das Tier — und auch die Berge», setzte er hinzu, «sowie den Ozean. Ich liebe, ich liebe», stöhnte er und begegnete schon ihrem Körper, der ihn heiß erwartete.
Nach so großer Begeisterung der Leiber, erschöpft und dankbar, entschloß sich Margot, ihrem Geliebten alles zu gestehen, was sie durfte, ja, einiges darüber.
«Mein liebes Herz, du darfst uns nicht entkommen, dich brauchen wir und dich behalten wir.»
Einen Augenblick ließ sie ihn im Zweifel, wofür. Es konnte für ihren Körper sein, aber der ist jedesmal bald gesättigt. Wie dann? Für ihre unstillbare Seele? Nein, die Tochter der bösen Königin sagte hier auf den Kissen: «Sie dürfen nicht zu Ihren Hugenotten entkommen, Sire. Wenn die Sie wiederhätten, würden sie zehnmal stärker werden. Vielmehr wollen wir uns Ihrer Person bedienen gegen unsere Feinde, und Sie sollen beim Heer meines Bruders d’Anjou sein, wenn er La Rochelle belagert. Du mußt wissen», verriet sie leise und nahe an seinem Gesicht, «daß wir mit den Deinen nicht fertig werden. Sie haben gemerkt, daß du ihnen nicht freiwillig geschrieben hast, sich zu ergeben. Versprich mir, daß du inzwischen keinen Fluchtversuch machst. Du würdest getötet werden. O versprich!» bat sie mit offenbarer Angst, die Stirn auf seiner, den Atem in seinen Atem gemischt. Er wollte aber ihre Augen sehen, zog sich zurück und fragte: «Ist es dir wirklich um mich zu tun?»