Beiderseits kam alles reichlich theatralisch, als gehörte es zu der süßen Musik, dem Getanze, und wäre verabredet wie ein grobes Zwischenspiel.

«Sire!» rief Henri dem König von Frankreich entgegen.

Der König war eingetreten durch einen Spalt im Vorhang des persischen Zeltes, plötzlich stand er schimmernd da als der Sultan des Festes. Henri beugte vor ihm ein Knie: «Sire! Ihr hartherziger Wesir hat nichts im Sinn als Rädern und Vierteilen. Bin ich deswegen der Bartholomäusnacht entgangen?»

«Wenn der selige König mir gefolgt wäre!» schrie Kanzler Birague. In der Wut bekam er eine abenteuerliche Aussprache und eine Stimme wie ein heiserer Papagei. Mit derselben Stimme hatte er Karl den Neunten bedrängt, stundenlang, bis Karl toll wurde und das Gemetzel befahl.

«Da hören Sie ihn», war alles, was Henri hierauf sagte, aber er fühlte, daß er d’Anjou auf seiner Seite hatte. Vorher d’Anjou und der Mann der Bartholomäusnacht, jetzt König — aber König nur, weil sein Bruder gestorben war am schlechten Gewissen: wie sollte es daher mit seinem eigenen stehn? Er liebte keineswegs den Anblick derer, die ihm in sehr dunklen Stunden geholfen hatten, Karl herumzukriegen. Sogar der Anblick seiner Mutter war ihm verleidet, wie erst die Gesellschaft ihrer Italiener. Er mußte sie erdulden und diese Person leider zulassen bei seinen traulichsten Veranstaltungen; denn sie hatten nun einmal Verständnis für die Anmut der Knaben. «Steh auf!» befahl der persische Sultan, mit den Juwelen seines Turbans blitzend. Vetter Navarra sprang hoch, so leicht wie ein Ball. Der Sultan befahl: «Du bist mein persönlicher Gefangener, an dich soll niemand Hand legen. Versöhne dich mit meinem Wesir!» Was Henri sich gesagt sein ließ. Er beschrieb einen wahren Tanz der Versöhnung um den Kanzler. Diesen nötigte seine morgenländische Rolle, würdig allem zuzusehen, obwohl mit hervorquellenden Augen. «Großmächtiger Wesir!» sagte Henri. Er berührte die eigene Brust, dann aber die des Kanzlers, zufällig traf er genau auf einen riesigen Edelstein. «In Persien wird viel gestohlen», sagte Henri. Hier fiel glücklicherweise ein Tusch ein und verdeckte alles, was sonst wäre gehört worden. Seinen Einzug hielt das Ballett.

Es trippelte auf den Spitzen, wehte mit Schleiern und beugte schöne Knie. Alle waren Knaben, auch die als Mädchen gekleideten. Diese funkelten hinter den Schleiern mit Augen, verlockender als Frauenaugen, wie es schien; und von gewissen unerwünschten Kennzeichen der Männlichkeit abgesehen, bewegten die Körper sich vollkommen weiblich. Die anderen, die Knaben geblieben waren, reichten den falschen Mädchen darum nicht weniger geziert die Enden der Finger oder umschlangen sie mit den ersterbenden Armen der Liebeswerbung. Scheinbar waren niemals Muskeln im Spiel. Versetzten die einen die anderen in Drehung wie Kreisel oder schwangen sie durch die Luft, dann war man versucht, zu glauben, es geschehe nicht durch Kraft, sondern infolge eines Wunders der Anmut.

Hier war Du Guast zu schätzen. Sonst eine peinliche Erscheinung von unangenehmer Sprechweise, dumm, frech und käuflich: hier war der Mensch am Platz. Mit Recht gelangte er bei jeder Figur des Tanzes in die erste Reihe. Die Zuschauer auf dem Gerüst hatten alle das Auge auf ihm, und er verstand den einzelnen glauben zu machen, gerade dieser werde angeschmachtet. Vor seiner Dame kniet Du Guast, wie alle anderen Knaben vor ihren Tänzerinnen, und flehte stumm zu ihr hinan, sie möchte sich entschleiern lassen. In Wahrheit meinte er mit seiner Huldigung den König oder Sultan, und diesem unbewußt bezweckte er auch den Kanzler oder Wesir, zu schweigen von dem dicken Mayenne, der schwitzte, so schwül wurde ihm gemacht. Alle diese Herren nun fühlten sich erhoben und sogar ausgezeichnet — während doch nur ein durchaus windiger Bursche seine Possen trieb auf ihre Kosten. Anderswo hätten sie ihn in den Hintern getreten oder aufhängen lassen. Indessen bleibt die Kunst eine Macht, wenn sie auch jedesmal vorübergeht.

Im Augenblick wurde sie sogar noch ergreifender. Es geschah die Entschleierung. Wer hätte gedacht, daß Menschengesichter so neu und wunderbar erscheinen können — endlich entblößt nach der strengen Vorbereitung des eingeübten Tanzes. Abgehärteten Männern stockte das Herz: wie aber erst dem König von Navarra. Hörbar stieß er einen Fluch, seinen gewohnten Fluch aus. Er glaubte nicht, was er sah. Tatsächlich rieb er sich die Augen. «Gabriel?» fragte er.

«Er und kein anderer», belehrte ihn höhnisch der große Guise. «Einer der Lustknaben entschleiert den anderen, unser Du Guast deinen Léran.»

«Komm hinaus und schlag dich mit mir!»