«Gern, aber nicht wegen des Jungen. Er ist schön, seine Laufbahn war ihm zugewiesen an dem neuen Hof.»
Henri hatte nasse Augen. Er wollte dem jungen Léran etwas sagen, der indessen hob den Blick nicht. Dennoch waren auch seine Tränen einst geronnen aus einem weißen Verband, der sein Gesicht verdeckte — in der Bartholomäusnacht. Zwei ihrer Opfer, Gabriel de Levis de Léran und Karl der Neunte, lagen damals nebeneinander auf dem Bett der Königin von Navarra. Was wird aus uns?
Guise sprach ihm höhnisch nach: «Solche Wesen hast auch du gehabt unter den rauhen Kollern deiner Leute, in dem gedrängten Haufen, der fünfzehn Stunden zu Pferd saß und zu seiner Erholung Psalmen sang.»
Richtig; und was blieb da übrig zu sagen. «Léran hat recht, daß er sich verwandelt nach Bedarf und sogar ein Mädchen wird.» Leichtsinnig fand Henri sich ab, er steckte auch diese Demütigung ein nach anderen mehr, und niemand wußte, wo sie alle blieben bei dem beweglichen Navarra. Er lachte über sich selbst wie über einen dritten. Nicht häßlich war sein Verhalten; ein wirklicher Beobachter fand ihn weder abgebrüht noch läppisch. Aber nur ein einziger der Zuschauer, d’Elbeuf, bedachte, was Henri denn eigentlich wäre, ein Kind, ein Narr, oder höchst zielbewußt? D’Elbeuf antwortete: «Ein Unbekannter — in einer Schule.»
D’Elbeuf ist ein Beobachter, und darum nicht viel mehr als das. Entfernteres Mitglied eines großen Hauses, ohne viel Aussicht und Anwartschaft — er könnte immer nur unter anderen stehen, und die haben vielleicht seine Achtung nicht. So erfindet er sich seinen eigenen Dienst, auf Grund besonderer Gaben. D’Elbeuf wäre von so stattlichem Wuchs wie Guise, der Held des Volkes; nur hält er sich lässiger, hat halbdunkle Haarfarbe und strahlt keineswegs Übermut. Er hat feuchte, treue, sehr schöne Augen, und diese erraten bei Henri das aufsteigende Schicksal und die Kraft, die bis jetzt nur dem untersten Zweck der Selbsterhaltung dient. Er ist der Freund der fragwürdigen Tage, die noch nicht ruhmvoll und eher das Gegenteil sind. Wenn das Glück sich erst entschieden haben wird, gibt es keinen d’Elbeuf mehr.
Jetzt halten die Mädchen, die eigentlich Knaben sind, goldene Becher in Händen. Die erheben sie, drehen sie auf der Spitze des Fingers umher und kreisen dabei selbst: alles, ohne daß ein Tropfen über den Rand fällt. Soviel man versteht, soll dies einen Liebestrank bedeuten, und die Knaben, die als Tänzer die Knaben darstellen, schmachten nach ihm. Ihre sinnreichen Körper nehmen Lagen ein, die das Schmachten ausdrücken. Immer erregender werden die Lagen, es öffnen sich lechzende Lippen; und als das Verlangen nicht länger aufzuhalten ist, fließt etwas wirkliches Naß hinein. Wenigstens läuft es in den Mund des königlichen Lieblings Du Guast: d’Elbeuf sieht es genau. Seine Aufmerksamkeit ist ganz und gar bei dem Vorgang, der Henri angeht. Du Guast kniet und legt den Kopf in den Nacken, der junge Léran als Mädchen neigt das Gefäß: d’Elbeuf könnte die Tropfen zählen. Mit dem gleichen Blick umfaßt er mehrere Gesichter, das merkwürdig lauernde des Kanzlers Birague und das schlechthin beseligte des Königs von Frankreich. Dieser König scheint wie vom Donner gerührt, während er hinlächelt — zu dem jungen Léran. Mit keiner Wimper beachtet er seinen bisherigen Liebling — woraus allein schon zu entnehmen wäre, daß sogleich etwas Ungewöhnliches eintreten wird. Es äußert sich aber dergestalt, daß Du Guast, nach Empfang des Liebestrankes, den Rumpf rückwärts biegt, unwahrscheinlich weit verrenkt er ihn, schreit dabei und verdreht die Augen. Mit einem Wort: vergiftet. So mußte es kommen nach dem Gesetz der Dinge. D’Elbeuf hätte es vorausgesagt.
Zugleich, wie bestellt, kreischt noch jemand auf, mit der Stimme eines alten Papageis. «Sire! Ihr Liebling ist vergiftet. Sein Mädchen ist das Werkzeug Navarras. Übergeben Sie diesen Prinzen mir und der Gerechtigkeit, sonst haben Sie selbst ihn zu fürchten!»
Was konnte so furchtbaren Worten anderes folgen als das Anhalten des Atems und jeder Bewegung. Die Musik brach ab, das Ballett erstarrte, reglos erwarteten die Zuschauer auf ihrem Gerüst ein Zucken des Königs, aber auch an ihm rührte sich nichts. Nur der Schauplatz selbst, das persische Zelt, kam etwas ins Schwanken. Die Frauen verursachten dies, die Damen des Hofes von Frankreich, die, ausgeschlossen von dem geheimnisvollen Fest, hinter die Vorhänge geschlichen waren und hineinspähten. Da versteckten sich die Edelfrauen und Ehrenfräulein. Auch niedere Wesen vom Gesinde wagten einen Spalt zu öffnen, an dem nächsten indessen zupfte die Königin von Navarra selbst. ‹Was wird werden!› dachte Margot in der allgemeinen Stille und Erstarrung.
Sie dachte: ‹Das muß kommen, sobald man die Männer sich selbst überläßt. Zuerst richten sie sich her wie wir, und vor Zartheit tun sie überirdisch. Darum endet es dennoch mit Mord und Totschlag. Mein königlicher Bruder wird natürlich seinen vergifteten Liebling rächen wollen. Er wird meinen armen Henricus ausliefern an den Schurken Birague, dem der Speichel aus dem Mund läuft vor Gier. Daß kein einziger von allen den Grobianen fein genug ist, zu begreifen, was gespielt wird! Und die glauben, uns könnten sie entbehrend...›
Einer war fein genug. D’Elbeuf aus dem Hause Lothringen sprang vom Gerüst, riß den ganz verkrümmten Du Guast vom Boden auf, stellte ihn auf die Füße und ohrfeigt den Lustknaben so lange, bis er richtig stehen blieb. «Schluß mit der Komödie», knurrte er dabei. «Hüte dich, wieder anzufangen!» Dadurch daß er dem Jungen das Gelenk umdrehte, zwang er ihn, mitzukommen auf das Gerüst. Er drückte ihn in die Knie vor dem König und befahl: «Gesteh der Majestät, wer dich angestiftet hat zu dem Schwindel, vielleicht wirst du nicht gehängt.»