Daher forderte der kleine Knabe den größeren heraus, wer das Mädchen durch den Bach tragen könnte. Dieser war nicht tief, aber er enthielt Strudel und glatte Steine, die fortrollten, wenn man sie ungeschickt betrat. Der Mitbewerber glitt denn auch sofort aus, das Mädchen wäre mit hingefallen, hätte nicht Henri sie aufgefangen. Er kannte in diesem Wasser jeden Schritt, er trug sie hinüber mit all seiner Kraft, denn sie war schwerer als er, der nur ein kleiner, magerer Knabe war. Drüben küßte er sie auf den Mund, überrascht ließ sie es geschehen, und er sagte, indes er sich in die Brust warf: «Jetzt bist du durch den Bach getragen vom Prinzen von Bearn.»

Das Bauernmädchen sah in sein kleines, leidenschaftliches Gesicht, und dann lachte es, der Ton tat ihm weh bis ins Herz, entmutigte ihn aber nicht. Sie sprang schon ihrem verunglückten Verehrer entgegen, da rief Henri noch: «Aut vincere aut mori!» Es war einer der Sprüche, die sein Erzieher ihn lehrte; er hatte viel davon erhofft. Wieder eine Enttäuschung, die kleinen Bauern machten sich nichts weder aus dem Prinzen noch aus seinem Latein. Siegen und Sterben war ihnen beides gleich unbekannt. So blieb nur noch eins übrig. Er stieg zurück in den Bach und stürzte absichtlich noch etwas tölpelhafter als vorhin der andere. Auch das alberne Gesicht und das Hinken ahmte er dem Tölpel nach, fluchte dabei mit einer ganz ähnlichen Stimme, alles so vorzüglich, daß sie lachen mußten über den Spaßmacher. Sogar das reizende Mädchen hatte er zu lachen gezwungen!

Darauf ging er schnell fort. Er war nur ein vierjähriger Knabe, hatte aber schon Sinn für Wirkung. Obwohl diese jetzt erreicht war, stritten sich in seiner Brust die Gefühle. Die befriedigte Rache hob nicht die Erinnerung auf. Die bange Sehnsucht wich nicht — trotz dem zuversichtlichen Mut.

Seine Mutter ließ ihn nach Hause kommen, und die erste Zeit sprach er nur von dem Mädchen. Sein Großvater war inzwischen gestorben, er sollte ihn nie mehr wiedersehen. Aber ihm schien es schlimmer, daß sein Mädchen fern war und nicht kommen durfte.

«Laß sie doch holen, Mama, ich will sie heiraten. Sie ist größer, das macht nichts, ich werde wachsen.»

Erst die nächsten Eindrücke beseitigten ganz plötzlich alles, was er empfunden hatte. Es war ein junges Hoffräulein seiner Mutter.

Im Schloß zu Pau war eine kleine Hofhaltung, kaum mehr als eine erweiterte Familie. Der alte d’Albret war ein Landedelmann gewesen. Er hatte ein festes Schloß gehabt, und in neuester Zeit war es auch zierlich und schön geworden. Von dem Balkon übersah er ein tiefes Tal voll Wein, Öl, Wäldern, die das Auge erfrischten, dazwischen die blinkenden Windungen des Flusses, dahinter die Pyrenäen.

Das Gebirge bot sich dar als geschlossener Zug, wie sonst kein anderes, grün bewaldet bis in den Himmel, und das Auge, das darauf umherging, war glücklich, besonders das des Besitzers. Der alte Landedelmann besaß diese Seite der Pyrenäen samt den vorgelagerten Tälern und Hügeln mit allem, was dort wuchs, Früchte, Vieh und Menschen. Er besaß im Westen Frankreichs den südlichsten Winkel, Bearn, Albret, Bigorre, Navarra, Armagnac: die alte Gascogne. Er hieß König von Navarra und wäre wohl nur der Untergebene des Königs von Frankreich gewesen, wenn dieser seine ganze Macht gehabt hätte. Indessen war das Königreich gespalten durch Katholiken und Protestanten, und dies in allen seinen Teilen, schon seit längerer Zeit. Das ergab die beste Gelegenheit für solche Provinzfürsten wie Navarra, sich selbständig zu machen und dem Nachbarn mit bewaffneter Hand wegzunehmen, soviel sie konnten, selbst wenn es nur ein Weinhügel war.

Aber es wurde im ganzen Lande auch gebrandschatzt und getötet im Namen der beiden feindlichen Bekenntnisse. Der Unterschied der religiösen Bekenntnisse wurde tief ernst genommen, er machte aus Menschen, die sonst gar nichts trennte, die alleräußersten Feinde. Einige Worte, besonders das Wort Messe, wirkten so ungeheuer, daß ein Bruder für den anderen unverständlich und von fremdem Blut wurde. Es schien natürlich, Schweizer und Deutsche zu Hilfe zu rufen. Diese mußten nur dem richtigen Bekenntnis angehören und, je nachdem, zur Messe gehen oder nicht, dann waren sie dem andersgesinnten Landsmann vorzuziehen und bekamen das Recht, mit zu plündern und zu verwüsten.

Der energische Glaube der gesamten Bevölkerung nützte wenigstens den Führern. Ob sie ihn wirklich teilten oder nicht, jedenfalls konnten sie im Namen der Religion auf räuberische Art und Weise ihr Gebiet erweitern oder doch an der Spitze ihrer kleinen ungesetzlichen Heere ein kostenloses, nicht unangenehmes Leben führen. Der Bürgerkrieg war für einige Leute eine Laufbahn, wenn schon die meisten daran verloren. Indessen blieb diesen ihre Überzeugung.