Der alte d’Albret war ein guter Katholik gewesen, aber ohne Einseitigkeit. Er hatte immer den Sinn dafür behalten, daß auch seine protestantischen Untertanen wieder Kinder zeugten, und diese wurden nützliche Arbeiter, bebauten die Felder, zahlten Abgaben, vermehrten den Reichtum des Landes und seines Herrn. Er ließ sie daher ruhig zur Predigt gehen, und seine Soldaten beschützten die Pastoren wie die Kapläne. Wahrscheinlich bedachte er auch, daß die wachsende Zahl dieser reformierten Protestanten, die sich Hugenotten nannten, seiner eigenen Selbständigkeit eher nützte als schadete, da der Hof in Paris entschieden zu katholisch war. Er selbst gehörte einfach unter die feudalen Herren, die von je das Ihre getan hatten, um den König von Frankreich nicht zu mächtig werden zu lassen. In neuester Zeit bedienten sie sich der Hugenotten, dieses frischen, jungen Glaubens, der den wahren Gott aus der Nähe kannte und dadurch nicht sanfter wurde.
Es waren Empörer gegen die weltliche so gut wie gegen die geistliche Macht. Auch im Lande Bearn hatten die Bauern schon verlangt, man sollte ihnen zeigen, wo in der Bibel etwas von Steuern stehe. Wenn nicht, dann zahlten sie keine! Nun, der Alte verstand mit ihnen umzugehn, sie waren seinesgleichen. Sie machten gern große Worte, behielten aber einen kühlen Kopf. Sie schlugen sich gut, ohne zu vergessen, was es schließlich einbrachte.
Er trug eine Baskenmütze wie sie alle, wenn er nicht grade in Helm und Panzer sein mußte, und er liebte sein Land wie sich selbst, nichts weiter als diesen Umkreis, den er erfassen konnte mit den Augen und allen anderen Sinnen. Als sein Enkel Henri zur Welt kam, hatte er dafür gesorgt, daß es im Schlosse zu Pau geschah, seine Tochter Jeanne mußte eigens eine Reise unterbrechen. Auch hatte er sich nicht damit begnügt, daß sie während ihrer Wehen das Lied in der Landessprache sang, adjudat me a d’aqueste hore, damit der Enkel kein Kopfhänger werde. Kaum war der Knabe geboren, ließ er ihn am Wein des Landes riechen, erkannte sein Fleisch und Blut daran, daß er mit dem Kopf wackelte, und bestrich ihm auch gleich die Lippen mit Knoblauch.
Weil nach zwei Knaben, die nicht leben sollten, dieser letzte doch noch erhalten blieb, hatte der Alte seinen ganzen Besitz und seinen Titel seiner Tochter vererbt. Jeanne war jetzt Königin von Navarra. Ihr Gatte, Antoine von Bourbon, führte Truppen des Königs von Frankreich, als sein entfernter Verwandter und sein General. Er war meistens im Feld. Jeanne hatte ihn sehr geliebt, bevor er anfing, andere Frauen zu suchen; aber ihre Hoffnungen setzte sie niemals auf ihn, er sollte auch bald sterben. Sie hatte viel größere Ansprüche, als er sich erlauben durfte; ihre Mutter war die eigene Schwester Franz’ des Ersten gewesen — der König, der bei Pavia so unglücklich gekämpft hatte gegen Kaiser Karl den Fünften; aber der innere Besitz der Krone Frankreich war durch ihn großartig erweitert.
Jeanne d’Albret war daher eine außerordentlich große Dame, und von den Ländern Bearn, Albret, Navarra, die ein Königreich vorstellten, fühlte sie sich noch nicht befriedigt. Der zur Zeit regierende König von Frankreich aus dem Hause Valois hatte vier lebende Söhne, für die Nebenlinie der Bourbons bestand keine Wahrscheinlichkeit, so bald zur Herrschaft zu kommen. Dennoch vermaß Jeanne sich, ihrem Sohn Henri die ungeheuerste Zukunft vorauszusagen — woran später mit Staunen erinnert wurde, als hätte sie Sehergaben besessen. Sie war nur ehrgeizig. Diese Leidenschaft machte aus einer zarten Frau einen unbeugsamen Charakter, und ihr Vermächtnis wog später schwer im Schicksal ihres Sohnes.
Als sie ihren kleinen Sohn wieder bei sich hatte, unterrichtete sie ihn vor allem in der Geschichte ihres Hauses. Sie achtete nicht darauf, daß er sich so oft wie möglich an das hübsche Fräulein drängte oder barfuß, wie im Gebirge, zu den Kindern auf die Straße lief, voll Neugier nach den rätselhaften Mädchen. Jeanne war keine Beobachterin der Wirklichkeit, sie hatte den Kopf voller Träume, wie eine Frau mit schwacher Lunge. Henri, der lieber wie ein Böckchen umhergesprungen wäre, wurde von dem einen der mütterlichen Arme umschlungen, der andere legte sich um seine noch kleinere Schwester Catherine. Die Königin Jeanne neigte zärtlich ihren fahlblonden Kopf zwischen ihre beiden Kinder. Ihr Gesicht war schmal und feingeschnitten, es war blaß, die Brauen bewegten sich leidend über den dunklen Augen, schon zeigte die Stirn dünne Falten, und die Mundwinkel begannen herabzufallen.
«Wir werden bald nach Paris reisen», sagte sie. «Denn unser Land muß größer werden. Ich will den spanischen Teil von Navarra hinzuhaben.»
Der kleine Henri fragte: «Warum nimmst du ihn dir nicht?» Er verbesserte selbst: «Papa sollte ihn erobern.»
«Der König in Paris ist befreundet mit dem König von Spanien», erklärte ihm die Mutter. «Er läßt es sogar zu, daß die Spanier bei uns einfallen.»
«Ich nicht!» rief Henri sofort. «Spanien ist mein Feind und wird es bleiben! Weil ich dich liebe!» sagte er feurig und küßte Jeanne. Ihr fielen davon Tränen aus den Augen und in ihren halbentblößten Busen, den ihr kleiner Sohn liebkoste, als tröstete er sie. «Gehorcht mein Vater immer nur dem König von Frankreich? Das werde ich nicht tun», versicherte er schmeichlerisch, weil er fühlte, was sie gern hörte.