«Herr Heurtebise, Sie sind ein berühmter Mann.» Dies ist die schmeichelnde Stimme des Mädchens. «Ich möchte Sie um eine Gunst bitten, Herr Heurtebise. Wenn Sie draußen erzählen werden, was Ihnen alles begegnet ist hier in Schloß Louvre: vergessen Sie auch mich nicht. Ich bin das Fräulein von Lusignan.»
Bei diesem großen und sagenhaften Namen seufzte der Weißwarenhändler: es war zuviel für ihn. Es war schon lange zuviel und stimmte zuletzt traurig, anstatt daß es stolz machte. Heurtebise warf einen so schweren Blick auf seine Zuschauer, daß sie fortschlichen, mehrere unter Verbeugungen. Ihm könnte der Gedanke nicht kommen, daß sie eine Rolle spielten. Er hätte auch niemals geglaubt, daß der Fisch, den der König von Frankreich ihm auftragen ließ, von gestern war, das Gebäck noch älter. Der Wein war aus der Kneipe geholt, zu Hause trank er besseren: dies wenigstens entging ihm nicht ganz. Er wollte es nicht wahrhaben, stürzte mehrere Gläser hinunter und fand ihn noch schlechter. Blieb das Fräulein von Lusignan — die indessen auch nicht echt war. Madame Catherine hatte eins der armen adligen Mädchen von ihrem «fliegenden Corps» ausgeschickt, damit sie den Mann aus der Menge in Arbeit nähme. Das erste, was ihn verblüffen sollte, war ein großer Name. Nach den Gläsern sauren Weins faßte er dennoch Mut, blinzelte das halb entblößte Frauenzimmer listig an und wollte nach ihr langen. Er begriff nicht, warum er dabei vom Stuhl kippte.
Er war kurz und rund, ein Mann mit gerötetem Gesicht und ergrauenden Haaren. So sah er sich unter dem Tisch wieder hervorkriechen, die Spiegel zeigten es ihm. Das Fräulein war verschwunden, was ihn nicht wunderte. In diesem Augenblick hatte er das unbestreitbare Gefühl, betrogen zu sein über und über. Er beschloß, in seiner Straße davon zu melden. Den Vorteil aus seinem Abenteuer sollten die Liga und ihr Führer haben! Zwar wußte er noch nicht, wie hier hinauszukommen wäre. Alle hatten ihn verlassen, die Zuschauer, das Fräulein, die Köche, der strenge Haushofmeister — sogar die feinen Edelknaben, und waren doch seine Freunde gewesen. Allein mußte er seinen Weg suchen, gelangte durch menschenleere Gegenden in ein Gewölbe voll von Soldaten und wurde beim Kragen gepackt. Kein Herr Heurtebise mehr, sie schoben ihn ab, bis in den Brunnen des Louvre, bis auf die Brücke. Auch von der Wachmannschaft kannte jetzt niemand ihn; sie verhörten ihn grob, die Taschen wurden ihm umgekehrt, und mit einem Fußtritt versehen verließ er das Tor und Schloß Louvre.
Er hatte sich gehütet, den Soldaten einzugestehen, was er in Wirklichkeit dort erblickt hatte. Übrigens zweifelte er schon daran. Je mehr Weg durch die Stadt er machte, um so unerlaubter, verdächtiger betrachtete er sein Erlebnis. Es kam ihm nicht zu; seine gesunde Vernunft versicherte ihm, daß der Böse seine Hand im Spiel hätte. Sogleich wollte er beichten. Indessen war seine Straße erreicht, alle Nachbarn traten aus den Häusern, er flüchtete in das seine und legte sich zu Bett. Frau Heurtebise brachte ihm Glühwein.
Erst nach Verlauf von zwei Stunden, da er ein standhafter Mann war, kannte die Frau die Geschichte. Am Abend war diese der Straße bekannt, den nächsten Tag in ganz Paris. Da kamen sie aus anderen Stadtteilen und wollten von seinem Munde hören, der König schliefe bei der Königin. Dies war von ausgesprochenem Nutzen für das Königtum und schadete der Liga, weshalb Pfarrer Boucher gegen Heurtebise predigte und ihn sowohl bestochen, als auch Werkzeug Satans nannte. Der kleine Weißwarenhändler indessen vertrat seine Sache, denn mit der Zeit machte sie ihn stolz, wurde ihm auch gewisser als am Tag der Ereignisse. «Heurtebise, was hast du, genaugenommen, gesehen?»
«Der Herr König lag in seinem goldenen Bett, auf dem Kopf seine goldene Krone, und neben ihm lag die Frau Königin, schön wie die Morgenröte. Das ist wahr, noch in meiner Todesstunde.»
Er sagte dies dreizehn Jahre lang. Dann war es mit dem Königreich dahin gekommen, daß der König ermordet wurde, während sein Nachfolger Henri, vierter seines Namens, in Schlachten siegen mußte über seine Franzosen, sonst fielen sie in die Hände Habsburgs. Die Liga ließ damals, zur Belebung ihrer Prozessionen, die Weiber nackt durch die Straßen tanzen. Ihre Ausgelassenheit war schaurig, ihr Blutdurst neigte zum Lächerlichen. Der kleine Weißwarenhändler, stadtbekannt durch seine Märchenerzählung war nicht der erste — aber auch ihn fielen die wilden Weiber an als einen Feind der heiligen Kirche. «Das ist Heurtebise, der den Valois hat gesehn bei seiner Hure liegen!» Heurtebise wurde von vielen nackten Füßen zu Tod getreten.
Das Vergnügen
Die Königin von Navarra hatte ihren eigenen Hof, mehrere kleine Zimmer, darin vereinigte sie am Abend ihre Freundinnen, ihre Dichter, Musiker, Humanisten, und ihre Liebhaber. Hier war Margot die Gottheit und mußte nicht heimlich durch einen Vorhang spähen wie bei den Festen ihres Bruders, des Königs von Frankreich. Ihr lieber Gatte Henri fand sie eines Abends Harfe spielend, während ein Dichter wohllautende Verse zu ihren Ehren sprach; aber in der poetischen Welt hieß sie Lais und war eine Kurtisane, die vermöge der Schönheit und der Gelehrsamkeit über die Menschen herrscht. Margot-Lais saß in aller Vollendung, nach der sie immer gestrebt hatte, auf einem erhöhten Sessel. Diesem zugewendet standen links und rechts noch zwei, mit den Damen Mayenne und Guise. Dem göttlichen Wesen zu Füßen und auch neben den Sitzen der beiden anderen Musen lagerten die weniger wichtigen Erscheinungen, die indes notwendig in das Bild gehörten. Es wurde abgeschlossen von zwei Säulen, rosenumrankt, zwischen ihnen ein großer heller Teppich, hineingewirkt waren schwärmerische Gestalten des Frühlings. Durchaus klar und ruhevoll erschien das Ganze; der Dichter vorn im Halbkreis brauchte es nur zu besingen, wobei er sich leicht zur Seite bog und den anderen Arm von sich streckte, als ginge er auf schmalem Steg über einen Abgrund.
In Schloß Louvre ist nicht alles wohl gesichert, erinnerte sich Henri angesichts des Hofes der Königin von Navarra. ‹Und denke ich erst an die Kirche, wo Boucher predigt! Soll ich ihn nachmachen und diesen hier eine Probe seiner Beredsamkeit geben? Soll ich?› Nein, er nahm zwar die Stelle des Dichters ein, sprach aber, was ihm plötzlich eingegeben wurde: «Adjudat me a d’aqueste hore —» hilf mir zu dieser Stunde, das Gebet, das seine Mutter gesprochen hatte, während sie ihn gebar. Klangvoll war es anzuhören, und da es gerichtet wurde an die Jungfrau, zugleich aber an die Königin von Navarra, hatte ihr lieber Herr alle Huldigungen überboten, so viele Madame Marguerite an ihrem Hof empfing. Dafür dankte sie ihm überaus; sie spielte zwischen seine Worte hinein die glänzendsten Läufe auf der Harfe, zuletzt aber reichte sie ihm ihre wunderbare Hand, damit er sie küßte. Dies getan, versicherte er ihr vor ihren Bewunderern, daß er ihr zu gefallen und zu dienen so eifrig bemüht wäre wie noch nie. Sie verstand ihn auch und reichte ihm wieder die Hand — diesmal, damit er sie die Stufen ihres Sitzes hinab und aus dem Zimmer führte.