Sie schlich ihm nach und spähte hinter dem Ladentisch hervor, während er umständlich die Querbalken, Riegel und Ketten beseitigte. Die Glocke gellte und rasselte, trotzdem drangen Stimmen durch die dicken Eichenbretter. Der Weißwarenhändler betete laut. Auf einmal war die Tür offen, und darunter erschien sein eigener Schwager, Archambault, der in der Wache des königlichen Schlosses Louvre diente. Er stieß seine Arkebuse auf den Boden und rief streng: «Herr Heurtebise, Sie kommen mit!» Da sah er seine Schwester hinter dem Ladentisch hochsteigen, und sofort erklärte er gedämpft: «Ich weiß nicht, was wir mit dir vorhaben, Schwager, aber wir sind vier. Komm denn mit!»
Auch die anderen drei zeigten sich, aber Heurtebise, anstatt zu beten, fuhr die Soldaten an. Er drohte ihnen mit der Liga, bei der er im Dienst und Lohn stände. Dort wäre man ein anderer Mann als bei der Wache eines Königs, der nur mit Jungen umginge. Von den Kanzeln würde gepredigt gegen das Treiben. «Schön und gut, Freund Heurtebise», sagten die Soldaten, «aber du könntest uns den Gefallen tun; vielleicht müssen wir dich nicht hängen.»
Die Frau wandte ein: «Mancher, der sich zu euch getraute, ist nie mehr gesehen worden. Dich behalte ich statt seiner hier, Bruder, und weh dir, wenn meinem Alten etwas zustößt.»
So blieb der Arkebusier Archambault als Geisel im Laden zurück, den Weißwarenhändler Heurtebise dagegen brachten drei Bewaffnete nach Schloß Louvre. Tor, Brücke und Bogen waren dem Bürger vertraut, denn wie oft hatte er den Weg nehmen müssen in den Brunnen des Louvre, zu den Finanzämtern, die dort seinem Geld auflauerten. Weiterhin wurde er ein Fremder, leicht zu schrecken oder zu blenden, und jeder Eingewöhnte hatte vor ihm etwas voraus, wer nur wüßte, was. Auch machte er schon den Anfang seines Weges nicht unauffällig wie sonst. Höchstens, daß ihm an gewöhnlichen Tagen mit dem Profos gedroht wurde, wenn er sich nicht weiterscherte; in solchen Fällen berief er sich auf seine Eigenschaft als ehrsamer Bürger, und sein Schwager bezeugte sie ihm. Heute hörte er überall «Heurtebise»: schon vor der Torwache, dann bei den Ämtern, dann in der Gegend der Küchen. Türen gingen auf, wo er mit seinem Geleit von Bewaffneten vorbeikam; «Heurtebise», sagte man einander ins Ohr, und jedesmal wurde dazu ein besonderes Gesicht gezogen. Er wußte lange nicht, an welche Gelegenheit diese Mienen ihn erinnerten, bis ihm eine erschrockene innere Stimme zuraunte: Heurtebise, genau so siehst du selbst aus, wenn du den Kopf entblößt vor einem vorbeigetragenen Sarg.
Am Fuß der Freitreppe übergaben seine Wächter ihn zwei Schweizern, von denen einer voraus, der andere hinter ihm ging. Die Gewölbe, durch die der Zug kam, lagen zuerst noch in der Dämmerung, weil es früh und hier die Abendseite war. Der Weg führte Stufen hinab, wieder hinauf und um Ecken, der Weißwarenhändler fand ihn ohne Ende, ihm zitterten die Knie. «Gevatter, wohin bringt Ihr mich?» fragte er den vorderen Schweizer, aber er hätte auch die Wand befragen können. Der fremde Söldner rückte seinen dicken Kopf um keinen Zoll, er stapfte weiter auf seinen doppelt breiten Schuhen, und seine behaarte Tatze hielt die Hellebarde am gestreckten Arm. Heurtebise seufzte und machte sich darauf gefaßt, zum Schluß irgendwo anzukommen, wohinein weder Mond noch Sterne schienen. Da traf seine blöden Augen ein Schimmern — von Gold, Silber, Rubin- und Marmelstein, Damast, Brokat, Elfenbein und Alabaster. Alle kostbaren Namen wurden in seinem Gedächtnis erweckt von dem Licht der Morgenseite, das in einen geöffneten Saal fiel. Alle Fenster jenseits flammten vom Sonnenaufgang — da war in überwältigender Art ein Bürger wirklich versetzt in das Königsschloß. Er hätte nachträglich geschworen, daß in dem Saal, an dem er schon vorbei war, eine Gesellschaft von Edelleuten und Damen ihr hochmütiges Wesen getrieben hatten. Er überlegte nicht mehr, daß die Gestalten auf gemalten und gewirkten Bildern allenfalls Bewegung vortäuschen können im Flammen des Morgenlichtes. Vielmehr begann er, als der Saal längst hinter ihm lag, die Stimmen der Herrschaften zu unterscheiden; ja, auch Harfen vernahm er — und mißbilligte es im stillen. Von früh an trieb man hier brotlose Künste!
So vorbereitet, wurde er zum dritten Mal anderen Begleitern überwiesen, diesmal aber waren es anstatt der Soldaten feine junge Adlige, ob nun Kammerherren oder Pagen; in jedem Fall hatten sie ihre Wangen gefärbt und mit glatten Haaren umrahmt nach Art von Frauen, gewiß auch zu demselben Gebrauch wie Streicheln und Liebkosen. In dem Kopf des Bürgers drehte sich etwas, während beide vornehmen Jungen ihm zulächelten und ein wenig den schlanken Hals neigten vor keinem anderen als ihm, Heurtebise. Sein Laden wäre ihnen zu schlecht gewesen. Faltenkräglein, anzusehen wie ein Hauch, aber mit Gold durchwirkt, wir führen sie nicht. Dennoch nahmen sie ihn zwischen sich wie einen ihresgleichen, betraten mit ihm ein Zimmer, näselten ihm auch zu, wie es hieße. Dies Gelaß indessen strahlte so ungeheuer von Gold, daß ihm zugleich mit dem Sehen auch das Hören verging. Betört äugte er zu den schönen Knaben hinan, und wahrhaftig, sie dankten es ihm, sie ermutigten ihn freundlich. «Herr Heurtebise», näselten sie, «jetzt öffnen wir noch zwei Türen, um Sie hindurch zu geleiten. Vor der dritten bleiben wir zurück, Sie werden allein hineingehen, niemand darf Ihnen folgen.»
Hierüber erschrickt man nun wieder. Was soll denn fortwährend Neues vorkommen! Die Gesellschaft der höflichen jungen Leute ist schon vertraut geworden, sie ist sogar geeignet, an gewissen Vorurteilen des Bürgers zu rütteln — hinsichtlich des Standes der Adligen, und auch, was ihre Sitten betrifft. Man wird versöhnlich gestimmt für Schloß Louvre, gegen das vielleicht doch mit Unrecht so heftig gepredigt wird von den Pfaffen. Der Hof hat sein Gutes, der König ist zu begreifen. Ich, Heurtebise, finde nichts, was nicht geheuer wäre. In den beiden nächsten Gemächern tritt er viel sicherer auf. Eins der unbekleideten Bildwerke veranlaßt Heurtebise, einem seiner neuen Freunde den Ellbogen in die Seite zu stoßen. Da machen sie auch schon halt vor der dritten Tür. «Herr», wird ihm empfohlen, «Sie werden gebeten, einzutreten und Ihre Augen zu öffnen.»
«Hinsehen, wenn’s beliebt, und sich alles merken», wird nochmals dringend erinnert, während jeder der Knaben einen Türflügel zurückschlägt. Heurtebise setzt einen Fuß hinein, die Tür hinter ihm schließt sich. Ihn nimmt ein dämmriger Raum auf, der Tag verfängt sich in dem Behang des Fensters, daneben glimmt das Nachtlicht. Allmählich erkennt er Umrisse, besonders die eines Bettes. Der Vorhang ist fortgezogen, wer schläft hier? Er unternimmt noch einen Schritt vorwärts, angehalten und berechtigt wie er ist, die Augen zu öffnen. Indessen quellen sie ihm aus dem Kopf. Die Haare sträuben sich, ein Schauder durchläuft ihn ganz, und er bricht in die Knie.
Der König! Kein anderer als er. Allein an den Lippen wäre es festzustellen; aber die Majestät wendet auch das düstere Auge her, ohne daß sein Antlitz mitginge: Genauso haftet das eine seiner Augen auf den Grüßenden, wenn es aus der Tiefe seines Wagens blickt. Hier ist kein Wagen, Heurtebise, wach auf! Das königliche Bett ist hier. Das Auge deines Königs gibt dir ein Zeichen, du sollst aufmerken, wer neben ihm liegt. Das ist die Königin. Du magst dich ins Bein zwicken, es bleibt die Königin, ihr weißliches Haar und ihre spitze Nase. Du bist gewürdigt, du bist ausersehn. Frau Königin wendet den Kopf auf dem Kissen, damit du auch die andere Hälfte besichtigst. Sie ruht bei Herrn König, nicht anders als Gevatterin Heurtebise, die jeder kennt, mit ihrem guten Mann im ehelichen Schlafzimmer hinter dem Laden. So einfach ist es, obwohl selten wie ein Wunder. Das erfährt von tausend nicht einer. Nur du.
Fromm legt er die Hände auf der Brust zusammen und senkt die Stirn, um nicht Mißbrauch zu treiben mit der Würdigung, die ihm widerfährt. Seine Schulter wird angerührt. In seiner Andacht ist ihm das Öffnen der Tür entgangen. Rückwärts auf den Knien verläßt er das Zimmer. Die beiden jungen Leute reichen ihm jeder eine Hand, damit er aufsteht. Sie begreifen seine Erschütterung und teilen ihm mit, daß ein stärkender Imbiß ihm zugedacht ist. Der Tisch ist gedeckt in einer Halle, zwischen Wandelgang und Treppe, an einem öffentlichen Ort sozusagen. Er muß Platz nehmen vor dem einzigen Gedeck, ein Haushofmeister erhebt den Stab, und Köche treten an, jeder trägt eine Schüssel von gewiß acht Pfund Silber, darin liegen viele Arten von Fisch, Fleisch und Kuchen. Der Wein fließt in sein Glas aus Gefäßen von Rubinglas mit goldenem Schnabel, außerdem hat sich zu ihm ein schönes Mädchen gesetzt. Er weiß es, obwohl er den Blick nicht aufhebt von seinem vollen Teller. «Heurtebise», sagen die Zuschauer, die sich einfinden aus der Richtung des Wandelganges oder der Treppe — halten einen achtungsvollen Abstand von seinem Tisch, recken die Köpfe, sagen «Heurtebise» und gehen auf den Zehen ab.