«Henri Guise!» verkündete er. «Wir spielen! Cäsar wurde ermordet: Weißt du noch, wie das war? Du und ich, wir stellen die Verschworenen vor.»
«Laß die Possen», sagte Guise. In Wirklichkeit aber war er froh, auf diese Art davonzukommen. Er hatte im Ernst genug gesprochen und getan, daß sich allerdings eine Verschwörung daraus machen ließ. Das Gesicht des Königs veränderte sich reißend ins Furchtbare, so viel war festzustellen; er schnellte auf und reckte sich wie die richtende Majestät. «Da ist Cäsar!» rief Henri Navarra, ganz bei der Sache. «Auf ihn!» Guise wollte denn auch losstürmen — fiel aber hin, sein Mitverschworener hatte ihm ein Bein gestellt. Schnell setzte Henri Navarra sich ihm auf den Nacken, hielt ihn nieder und fragte erregt, im Sinne der Rolle: «Sire, was soll ich mit dem Majestätsbeleidiger tun?»
«Schneid ihm den Kopf ab!» verlangte der Cäsar wild. Vielleicht ließ er sich ernstlich hinreißen, oder aber versetzte er sich zurück in das Collegium Navarra und den sonnenlosen Klosterhof, wo sie ehedem, drei Knaben und drei Henris, dasselbe Spiel getrieben hatten.
«Es ist geschehen», behauptete Vetter Henri, ließ sein Opfer aufstehen und steckte die Waffe ein, nicht ohne sie vom eingebildeten Blut zu säubern.
Dann trat die Pause ein; während dieses Schweigens und der aufkommenden Verlegenheit mußten die drei Henris zurückfinden aus Klosterhof und Spiel in ihre erwachsenen Tage, da nun Feindschaften unwiderrufliche Tatsachen geworden sind und wir in keiner Tragödie mehr handeln, sondern im Leben. Es gab ein Schwanken. Sollten wir am Ende nach wie vor in einer angenommenen Tragödie mitspielen?
Sehr verdächtig macht sich das Leben durch die Wiederholung von Lagen, die wir in unserer Phantasie schon längst erfunden hatten. Ein Eindruck von Unwirklichkeit — indessen sieht man von ihm bald tunlichst wieder ab. Henri Valois atmete stark aus und setzte sich. Henri Guise holte die zu Anfang versäumte Kniebeugung nach. Nur Henri Navarra behielt in den Mienen etwas zurück wie Zweifel oder Bedauern. Den beiden anderen entging es nicht, sie verständigten sich mit den Blicken auf seine Kosten und lächelten heimlich. Auch das war wie damals in der Klosterschule.
Anders war, daß desselben Tages am Nachmittag beim Ballspiel Henri Navarra seinem guten Freund Henri Guise absichtlich einiges nachgab und sich von ihm besiegen ließ — zur gleichen Stunde aber forderte ein ganz junger Edelmann, der ihm gehörte, seit sein Vater ihn dem König von Navarra übergeben hatte — Rosny hieß der Junge: dieser Sechzehnjährige, er hatte die Bartholomäusnacht nur überlebt, weil sein Schuldirektor ihn versteckt hatte —, Rosny, später Sully genannt, forderte einen Edelmann des Herzogs von Guise zum Zweikampf und tötete ihn. Der Herzog gewann inzwischen beim Ballspiel.
Als der König seinen Vetter das nächste Mal wiedersah, sagte er: «Vor dir muß ich mich mehr hüten als vor dem großmächtigen Lothringen. Du wirst mich beerben. Du bist ein Prinz von Geblüt, überdies sehr geschickt. Wäre es noch bloße Geschicklichkeit! Mein Mißtrauen verrät mir, daß es mehr ist.»
Das Erlebnis eines Bürgers
Der König, der seinen Freunden mißtraute, mußte sich von seiner Mutter Madame Catherine sagen lassen, worauf es dringlich ankam: zum Schweigen zu bringen die bösen Gerüchte über die Sitten der Majestät. Eines Morgens früh läutete es in dem kleinen Laden eines Pariser Weißwarenhändlers namens Heurtebise. Die Gatten hörten die Glocke bis in ihr Schlafzimmer, obwohl es nach dem Hof lag. Zuerst wagten sie das Bett nicht zu verlassen, und jeder hielt den anderen fest, falls er sich dennoch in Gefahr begeben wollte. Da das Läuten herrisch wurde, blieb nichts übrig als nachzusehen. Der Mann zog seinen Rock über, die Frau holte das Gebetbuch herbei. «Halt es ihnen entgegen, Heurtebise, und leugne alles, was du über die Liga jemals könntest geredet haben. Sag, daß es beim Wein war, und erst gestern hättest du gebeichtet.»