Der Herzog nahm eine schneidende Stimme an. «Ihr Parlament hat recht. Denn Ihre Placets bereichern Ihre Höflinge, das Volk geht zugrunde.»
«Dasselbe sagte man schon zu der Zeit meines Bruders Karl. Tut ein Volk eigentlich je etwas anderes als zugrunde zu gehn?» Dies brachte der König lauernd vor, und der Herzog benahm sich denn auch so, wie es von ihm erwartet wurde. Er legte los als rechter Tribun und warf durcheinander so viele hohe Zahlen wie große Worte. Als er zuletzt nichts mehr wußte, sagte der König schwärzlich aus seinem Pelzrock und bewegte die dicken Lippen nur wenig:
«Siehst du, Guise, gerade hierfür empfange ich dich allein und ohne Zeugen, aus Besorgnis, du kämest sonst nicht frei genug damit heraus.»
«Wen sollte ich wohl fürchten?» fragte der Herzog und stellte sich breitbeinig auf. Den angebotenen Sessel warf er beiseite. «Wer von uns beiden führt wirklich die Liga?» fragte er.
«Du», erkannte der König mit Inbrunst. Der Herzog fühlte darin etwas, das er verachtete. Er warf hin: «König sind Sie nun einmal, aber kein Edelmann; und werden darum auch nicht König bleiben. Ich —» Er stockte, rief zum zweiten Male «Ich», und hielt gerade noch zurück, was er im Sinne hatte: selbst König zu werden.
Der König — anstatt ihn zurückzuweisen, ermutigte er den dreisten Burschen. Der Vetter in dem Versteck ertrug es kaum noch, wie hier umgesprungen wurde mit dem königlichen Blut. Von dem Blut, wenn auch im einundzwanzigsten Grade, war er selbst. Er schüttelte die Falten des Vorhangs, damit Guise aufmerksam würde. Indessen war Guise viel zu sehr bedacht, den König zu erniedrigen. «Sie sind der König Ihrer Lieblinge», verkündete er hart. «Aber auch diese werden weniger werden mit dem Geld. Am Ende werden Sie selbst in einem letzten Winkel Ihres Königreiches hocken, ohne Lieblinge, ohne Geld und sogar — ohne Blut.»
Da schüttelte den König die Furcht. Sein Pelzrock stieg ihm über den Nacken hinan, der Vetter hinter dem Vorhang war darauf vorbereitet, er würde unter das Schreibpult rutschen. Statt dessen bat er schwach: «Sprich weiter!»
Es war zuviel, sogar für einen Mann ohne Empfindung wie Guise. Er schnitt ihm die Rede ab, er machte kehrt und begab sich zu dem Stuhl, den er fortgeworfen hatte. «Sprich weiter!» wiederholte er für sich allein und zuckte die Achseln. Hinter dem Vorhang war es deutlich zu hören, weil der Stuhl und der Herzog nahe daran standen; und dem Zeugen hinter dem Vorhang stiegen davon Tränen in die Augen. Ein schamloser Mensch mit viel Blut im Leibe und einem Schwarm von Pöbel hinter sich darf ohne Recht und Verdienst einem König entgegentreten wie ein großer Held und dem König drohen, das letzte Blut werde ihm aus den Poren treten wie seinem Bruder. Was wäre das für eine Welt! Henri Navarra riß die Falten weg und trat hervor, den bloßen Degen in der Hand. «Ich hätte ihn dir in den Rücken stoßen können, und du hättest es verdient.»
«Oho», rief Guise. «Es war eine Falle. Wozu auch sonst dieses ‹Sprich weiter!›, da Valois wahrhaftig seinen Ruhm nicht singen hörte. Ich habe mich indes herbegeben», sagte der große prächtige Mann, während er unauffällig zurückwich gegen die Tür, «herbegeben hab ich mich als treuer Diener des Königs, in der Absicht, ihn und sein Königreich zu retten durch meine biederen Worte. Mein Schwert hab ich nicht mitgebracht, verschmähe es auch, meinen Dolch zu ziehen.»
Wahrscheinlich hatte er aber auch diesen vergessen, denn er hielt die Hände, wie um sie gegeneinander zu schlagen. Im nächsten Augenblick wäre das Zimmer voll von seinen Bewaffneten gewesen. Henri Navarra hinderte ihn daran.