«Sie würden noch mehr nicht glauben. Sauves liebt niemand als nur Guise, ihm ist sie ganz ergeben.» Margot fing an, sich zu ereifern. «Brauchen Sie dafür noch einen Beweis außer den Tränen, die sie vergießt, seitdem Guise das entstellte Gesicht hat? Das gönne ich der Sirene!» rief sie im hellen Zorn. «Ich gestehe sogar, daß ich selbst dafür gesorgt habe. Diesen Sommer mußte er in den Krieg ziehen, anstatt seine Frau zu vergiften und mit Sauves zu schlafen. Jetzt hat er einen tiefen Schwertstreich bekommen über das halbe Gesicht und ist nicht mehr der schöne Guise. Er heißt nur noch Guise mit dem Schmiß.»

«Guise mit dem Schmiß», wiederholte ihr lieber Gatte, und sie freuten sich. Margot fiel plötzlich zurück in ihre vorige Wut. «Auch Sauves soll sich nur hüten, damit ihr kein Unglück zustößt. Denn sie geht darauf aus, Sire, Sie mir zu entfremden. Was sage ich, sie will Sie heiraten! Das Weib behält Sie den ganzen Tag bei sich und befiehlt Ihnen sogar, anzutreten, wenn die Königin sich erhebt, nur damit ich Sie nicht haben soll. Mißtrauen Sie mir denn mehr als ihr? Mit Mißtrauen, Sire, fängt der Haß an!» rief Margot — und hatte ganz vergessen, was für eine sichere Freundschaft bestand zwischen Lais und Achill.

Henri versuchte sie zu umarmen, und als sie sich sträubte, lächelte er heimlich über ihr erregtes Gefühl, ohne zu ahnen, daß auch ihn bald Eifersucht anwandeln würde — auf Margot, die den tapferen Bussy liebte. Vergnügen bleibt nicht immer Vergnügen. Es hat Fallen und es hat Tiefen. Man kann sich darin verbergen, um nicht gesehen zu werden. Man kann sich auch darin verlieren und inzwischen das Wichtigste versäumen. So erging es, besonders bei Charlotte de Sauves, dem Sohn der toten Jeanne, dem Rächer des ermordeten Admirals. Noch viele andere Damen des Hofes erfüllten denselben Zweck, lieblicher aber diese.

Sauves begegnete dem Lächeln des Lebens mit eigener Anmut. Ihr Wesen war gleichmäßig — anstatt stürmisch oder berauschend wie die Natur der Königin von Navarra. Schwach verhielt sich die Herzogin von Guise, nicht Sauves, die genau wußte, wie weit sie in allem gehen wollte. Henri verstand sich mit ihr — verstand sich mit Margot, Madame de Guise, Charlotte de Sauves und mit den übrigen, die er liebte und beglückte. Es waren viel, wie üblich an diesem Hof, ein verschwenderisches Durcheinander, sehr die Frage, ob es lange gut gehn wird für einen so jungen Körper. Am ruhigsten war er noch bei Charlotte, daher seine Vorliebe.

Es kam, weil sie einander erlaubten, ihren Sinn abschweifen zu lassen, wenn sie nachts beisammen wachten. Er wußte, wohin der ihre ging: zu Guise und seinen ehrgeizigen Unternehmungen. Guise ist ihr einziger Herr, sogar noch mit entstelltem Gesicht. ‹Das soll mir gleich sein, sie hat einen so hübschen Mund, wenn er sich ihr in Gedanken selbst öffnet; und ich kenne keine Augen wie die ihren, lange schmale Spalte, daraus Witz funkelt. Beunruhigend wäre, daß auch sie sich niemals wundert, weil ich lange schweige. Vielleicht hat sie schon erraten, woran ich denke? Ihre dichten Wimpern verheimlichen mir etwas, nun wir uns plötzlich ansehn, und sie lächelt mitleidig. Das verdiene ich auch, denn was habe ich vollbracht in länger als drei Jahren von allen meinen kraftvollen Vorsätzen des Hasses und der Rache? Nichts. Der König, Guise und Madame Catherine, alle leben noch, ich aber bin ihr Gefangener und ihr Freund; denke über sie nach, mehr als gut ist, und täusche sie. Die Frau, die neben mir liegt, hat recht, Guise für einen besseren Mann zu halten. Dennoch ist ihm jetzt das Gesicht verunstaltet — dafür, daß er den toten Herrn Admiral hat in das Gesicht getreten!›

«Mein Geist versetzt mich oft in das Gebirge», sagte er zu seiner Gefährtin in der Stille der Nacht. «In Schloß Louvre bin ich gern, wegen meiner vielen guten Freunde und der schönen Damen. Aber auf die Dauer fehlen mir die Berge. Wer sie nicht beschritten hat als Kind, weiß nicht, was es heißt, im Herzen ihren Namen zu tragen. Die Pyrenäen.»

Sauves sah es, wie er träumte. Versuchsweise ließ sie ein Wort fallen: «Es ist weit bis dorthin?»

«Zu Pferd möchte ich in zehn Tagen dort sein. Ich habe gewettet mit meinem Vetter d’Alençon», erwiderte er eifrig und gab, wenn man so scharf hinhörte wie Sauves, sich und seinen Genossen preis. Um das Geständnis auszutilgen, begann er unvermittelt zu phantasieren von dem Wasserfall, der herabstürzte aus Himmelshöhen. Ganz hingerissen log er, daß er einmal sich selbst habe von ihm ins Tal tragen lassen, bis vor die Füße seiner Mutter Jeanne.

«Deren Tod auch nach drei Jahren noch nicht aufgeklärt ist», warf Sauves sofort ein. Und noch immer nicht gerächt! Das hielt sie zurück, darum hörte er es dennoch! Oh! er fühlte durchaus ihre Neugier. Diese berührte ihn so deutlich wie ihre Haut. Sauves hat ihre größte Lust nicht an der Liebe, sondern durch das Wissen und Hineinspähen. Ehe man dessen gewahr wird, hat man sich ihr verraten. Ihr zarter Körper war leicht zu ermüden, in dieser Hinsicht flößte Henri ihr Schrecken ein: sie aber ihm mit ihrem Scharfblick.

Indessen verriet sie ihn nicht an die alte Königin, obwohl es ihres Amtes gewesen wäre. Sie hatte dafür Entschuldigungen, denn was beging der arme Herr schon groß, außer einigen geheimen Unterredungen, die zu nichts führten. Madame Catherine hätte darüber gelacht, daß er sich sollte verschwören mit ihrem Sohn d’Alençon, der ihn so oft getäuscht hatte. Die Vorsätze des armen Herrn waren angekränkelt, seine Gedanken genügten sich bald schon selbst. Der tut nichts mehr, meint Sauves. Der geht auf die Jagd und ist pünktlich wieder da, voll Stolz auf die erlegte Beute. Vor allem liegt er zuviel bei Frauen. Sie meinte es gut und aufrichtig, als sie ihn hiervor warnte. Ihr Herz war nicht böse.