Frage: Ob er sonst nichts fürchte? Antwort: Was er wohl fürchten sollte? Ihren Nagel oder Strick? Sie könnten ihm nichts anhaben. Töteten sie ihn, würde alsbald der König wissen, daß es seine Richtigkeit habe mit der Verschwörung, die aufzudecken er ihn, den Narren, beauftragt hätte. D’Elbeuf sagte Henri ins Ohr: «Lassen wir den Menschen.» Henri indessen fragte noch, ob der Narr aus Haß gehandelt habe. Henri hatte in Schloß Louvre gelernt, den Haß jeder Gestalt mit Aufmerksamkeit zu betrachten. Antwort des Narren:
«Dich hassen, Navarra? Weil du hier statt meiner den Narren gemacht hast? Ich hatte dir gesagt, du könntest füglich in meine Rolle eintreten. Das ist weniger strafwürdig, als was ich selbst getan habe: den Geist äffen.»
Frage: Ob der Narr sich einer gewissen Kränkung erinnere; sie wäre ihm widerfahren während eines festlichen Umzuges, bei Musik und großer Beleuchtung. Antwort: Er erinnere sich. Gemeint war ein Biß in die Wange, den Henri gegeben, der Narr entgegengenommen hatte. Weder der eine noch der andere nannten eine so vertrauliche Sache beim Namen. Frage: Ob der Narr infolge der damals erlittenen Kränkung nicht dennoch mit Vergnügen getan hätte, was ihm heute nacht wäre verordnet gewesen. Antwort, hohl und mit Rasseln aus dem Innern: Er habe noch nie etwas mit Vergnügen getan, sondern alles in der geziemenden Traurigkeit, die auf das Ende sähe. Sein eigenes Ende sei nahe und werde gräßlich sein. — Darauf banden sie ihn los und verließen ihn.
Henri sagte zu seinen beiden alten Freunden noch: «Das war nun der Geist, von dem ihr mir die Einladung überbracht habt, und so werde ich belohnt, wenn ich euch folge.» Dann mochten sie beschämt ihrer Wege gehen.
In der dritten Nacht nach dieser aber drang aus der Kammer des Narren entsetzliches Geschrei, und als man sie öffnete, wurde der Narr aufgefunden, auf den Boden gewälzt mit umgedrehtem Genick. Den Zusammenhang begriffen alle, die bei der gefälschten Erscheinung nah oder fern zu tun gehabt hatten, und dies waren sowohl der König selbst, der vielleicht sogar zuviel wußte über diesen Sterbefall — als auch die Verschworenen mitsamt d’Elbeuf. Nur Henri erfuhr erst später, daß die schlimmen Ahnungen des Narren sich bestätigt hatten. Diesen Abend lag Henri zu Bett; wie schon oft, hatte er ein hitziges, aber flüchtiges Fieber, dessen Ursachen nie ein Arzt entdeckte, sie waren wohl geistiger Natur. Bei ihm befanden sich d’Armagnac und Agrippa d’Aubigné, den der Erste Kammerdiener herbeigerufen hatte. Denn nahe zum Kopfkissen seines Herrn geneigt, hatte d’Armagnac merkwürdige Worte vernommen. Jetzt hielten beide das Ohr hin; Gesang hörten sie, schwach, aber deutlich: «Herr Gott, mein Heiland, ich schreie Tag und Nacht vor Dir.»
Der Fiebernde sang weiter; nicht alles verstanden sie, aber es war Psalm 88. Die Stelle kam:
«Meine Freunde hast Du ferne von mir getan, Du hast mich ihnen zum Greuel gemacht. Ich liege gefangen und kann nicht auskommen.»
Da erfaßten sie ihn bei der Hand und hielten ihn bei der Hand, solange er das Psalmlied der Kinder Korahs von der Schwachheit der Elenden ihnen vorsang. Ihr lieber Gebieter sollte nicht glauben, der HERR verstoße seine Seele und verberge das Antlitz vor ihm. In seiner schwachen Stunde sollte er dennoch wissen, daß seine Freunde und Nächsten und seine Verwandten keineswegs sich ferne von ihm täten, um solchen Elends willen.
Hier hatte Henri sich versöhnt und neu verständigt mit seinen alten Freunden. Hier begann eigentlich sein Aufbruch.