Eines Tages war er verschwunden — vorerst nur zum Schein und um die Wirkung zu erproben. Es entstand aber große Aufregung deswegen. Die Königinmutter fragte d’Aubigné, wo sein Herr wäre. Henri war einfach in seinem Zimmer, was d’Aubigné ihr nicht sagte. Ein Edelmann, der ihn zu bewachen hatte, wurde auf die Suche geschickt. Diese blieb natürlich umsonst, Henri indessen war gewarnt. Die folgende Woche sah er es darauf ab, sich bei der Jagd zu verspäten und erst zurückzukehren, wenn schon große Sorge herrschte. Zwei Tage bevor er Ernst machte, vermißten sie ihn die ganze Nacht; am Morgen später erschien er dann in der heiligen Kapelle, gestiefelt und gespornt, und erklärte lachend, er brächte den Ausreißer wieder; und er hätte sie nur beschämen wollen wegen ihres unnötigen Mißtrauens: er, den die Majestäten geradezu fortjagen müßten, sonst ginge er nicht, sondern stürbe zu ihren Füßen! Für diesen Zug wurde er nachträglich viel bewundert — hatte aber auch lange genug gedient, bis er das konnte.

Den Freunden ging es nicht schnell genug. Jetzt durften sie frei reden. Ihr Herr erlaubte es, um ihnen Genugtuung zu geben und sich in Geduld zu üben. Sie benutzten es auch und fügten eine lange Reihe vorzüglicher Worte zusammen, da sowohl Agrippa als Du Bartas Vertrauen setzten in die Kraft und Dauer der Worte, die für entschlossene Seelen ganz wie Handlungen sind und, einmal aufgezeichnet, den Nachruhm versprechen. Sie sagten ihrem Herrn rundweg, daß er sich gegen seine Größe versündigte und selbst schuldig wäre an den hingenommenen Beleidigungen. Wollte er aber auch alles vergessen, so vergäßen doch die Schuldigen nichts, und ihm wieder glaubten sie niemals, daß er vergessen hätte der Bartholomäusnacht! «Wir beide, Herr, wollten schon ohne Sie losgehen, da sangen Sie den Psalm. Wären wir erst fort, dann können Sie sich selbst sagen, Herr, daß andere dienende Hände nicht wagen werden, von sich zu weisen das Gift und das Messer, sondern werden sie gebrauchen.»

«Ihr hättet mich dennoch verlassen und aufgegeben?» fragte er zum Schein, damit sie die ersehnte Gelegenheit bekämen, noch weiter tugendhaft und gut zu reden. «Ihr hättet es gemacht wie Mornay. Denn ihr alten Freunde seid alle gleich. Mornay hat sich nach England in Sicherheit gebracht, rechtzeitig vor der Bartholomäusnacht.»

«So war es nicht, Sire. Er hat nicht mehr Zeit dafür gehabt; das aber ist Ihnen unbekannt geblieben, weil Sie sich den Berichten Ihrer alten Freunde so lange entzogen haben und wollten nicht hinhören, wenn wir zu murren wagten.»

«Ihr habt recht, und ich muß euch abbitten», erwiderte er gerührt, worauf sie ihm alle Erlebnisse ihres Gefährten Du Plessis-Mornay erzählen durften, obwohl er sie besser kannte als die beiden. Aber meine Freunde wollen nun einmal vor mir voraushaben, daß sie einiges wissen, was mir verborgen ist: zuerst über mich, dann über meine anderen Freunde. Daher wunderte Henri sich laut, wie der mutige und kluge Philipp sich in der Bartholomäusnacht hatte durchschlagen müssen, mitten durch die Mordbande, die gerade eine Buchhandlung durchsuchte nach freigeistigen Schriften und den Buchhändler niedermachte. Aus Stolz war Philipp ohne Paß abgereist, war dennoch nach England gelangt, das Land der Emigranten, und hatte, man frage nicht wie, abgewartet, daß Friede würde und die Amnestie käme. Dann Reisen zu den deutschen Fürsten, damit sie in Frankreich einfielen: das Leben eines umgetriebenen Diplomaten, wenn es nicht das eines heimatlosen Verschwörers war. Henri, der nichts Neues erfuhr, wurde dennoch immer nachdenklicher. So viel Unruhe, Mornay! So viel Dienst, Mornay! So viel Tugend! Ich war gefangen, und zuletzt beinahe gab ich mich gefangen.

Da endlich rückten sie unbewußt mit der Hauptsache heraus. Auch die Herren de Saint-Martin-d’Anglure und d’Espalungue drängten zum schnellen Aufbruch! Seine Freunde, die sich auf diese angenehmen Edelleute beriefen, wußten noch nicht, wer sie waren: die schlauesten der Spione. Er verschwieg es ihnen weiter, wahrscheinlich hätten sie sonst die Verräter zum Kampf herausgefordert, und alles wäre für einige Zeit verfahren gewesen. Dagegen beriet er sich mit seinem eigenen Vertrauten, Herrn de Fervaques: Soldat, kein Jüngling mehr, gerad und schlicht. Dieser riet ihm in aller Aufrichtigkeit, ein kurzes Ende zu machen und nur erst loszureiten. Was denn Spione! Er selbst wäre wohl fähig, sie unterwegs in die Irre zu führen, so daß sie die Spur des Flüchtlings verlören. Die Zuversicht des redlichen Mannes schien von guter Vorbedeutung. Am dritten Februar wurde aufgebrochen.

Vorher gingen ein Abschied und eine Komödie, beide mit Herren des Hauses Lothringen. Henri wartete, wo d’Elbeuf allein vorbeikäme: trat hervor und sah ihn nur an, da wußte d’Elbeuf. Immer hatte er das Wichtigste ermittelt und erkannt, ohne Worte oder Zeichen. In Gefahren war er von selbst zur Stelle gewesen, zweideutige Fragen hatte er geklärt, Menschen durchschaut und Abenteuer zum Besten gewendet. Er allein begehrte kein Vertrauen eines Bündnisses. Das alles verstand sich beiseite. D’Elbeuf war da, schien nichts zu geben und verlangte nichts. Auch hatte er den Herrn seines Sinnes wohl beschützt, dabei aber niemand verraten, besonders sein Haus nicht. Ein Guise kann nicht durch das Land reiten mit Navarra und kann sich nicht schlagen für ihn, bis er König ist. Dies stand fest für beide, d’Elbeuf und Henri. Da nun Henri unerwartet hervortrat, schossen in ihrer beider Augen die Tränen, und die Lippen zitterten ihnen, so daß nur wenige, entstellte Worte hinübergelangten in diesem äußersten Augenblick. Gleich danach waren sie auseinander.

Die Komödie dagegen spielte auf Kosten des Herzogs Guise mit dem Schmiß. Der Goliath und Held der Pariser mußte zuerst noch einen ganzen Morgen zum besten gehalten werden, warum eigentlich? Henri warf sich in aller Frühe über das Bett des Herzogs und schwärmte ihm vor, jetzt aber würde er wirklich Generalstatthalter im Königreich, Madame Catherine hat es versprochen! Wie da gelacht wurde im Zimmer des Herzogs, von allen, die dabei waren, als Guise aufstand! Auch wich der Possenreißer nicht von der Seite des großen Mannes, bis dieser vorschlug: «Gehen wir auf den Jahrmarkt, dort zeigen sich die Spaßmacher, wollen sehen, wer es mit dir aufnimmt!» Sie gingen auch hin, der eine von ihnen schon wieder gestiefelt und gespornt, und wollte den anderen durchaus mit auf die Jagd nehmen, schmeichelte ihm, streichelte ihn, ließ ihn nicht aus der Umarmung gezählte acht Minuten lang, und das vor allem Volk. Der Herzog hatte heute mit seiner Liga zu tun, zur Jagd konnte er nicht reiten, darüber war Henri beruhigt. Und endlich ritt er denn selbst.

Den Hirsch zu jagen ist ein seltenes Vergnügen, man kann es nicht laut genug verkünden. Aber der Wald von Senlis ist weit, wir werden übernachten müssen, bevor wir ihn jagen, und können morgen erst spät zurück sein. Daß sich niemand beunruhige wegen des Königs von Navarra! Es ist Herr de Fervaques, der spricht. «Ich kenne ihn doch, er freut sich wie ein Kind darauf, in einer Köhlerhütte zu schlafen. Ich will hierbleiben, um seine Vögel abzurichten!» In Wahrheit wurde Fervaques zurückgelassen, damit er beobachtete, was geschah, wenn die Flucht offenbar wurde. Er sollte Boten nachschicken, um zu melden, welchen Weg die Verfolger nähmen. Daran hielt er sich treulich, und einen ersten Berittenen fertigte er ab, sobald in Schloß Louvre die Beunruhigung aufkam. Der König von Frankreich äußerte bange Ahnungen, seine Mutter redete sie ihm aus. Sie und ihr Zaunkönig ließen einander nicht sitzen! Kleine Verspätungen wollte sie ihm nachsehen. Wie verliebt in Sauves hatte er sich noch den letzten Abend gezeigt — und nicht nur in Sauves! Den hält bei uns vieles!

Am Ende des zweiten Tages, der ein Sonnabend war, beherrschte auch Madame Catherine sich nicht länger. Sie ließ ihre Tochter rufen, und in Gegenwart ihres königlichen Bruders sollte Margot sich ausweisen, wo ihr Gemahl wäre. Sie gab an, sie wüßte es nicht, obwohl ihr dabei schwül wurde. Die Lage fing an, dem Familiengericht zu ähneln, wie es zu der Zeit ihres Bruders mehrfach über sie abgehalten worden war. Wie könnte sie nichts wissen, so wurde ihr scharf vorgehalten; hatte ihr Mann doch die Nacht vor seinem Verschwinden bei ihr verbracht! Das wohl, aber sie hätte nichts bemerkt. Wirklich? Keine geheimen Unterredungen oder Aufträge — und nicht einmal das leiseste Geständnis sollte sie empfangen haben auf dem Kopfkissen? Da in den glanzlosen Augen ihrer Mutter das gewisse unheilvolle Funkeln aufsteigen wollte, streckte die Arme ihre schönen Hände vor und schrie verzweifelt: «Nein» — was nur dem Wortlaut nach keine Lüge war. Denn Margot hatte der ausdrücklichen Enthüllung ihres lieben Herrn durchaus nicht bedurft; von selbst fühlte sie: seine Zeit war gekommen.