Henri hielt sein Pferd am Halfter, er antwortete ihnen so munter, als wären sie noch immer auf der Jagd oder beim Ballspiel. «Getötet wird nicht mehr», antwortete er, stieß seinen Lieblingsfluch aus, die ins Komische gezogenen geheiligten Worte, und rief: «In Schloß Louvre hab ich genug Tote gesehen!» Damit setzt er sich an die Spitze der Seinen, indessen weithin die Umrisse der Spione zerstoben im Mondweben, aber ihre Hufe stampften und rissen aus, was das Zeug hielt.
Gemäß der Lage wurde ohne viele Worte beschlossen, wohin man sich in Sicherheit brächte: nicht mehr nach Osten, zur Grenze, die sie schwerlich erreicht hätten, sondern nach Westen in die guten festen Städte der Hugenotten. Die Wege dorthin standen allen frei, sie wählten frei den ihren, sprengten den Wald entlang und entsandten in die sternblaue Luft, weil sie freudig waren, Gelächter, oder gaben von sich Hetzrufe, als wären ihre Hunde noch hinter dem Hirsch her. Kamen sie über einen hellen Acker, dann fragten sie die Bauern, die von dem Lärm aus den Betten krochen, ob der Hirsch nicht wäre vor den Wald getreten — niemand hätte geglaubt, so lustige Jäger könnten auf einer Flucht um Tod und Leben sein. Sie selbst dachten kaum mehr an die Gefahr, die von den Spionen drohte. Eher besann sich der eine oder andere darauf, daß ihr Unternehmen noch keinen Tropfen Blut gekostet hatte; und es floß sonst doch reichlich, wo viel weniger auf dem Spiel stand. Einer, natürlich war es Agrippa, sah darin etwas Großes. «Sire! Getötet wird nicht mehr. Ein neues Zeitalter bricht an.» Er wollte gewiß nicht schmeicheln. Agrippa übertrieb nur gern seine Eindrücke, die erhebenden wie auch die, unter denen man daliegt wie Hiob.
Sie ritten die ganze eisige Nacht, immer gegen Pontoise; aber in der ersten Frühe des fünften Februar, an einem Sonntag, ließen sie ihre Tiere durch den Fluß waten — voran und allein der Fürst und sein Stallmeister, d’Aubigné. Die anderen blieben noch zurück, damit er der erste wäre und damit ein Zeichen den Vorgang größer machte. Dasselbe begehrte Agrippa. Beide gingen, die Zügel ihrer Pferde über den Arm gehängt, das Ufer der Seine hin und her, wodurch sie sich erwärmten: da bat Agrippa, sein Gebieter möchte mit ihm, um des Dankes willen, Psalm 21 sprechen. «Herr! Der König ist froh Deines göttlichen Schutzes.» So sprachen sie einmütig im Morgennebel.
Jetzt stießen zu ihnen nicht nur ihre paar Gefährten: ein Trupp von anderen zwanzig Edelleuten jagt unverhofft daher. Zwar waren alle in Paris heimlich benachrichtigt worden, mit dem Augenblick ihres Eintreffens aber wird aus den Flüchtlingen insgesamt ein berittener Haufe: der überlistet keine Verfolger mehr, er wird hart klopfen ans Tor der Städte im Namen seines Herrn. Unter diesen ersten zwanzig ist ein Sechzehnjähriger, er läßt sich vom Pferd auf das Knie gleiten vor Henri. Aber Henri hebt ihn auf und küßt ihn — als Lohn für die vernünftige Klarheit und Echtheit in dem Knabengesicht, ein Gesicht aus dem Norden, von der Grenze der Normandie. Der weiß: mit mir fährt er sicher! «Küß mich auch, Rosny!» Und Rosny, später Herzog von Sully, darf das erstemal, mit gespitzten Lippen, die Wange seines Fürsten berühren.
Hier sind die werdenden Geschicke versammelt am Ufer der Seine, in waldiger Gegend, unter wechselndem Licht aus den Wolken, die nicht verweilen — und so auch die Geschicke nicht. Noch verhalten alle Gegenwärtigen sich zueinander gleich; sogar ihr König hat bisher nichts, was sie nicht hätten, die Jugend und die neugewonnene Freiheit. Die Schatten des Himmels ordnen sich zeitweilig, so daß sie über die vordere Ansicht fallen und auch den Hintergrund bedecken. In bestrahlter Mitte, breit flutendem Licht, winkt Henri einen nach dem anderen zu sich. Mit jedem steht er einmal allein, umhalst ihn oder schüttelt ihm beide Schultern oder drückt seinen Arm. Es sind seine ersten. Wäre er wissend, dann erkennte er in den einzelnen Gesichtern ihre künftige Bedeutung, sähe im voraus ihren letzten Blick, und wäre ebensooft erschüttert als entsetzt. Einige werden ihn ehestens verlassen, mehrere begleiten ihn bis in seine letzte Stunde. Den muß er mit Geld halten, und der dient ihm noch immer aus Liebe, als schon fast alle seiner müde sind. Aber Feindschaft, Freundschaft, Treue und Verrat: alles gleichermaßen arbeitet an dem gemeinsamen Werk derer, die ihre Zeit zusammen leben sollen.
Willkommen, Herr de Roquelaure, einst Marschall von Frankreich! Du aber, Freund Du Bartas, willst mir so früh schon sterben, nach einer meiner schönen Schlachten? Rosny, wenn wir beide nur Soldaten wären, dies bliebe wohl ein kleines Land. Sully hat den großen Verstand für die Zahlen, ich habe das große Herz für die Menschen: durch beides wird dies das erste der Königreiche sein. Mein Agrippa, leb wohl, ich werde früher heimgehen, du aber ins Exil — als alter Mann und um der Religion willen, die wieder verfolgt sein wird, sobald ich die Augen schließe. Das Licht flutete breit in die Mitte, dennoch blieb alles unsichtbar.
Zu sehen waren junge glatte Gesichter, in ihnen die gleiche Freude, dabeizusein und dahinzureiten den gemeinsamen Weg. Was der Haufe alsbald auch tat. Im nächsten Ort schlugen sie sich voll Nahrung und pumpten sich voll Wein, wurden davon aber nur leichter und unternehmender, verfielen auf Streiche, verschleppten einen Edelmann. Der Gutsbesitzer bekam Angst um sein Dorf beim Herannahen des Haufens, lief ihm entgegen und wollte ihn bewegen, im Bogen herumzureiten. Für den Hauptmann hielt er Roquelaure, weil der am meisten blankes Metall an sich trug. «Bewillt, Herr, Ihrem Dorf geschieht nichts, aber zeigen Sie uns den Weg nach Châteauneuf!» Wenn er mit ihnen kam, konnte er keine Neuigkeiten über sie umhertragen. Unterwegs sprach er nur vom Hof, um sich als Mann von Welt hervorzutun; kannte auch alle Liebhaber der Damen, besonders die der Königin von Navarra, und rechnete sie ihrem Gatten einzeln vor. Als sie nun zur Nacht vor der Stadt Châteauneuf ankamen, geschah es, daß Frontenac die Mauer hinauf sprach zu dem Offizier, der drinnen befehligte. «Öffnen Sie Ihrem Herrn!» Die Stadt gehörte zu einem Dominium des Königs von Navarra. Der Edelmann vom Lande, den Befehl hören, und starre Furcht bemächtigte sich seiner; kaum daß d’Aubigné ihn bewegen konnte, sich in Sicherheit zu bringen auf einem Pfad, der nirgends hinführte. «Und drei Tage lang kommen Sie gefälligst nicht nach Haus!»
Sie übernachteten nur und ritten auch schon fort, in einem Zug bis Alençon, und diese Stadt liegt von Paris mehr als halbwegs zum Ozean. Sie schafften es aber mit der Kraft ihrer Schenkel. Solange hielten die Pferde aus, als sie die andauernde Kraft der Mannesschenkel fühlten — und desgleichen hatten sowohl Achill als auch Karl der Große mit allen berühmten Gefährten ihre Königreiche durchquert.
Prinz von Geblüt
In Alençon nun geschah es, daß während dreier Tage nicht enden wollte der erstaunliche Zudrang von Edelleuten, zuletzt waren es zweihundertfünfzig. Flüchtlinge sind unterwegs verwandelt in Eroberer, denen Städte sich öffnen, und werden erwartet, noch bevor sie da sein können. Fliegend verbreitet sich das Gerücht, da hilft es nicht, einem einzelnen Gutsbesitzer den Mund zu verbieten: schon bis Paris weiß man alles. Die Zudringenden sind nicht alle durchweg von der billigen Art, die jeden Erfolg alsbald vergrößern helfen muß: auch die Freudigen und die Eifrigen kommen, noch nicht gerechnet, wie viele der Zorn antreibt. Das Gerücht sammelt sich in mehreren Provinzen auf, denn Alençon liegt zwischen Normandie und Maine. Es erreicht sie sogar weithin: einige der neuen Anhänger sind vom Hof. Woher und welchen Sinnes, alle werden aufgenommen von Henri.