Hier empörten sich die ersten, die allein die ersten bleiben wollten, besonders aber die alten Freunde: «Sire! So kann es nicht weitergehen. Unter den Neuen sind Mörder aus der Bartholomäusnacht. Sehn Sie denn nicht, Sire, auf den Stirnen den Verrat? Fehlt doch nur Judas selbst!» Und auch der traf ein. Sieh da, Fervaques!
Das Gut für den Sohn war jetzt schuldenfrei und durch Zukauf vergrößert, da hatte Fervaques sich gedacht: ‹Es ist an der Zeit, das vorige Treuegelöbnis bei Navarra einzulösen. Ich und der König von Frankreich sind quitt, aber der von Navarra ist mir viel Geld schuldig, man hält ihn für eine aufsteigende Größe.› Gedacht, getan, und Fervaques, von mächtigem Wuchs, fiel vor Henri auf seine steifen Knie, alle Bretter krachten im Saal.
Nicht, daß Henri sich versagte, den Seinen zuzublinzeln. «Der Mann ist Gold. Daher hat er seinen Preis», so sagte er; aber solche Dinge überhörte der Biedermann und überließ es vielmehr dem jüngeren Partner, die Sache in Ordnung zu bringen. Henri entschloß sich und drückte einen Kuß auf den eisgrauen Zwickelbart.
Von hier ab reiste der Trupp langsamer. Er vergrößerte sich fortwährend, auf offener Strecke und an den Stellen, wo einige Tage angehalten wurde. Deren waren vier; in der fünften Stadt verweilten der König von Navarra und sein Hof, weil sie sich jetzt und künftig in Sicherheit wußten. Saumur liegt in Anjou. Noch ein Tagesmarsch und sie wären in Saintonge gewesen, wo die Festung La Rochelle sich uneinnehmbar behauptet hatte alle die Zeit zwischen Land und Ozean. Henri ging dorthin noch nicht, weil er sich fürchtete vor dem Urteil dieser tapferen und unnachgiebigen Protestanten. Er selbst — nach seinem unbegreiflichen Zögern hatte er sich endlich eingefunden, und die gute Hälfte seiner Begleitung war katholisch! Mehr noch, er war es auch selbst und blieb es in Saumur die ganzen drei Monate, obwohl die Pastoren ihn erwarteten bei der Predigt. Er ging aber weder dorthin noch zur Messe. Nach seinem Vorbild handelten die Edelleute, so daß zu Ostern nur zwei von ihnen das Abendmahl nahmen. Der Hof von Saumur war «ohne Religion», eine Seltsamkeit und eigentlich abschreckend.
‹Was tut es, sie kommen!› dachte Henri. ‹Sie stoßen zu mir in immer zunehmenden Mengen, überfüllen die Stadt und lagern vor den Toren. Ihnen ist es gleich, ob ich Hugenott, ob Katholik bin. Ich bin ein Prinz von Geblüt und soll Frieden und Einheit herstellen in diesem Königreich. Mich kümmert es wenig, was sie sonst glauben: erkennen sollen sie mich. Das ist nicht einfach, wie ich wohl zugeben muß. Ich komme als letzter, nachdem Monsieur und mein Vetter Condé, jeder für sich, das Land aufgewiegelt und großen Umtrieb gemacht hatten. Um so schlimmer, ich darf nicht wählerisch sein, von mir wird niemand unverrichtetersache fortgehn, und hätte er schon am Galgen gehangen!› So dachte er und sammelte Anhänger, um nur nicht allein und abseits zu stehen, wenn der Hof von Frankreich verhandelte mit den Aufständischen. Das bin ich nicht! Andere mögen sein, was sie wollen, ich bin nicht aufständisch — so sagte er jedem, und bei einem gewissen Anblick der Dinge dachte er es wirklich. Dann hielt er sich vielmehr für den Pfeiler des Königreiches, das vielleicht keinen anderen hatte.
Monsieur, der Bruder des Königs, ersah für sich Provinzen als persönliche Mitgift. Condé wollte sie sogar verschenken, an einen deutschen Fürsten seines Glaubens. Henri ließ ihm eröffnen durch seinen Abgesandten: Als einem Prinzen von Geblüt liege ihm allein an der Größe der Krone Frankreichs, nichts weiter wollte er für sich, mißbilligte auch, was Monsieur verlangte. Aber eher, als die drei Bistümer auszuliefern an Johann Kasimir von Bayern und das Königreich aufzuteilen, viel eher ertrüge er — was denn? Herr de Segur hatte Auftrag, es auszusprechen, sonst hätte er es wahrhaftig verschluckt; und Condé verfiel in seinen bekannten Jähzorn — denselben aus der Bartholomäusnacht, da er zu sterben schwur, anstatt den Glauben zu wechseln; wurde aber katholisch siebzehn Tage vor Henri. «Mein Herr», sagte der Abgesandte, «würde eher darauf verzichten, die Urheber der Bartholomäusnacht verfolgt und bestraft zu wissen, als daß er ließe das Königreich aufteilen.» Condé brüllte auf, so neu war dies Wort.
Auch in La Rochelle werden sie zornig aufbegehrt haben, und besser für ihn, Henri blieb noch von ihnen entfernt um wenigstens eine Tagesreise. Die erste Antwort auf ein so kühnes Wort heißt natürlich: Vergeßlich! Undankbar! Für wen sind sie denn gefallen, die Opfer der Bartholomäusnacht? Sie, Sire, gingen zu Ihrer Hochzeit, da führten Sie die Unseren zur Abschlachtung! Jetzt sollen unsere Toten ungerächt bleiben, damit der Herr in besserer Stellung um Land feilschen kann mit unseren Mördern. Bekennen Sie sich zu der Religion! Sonst werden auch wir noch vergessen, wer Ihre Mutter war. So klingt die Stimme der tapferen und unnachgiebigen Protestanten, reicht auch weit genug, Henri vernimmt sie an seinem flüchtig aufgeschlagenen Hof, der «ohne Religion» ist. Führer der Protestanten sollt er sein: das ist jetzt für ihn ein anderer, sein Vetter Condé, der früher da war. Der ist eifervoll, vorschnell, und sieht nicht hinaus über den Krieg der Parteien. Dem Schwachkopf vertraut ihr, gute Leute von der Religion! Der lebt noch immer in den Zeiten des Herrn. Admirals. Begreift nicht, daß es dasselbe wäre, das Königreich aufzuteilen wegen der Religion, als wenn man es zerreißt um des eigenen Vorteils wegen, wie der Irrwisch. Vetter Condé und der Mann mit den zwei Nasen sind gleich darin, daß sie nichts ausrichten werden und ungelegen kommen. Sie hätten bleiben sollen, wo sie waren. Aber am eiligsten hat es, wer ohne Auftrag ist.
So nannte Henri die Dinge für sich allein, während er aber in voller Tätigkeit fortfuhr, Anhänger aufzunehmen, durch ihre Zahl den Hof von Frankreich zu erschrecken, bis Angebote von dort eintrafen — und ließ sich mit dem Vetter, seinem früheren Freunde, nun einmal nicht reden, dann unterhielt er doch Einverständnisse in der Festung La Rochelle. Sie sollten drinnen erfahren, wer er wäre: ihr Freund wie je, aber ein Prinz von Geblüt. Sie bestanden darauf, er müßte zur Predigt gehn, und andernfalls hätte er nicht zu rechnen auf die von der Religion. Vetter Condé hatte Henri bei ihnen angeklagt als verlorenes Schaf. Aus der Gemeinschaft der Protestanten ausgestoßen, wäre er für den Vetter keine Gefahr mehr gewesen; und so wird der Vetter auch boshaft, weil er schon dumm ist.
Auf der anderen Seite stand es nicht besser; der Hof von Frankreich schloß Frieden mit Monsieur, infolgedessen Monsieur förmlich anschwoll von Provinzen, Pfründen, Pensionen. Dem König von Navarra wurde nichts bewilligt, als daß er im Namen seiner Majestät sollte Gouverneur der Guyenne sein, und damit bestätigte man nur seinen alten Titel. Er mußte noch froh sein, was hätte er sonst gehabt. Keine Partei, kein Land und besonders kein Geld. Damit allerdings gab er die Aufteilung des Königreiches zu — nur vorläufig, wie er beteuerte bei sich selbst. Aber das hilft nichts, wenn man abgehn soll als ein Zaunkönig in den Süden und ausgeschlossen bleibt von den großen Staatsgeschäften. Man weiß nicht, wie lange. Wer dächte gleich an zehn Jahre: das wäre doch die Ewigkeit für einen Dreiundzwanzigjährigen.
‹Geboten ist Geduld, und die haben wir erlernt in Schloß Louvre. Aufschub, Nachgiebigkeit, Verzicht nach außen, im eigenen Innern aber der beharrliche Gedanke: durch diese Schule sind wir gegangen, darin übertrifft uns keiner. Meine Herren von La Rochelle, ihr müßt durchaus einen Parteiführer haben und er soll zur Predigt gehen? Ich gehe, ich geh schon. Wer das Königreich mit aufteilt, kann ebensogut auch die Religionen voneinander scheiden: eins so ungern wie das andere, nur gezwungen durch eure Hartnäckigkeit. Seht meine katholischen Edelleute, sie sind die Maßvolleren. Allerdings könnten sie mich auch gar nicht verlassen, sie stehn zu schlecht mit ihrem Hof. Die behalte ich, selbst wenn ich nicht mehr zur Messe gehe. Zur Predigt gehe ich aber, damit ich euch bekomme, die ihr nun einmal die Hartnäckigeren seid. Das wird euch später bei mir nicht gut tun, Starrköpfige mag ich nicht, obwohl unter ihnen die Tugendhaftesten sind, und wen sollte ich inniger lieben. Indessen kommt es vor, daß einer sich tugendhaft gibt und ist nur dumm und boshaft — weshalb zwischen mir und meinem Vetter Condé jetzt große Feindschaft sein soll. Er bringt seine Figuren in Stellung, ich aber, mit einem Zug setz ich ihn matt, ich geh zur Predigt!