Wüßtet ihr, gute Leute›, dachte Henri, wenn er seinen Rückritt zur reformierten Kirche lange und gründlich prüfte — ‹wüßtet ihr, daß es im Grunde nur ankommt auf eine Tatsache, einen Willen und ein gutes Glück!› Was er eigentlich meinte, seine Geburt als Prinz von Geblüt, er sagte es keinem; denn auch der Stolz kann sich verwandeln in eine innere List.
Seine Schwester Catherine ließ er nach Niort kommen. Dies ist eine Stadt auf der Grenze der Provinzen Poitou und Saintonge, schon ganz nahe dem Mekka der Hugenotten; das wird er erst als Wiederaufgenommener betreten, um sich seiner Rückkehr nicht schämen zu müssen. Am dreizehnten Juni in Niort schwur er feierlich den katholischen Glauben ab. Als lebenden Beweis hatte er neben sich die Prinzessin von Bourbon, seine Schwester, eine treue Protestantin in schwerster Zeit. Am achtundzwanzigsten desselben Monats zog er in La Rochelle ein. Da brauchte er die Stirn nicht mehr zu senken, und auch für ihn läuteten die Glocken, wie einstmals für seine liebe Mutter, die Königin Jeanne, deren Festung und Zuflucht hier immer gewesen war. Er selbst hatte die Stadt belagert mit einem katholischen Heer: dessen erinnerten sich manche, die schwiegen, wo er vorbeikam, und berührten einander mit den geballten Händen. Ihm entging nichts. Geboten ist Geduld. Deshalb denkt noch niemand an zehn Jahre: das wäre doch die Ewigkeit.
Auch katholische Herren waren bei ihm, absichtlich zeigte er sie hinter diesen Mauern. Ich hab im Land noch mehr als nur euch. Diese hängen keiner Religion an, sondern mir und dem Königreich, die einmal sollen eins sein.
Er sagte es keinem, oder führte nach dieser Richtung hin nur ein einziges Gespräch, mit einem Edelmann aus Perigord, derselbe übrigens, der eines vergangenen Tages sein Begleiter gewesen war hier am Meeresstrand, und auch Zechkumpane waren sie geworden dort unten in einem zerschossenen Haus. Da Herr Michel de Montaigne mit eintrat unter einem Schub von Höflingen, stellte Henri sich in Gegenwart anderer, als kenne er ihn nicht besonders: sprach ihn nicht an, sondern lächelte merkwürdig an ihm vorbei, Herr Michel aber lächelte genauso verschwiegen. Sobald er konnte, schickte Henri die ganze Gesellschaft fort; auf seinen Wink blieb zurück nur der eine.
Im kühlen Saal mit ihm allein, umarmte Henri ihn und führte ihn an der Hand zum Tisch, stellte darauf auch selbst die Kanne und die beiden Gläser. Der arme Edelmann tat ihm mutig Bescheid, obwohl er nichts Gutes zu erwarten hatte von dem Trunk. Seit sie einander nicht gesehn, litt er an Nierensteinen. Damals hatte die Vorahnung des Alters ihn betrübt wie eine Wirklichkeit; und diese kannte er jetzt. Er fing an, Badereisen zu machen, sollte damit auch fortfahren bis gegen Ende. Ihn hätten als Stoff für ein Gespräch am meisten gefesselt die Quellen jeder Art und aller Gegenden, sowie die Übungen der Nationen in ihrem Gebrauch, denn die Italiener tranken das Wasser lieber, die Deutschen tauchten sich öfter hinein. Er hatte zwei wichtige Entdeckungen gemacht, beide dem Altertum bekannt gewesen und seitdem vergessen. Erstens lebte der Mensch, der nicht badete, unter einer Kruste von Schmutz mit verstopften Poren. Zweitens wurde die Vernachlässigung der Natur von einer Klasse von Personen ausgenutzt zu ihrem eigenen Vorteil. Über den Stand der Ärzte hätte der Steinleidende sich stundenlang ergehen können unter Heranziehung des Kaisers Hadrian, des Philosophen Diogenes und vieler anderer. Er verzichtete auf dies alles, ja, es gelang ihm, während der Dauer der Unterhaltung seine eigensten Sorgen wirklich zu vergessen.
Henri fragte ihn, in welcher Absicht er gekommen sei, da fiel dem Edelmann gar nicht ein, von seiner Badereise anzufangen. Er sagte, daß er die seltsame Neuigkeit eines Hofes ohne Religion hätte aufsuchen wollen. Henri erwiderte ihm, daß man eher von einem Hof mit zwei Religionen sprechen könnte — worauf Herr Michel de Montaigne ihm ruhig lächelnd entgegenhielt: das wäre dasselbe. Von zwei Religionen könnte nur eine die echte sein, und nur dieser sollte man nachkommen. Wer daneben eine falsche zuließe, der mache keinen Unterschied und könnte eigentlich beide entbehren.
«Was weiß ich?» flocht Henri ein. Dies Wort blieb ihm unvergessen seit ihrem ersten Gespräch, und hier kam es ihm gelegen. Sein Gefährte verleugnete es nicht; er wiegte den Kopf und meinte nur, dies müßte man vor Gott sagen. Das Wissen Gottes teilten wir allerdings nicht mit ihm. Um so eher wären wir bestimmt, auf Erden Bescheid zu wissen, hier nun verständen wir das meiste vermittels Mäßigung und Zweifel. «Ich liebe die ausgeglichenen, mittleren Naturen. Maßlosigkeit selbst im Guten wäre mir fast zuwider, jedenfalls verschlägt sie mir die Rede und ich habe dafür keinen Namen.» Er wollte noch Platon erwähnen, Henri indes versicherte ihn lebhaft seiner Freude, daß der Herr mit ihm wenigstens auskomme. Auf gute Nachbarschaft zu Haus im Süden sollten sie ihre Becher leeren. Das tat der Edelmann, ohne an seine Steine zu denken. Freier im Herzen dank dem Wein, und mit geröteten Wangen ergab er sich unvermittelt der größten Offenheit. Er nannte dem jungen Mann, der ihm gegenübersaß, alles, was diesen leite, seine Feindschaften, Mißerfolge, sein verzweifeltes Schwanken zwischen den beiden Bekenntnissen, die Gefahr, leer auszugehen, allein zu bleiben und sogar wurzellos zu werden. Es ist ein auserlesenes Geschick, das solche Prüfungen mit sich bringt, und eigentlich nur deshalb war Montaigne hergekommen, wie sich zeigte.
Er wollte sehen, ob ein maßvoller, zum Zweifel geneigter Sinn sich mit Erfolg erwehren könnte der Ausschweifungen der Unvernunft, die ihn überall bedrohen. Darin vergeudet indessen die menschliche Natur sich fortwährend, wie die Geschichte lehrt und die alten Schriftsteller bestätigen. Geblendete, die nur toben und nichts erkennen: so stellt in der Regel das Geschlecht der Menschen sich dar. Der seltene Sterbliche, dem eine gesunde Seele vom Herrn der Himmel mitgegeben wurde, muß sie vor allen den gewalttätigen Kranken mit List verstecken: sonst gelangt er nicht weit. Die meiste Zeit der Menschheit ist vergangen mit den Ausbrüchen ihrer seelischen Erkrankungen und wird weiter mit ihnen vergehn. Das ist sogar noch ein Glück; denn Seelenleiden, die sich wenigstens entladen, sind noch die leichteren, omnia vitia in aperto leviora sunt.
Darauf brachte auch er einen Trinkspruch aus. Er war in Paris gewesen und hatte die Liga gesehn. Auf diesen gelungenen Ausbruch einer schweren Seelenerkrankung bat er Henri, sein Glas zu leeren. Dann sprach er so gefestigt und gefaßt, als ob er selbst der Kämpfer gewesen wäre gegen die Liga und ihr spanisches Gold, selbst der geduldige Sammler von Anhängern, selbst der Erbe des Königreiches — sprach: «Die Liga hat vor sich noch ihren Gipfel und Abstieg, danach kommt Ihre Zeit, Sire. Wir wollen nicht fragen, wie lange es mit Ihnen dauern wird und ob auf Sie nicht wieder der gewohnte Wahnsinn folgt. Das soll uns nicht kümmern. Ich werde ohne Zweifel noch meinen gekrönten König sehen.» Hierbei ergriffen ihn in Wahrheit schon seine gewohnten leiblichen Sorgen. Außerdem bemerkte er an seinem Zuhörer gewisse Anzeichen dafür, daß er genug gesprochen hatte, und stand auf.
Henri wurde aber nur bewegt auf das heftigste von seinem eigenen Bewußtsein: an dieses schlugen sämtliche Worte des Edelmannes wie an ein klingendes Erz. Er rief aus: «Sie sagen es, Freund! Ich bin ein Prinz von Geblüt.» Mit langen Schritten lief er durch den Saal und rief: «Weil ich Prinz von Geblüt bin, werd ich allen vorauskommen. Daher hab ich mein Recht und meine Begabung.»