«Laß das, Bruder, und sag mir, ob auf dem Ball in Agen, als der Saal voll war von den Damen der Stadt, die Kerzen und Lichter plötzlich ausgelöscht worden sind von dir und deinen Herren.»
«Nein. Man kann das nicht sagen. Ich habe wohl bemerkt, daß es etwas dunkler wurde in dem großen Saal. Vielleicht waren mehrere gleichzeitig niedergebrannt. Man bläst zuweilen aus bloßem Übermut auf die Flamme; wer weiß, ob nicht die Damen selbst!»
Hier erzürnte sich Catherine. «Du leugnest zu viel. Es wäre besser, du würdest weniger in Abrede stellen, dann dürfte ich dir das übrige glauben.» Dies sprach kein unerfahrenes Mädchen: nicht mehr die kindliche Stimme, nicht ihre hohen, erschreckten Endsilben. An Henri war es, zu erschrecken: zu ihm sprach seine strenge Mutter. Auch sehen konnte er den Unterschied kaum, denn es war Nacht geworden. Wie ein Knabe gestand er.
«Meine Edelleute wollen die Damen geküßt haben im Dunkeln. Keiner rühmt sich, daß er sie auch entehrt habe. Die Gelegenheit allerdings war da, sogar die Laune. Nachher will natürlich niemand es gewesen sein, wegen des ausgebrochenen Skandals.»
«So habt ihr euch aufgeführt!» sagte Jeanne und Catherine. «Sind das die strengen Sitten, die du unserer Heimat erhalten sollst? Nein, lieber zeigst du ihnen hier, was du gelernt hast in Schloß Louvre bei den Feinden der Religion.»
Der Atem blieb ihm weg. Was jetzt kommen sollte, traf ihn persönlich.
«Nicht allein, daß mehrere der entehrten Damen vor Schreck und Scham gestorben sind: du hast dir noch andere Unglücksfälle vorzuwerfen — überall im Land, wo du umherreitest und die Frauen verführst. Ich will sie dir nicht nennen und aufzählen, du kennst sie zu gut. Ich will dich lieber mahnen, daß du Gott liebst, anstatt die Frauen.»
Er hielt still. Die Predigt, die hiermit begonnen hatte, war unentrinnbar.
«An erster Stelle sollen wir lernen, unsere Herzen zu üben im Gehorsam des Herrn. An dem Ende müssen wir anfangen; damit aber etwas Ganzes wird, ist es nötig, daß unsere Augen, Hände, Füße, Arm und Bein — daß all das mittut. Grausame Hände erweisen ein Herz voll Bosheit, und schamlose Augen ein verderbtes Herz.»
Sie redete weiter gut und schön. Prinzessin Catherine bekam Briefe aus Genf und bewahrte sie in ihrem Sinn — obwohl auch sie nicht mehr lange danach handeln sollte. Ihr Bruder Henri weinte im Dunkeln. Die Tränen kamen ihm leicht, auch über Unabänderliches, das er zu ändern gar nicht gewillt war. Hiermit meinte er indessen nicht nur seine eigene Natur, sondern auch die eng verwandte seiner lieben Schwester. Mit ihrem frommen Eifer kämpfte die Arme gegen ihre Liebe zu ihrem Vetter Henri Bourbon, der jetzt noch den Eber jagte. Erscheint er aber erst in Person, dann wird alles schon geschehen sein, bevor Kathrin es selbst noch weiß! Das Ende ihrer kindlichen Unschuld, das war es, was ihr Bruder beweinte. Andererseits fand er es ganz vernünftig, daß einmal auch die Unschuld seiner Schwester endete. Geteilt zwischen Mitleid und Zustimmung umarmte er sie herzlich und unterbrach mit einem Kuß ihren besten Satz. Dann führte er sie in das Haus.