Weil alle Zärtlichkeit, sogar die für das eigene Fleisch und Blut, und jeder Schauder des Gemütes seinen münzbaren Wert hat, bekam Prinzessin Catherine am Morgen eine kleine Stadt geschenkt von ihrem lieben Bruder — der sie indessen selbst noch nicht hatte. Es war eine böse kleine Stadt, die ihn bis jetzt nicht einlassen wollte; er mußte sie erst erobern für seine liebe Schwester. Noch viele reizende Geschenke bekam diese — in späterer Zeit, als ihr königlicher Bruder es konnte. Einmal waren es siebenhundert feine Perlen, und auch ein Herz, reich besetzt mit Diamanten; den Preis kannte die Rechnungskammer. Übrigens waren die Stunden in Pau jedesmal gezählt. Die schönen Möbel in dem großen Stadtschloß bedecken sich wieder mit Hüllen; Henri wird niemals andere für schöner halten. Die Kronjuwelen von Navarra wird er nicht anrühren in Zeiten, als er kein zweites Hemd besitzt. Zu Pferd! Unruhigere Gegenden besucht! Auch Margot macht uns nur Sorgen. Sie hat ihren Bruder Franz, der nach Flandern durchgehen wollte, an einem Strick aus ihrem Fenster gelassen, hat dann den Strick in ihrem Kamin verbrannt und fast den Louvre angezündet. Dann ist sie gleichfalls ab nach Flandern, und was für Streiche! Kinder, was für Streiche! So spricht Henri in seinem Geheimen Rat.
Der Geheime Rat
Die Mitglieder des Rates begeben sich je zwei und zwei in das Schloß. Die doppelte Freitreppe erlaubt den Herren, die gerade nicht ganz gut miteinander stehn, sie auf verschiedenen Seiten zu ersteigen. Zwischen den beiden Armen der Treppe rinnt aus der Mauer ein Brunnen in sein halbrundes Becken. Das marmorne Geländer wendet sich von den Pfosten im weichsten Bogen, jede Hand ist versucht, es zu berühren. Das Auge gleitet von selbst über die bescheidenen Verzierungen, mit denen ein liebreicher Meißel den Stein belebt hat. Aber auf halber Höhe vereinigen sich die Arme, und die Treppe wird breit, sie wird öffentlich und führt zu dem Fürstenschloß. Jugendliche Schritte, laute Stimmen, die meisten der Räte durcheilen sogleich dort oben den Hof und wenden sich rechts. Sie benutzen einige Stufen und eine Galerie von Säulen, die läuft die ganze Front entlang; jede der Säulen trägt an ihrem Kopf andere Bilder von sagenhaften Vorgängen. Die Türen der Zimmer stehen offen, der Tag leuchtet. Schnell betritt man das größte, setzt sich auf Truhen oder hölzerne Schemel, versammelt sich mit erregten Reden, umarmt sich mit Gelächter, trennt sich gereizt — dies alles, indessen der Fürst noch erwartet wird.
In die kugelsichere Mauer, die sonst kein Fenster hat, ist eingesenkt der Posten des Beobachters. Zwischen seinen Gitterstäben blickt der Soldat hinunter in den äußeren Hof, dann über den Laufgraben in das Land hinaus. Hinter dem Stadttor zieht eine Straße, darauf könnten Feinde erscheinen. Friede und Sicherheit wohnen auf beiden Ufern der grünen Baïse, diesseits und jenseits der Brücken: sie heißen die alte und die neue. Diese schwebt hinüber zu dem stillen Park La Garenne, die andere verbindet die Stadtteile. Unterhalb des Schlosses wohnen Bürger wohlbehütet. Drüben bauen Herren vom Hof sich an, seitdem es hier den Hof gibt. Handwerker, Krämer und Gesinde drängen sich zu den festen Häusern der Großen: so entstehen Gassen, gewunden, eng, ein Häuflein von einer Stadt, durch die hinweg Bäche eilen und Kinder spielen. Die Kleinen erstürmen schreiend die hohe alte Brücke, Alte klettern sie vorsichtig hinan; und das Spiegelbild ihrer offenen Bogen tief im Wasser nimmt nacheinander die Schatten auf — all derer, die hier leben.
Oberhalb der Schloßtreppe, auf der gerundeten Bank von Stein, sitzen zwei Herren, die Henri erwarten. Der Herr im Reisemantel ist Philipp Mornay, er findet Henri unbedacht: allein unterwegs, bei sinkendem Abend, und es ist Krieg. Es ist wieder Krieg. Der Friede, der nach Monsieur benannt war, hat nicht vorgehalten. Der König von Navarra hat seinen Diplomaten ausgesendet auf die Suche nach Verbündeten, aber die meisten entziehen sich der Aufforderung, wie sie nur können. Da ist ein Vetter des ermordeten Coligny, und dieser Montmorency hat selbst, dem Tode näher als dem Leben, in der Bastille gelegen. Dennoch ist der beleibte Mann zu träge für die Rache — für die Gerechtigkeit, sagt Mornay. Für die Religion, behauptet er. «Die Lauen speit ER aus seinem Mund aus», entscheidet der Hugenott — begründet auch mit kühlen Worten, warum sie stürzen müssen, alle, die von der Religion nur Vorteil ziehn und nicht groß genug sind, ihrer Sache zu dienen. Den Herzog von Anjou hat Mornay verlassen, der jagt blindlings nach Königreichen für sich selbst. Eingetroffen ist Mornay, nach Abenteuern und Gefahren, bei einem Fürsten, mit dem er es versuchen will, obwohl der Fürst bis jetzt ein leichtherziges Leben führt. Nicht alles liegt aber an der Natur, viel mehr tut die Sendung. Gott ist stärker als die Leidenschaften seines Erwählten. Im Grunde ist der fromme Mornay ganz ohne Sorge um den unterwegs verspäteten Henri. Der steht unter hohem Geleit.
«Sie wurden gefangengenommen auf Ihrer Reise hierher?» fragte der Herr neben ihm auf der Bank.
«Aber man erkannte mich nicht», antwortete Mornay, hob die Schultern und war versichert: im rechten Augenblick erblindeten seine Feinde. «Hören Sie, wie es war, Herr de Lusignan. Wir betrachteten die Ruinen Ihres Stammhauses, in einer Gegend, die der Mondschein verzauberte, so daß es leicht war, an Märchen zu glauben. Dort begegnete in alten Tagen Ihr Vorfahr der Fee Melusine und hatte von ihr dasselbe Glück und Leid, das die Frauen der Menschen jederzeit austeilen können. Durch Schuld der Fee Melusine wurde unsere Aufmerksamkeit abgelenkt, daher waren zwanzig Bewaffnete früher über uns als wir über den Graben. Die ganze Frage ist bei solchen Gelegenheiten, sich für einen anderen ausgeben zu können, nicht aber wie ein Hugenott auszusehn.»
Der zweite Herr mußte lachen. Wenn einer so aussah, war es Philipp Mornay. Nicht nur, daß ein schlichter weißer Kragen über seinen dunklen Anzug geschlagen war: die Haltung machte es, und der Ausdruck sagte genug. Der Blick forderte niemand heraus, war auch nicht in sich versunken. Der Blick erforschte die Gewissen — verständig und ruhig unter der immer glatten Stirn. Bis in das Alter wird die Stirn ohne Falten bleiben, weil Mornay mit seinem Gott im reinen ist; wird eine unberührte Hochebene bleiben über dem zusammengedrückten Gesicht, das Flecken bekommen und in die Züge des Grames verfallen wird. So dereinst. Indessen sitzt er auf einer abgerundeten Steinbank, jung, im Herzen kühn, und erwartet den Fürsten, dessen Aufstieg er begleiten soll. Nichts ahnt Mornay von den Worten, die er bestimmt ist in ferner Zeit als letzte auf seinen Fürsten zu sprechen: «Wir haben hier zu verkünden eine traurige, abscheuliche Neuigkeit. Unser König, der große König, den die Christenheit hat getragen seit fünfhundert Jahren —»
Sehr hell war der Himmel, silbern sein Licht, und der Abend näherte sich mild. Henri kam aus seinen Gärten, ging über die neue Brücke und hatte den Arm voll Blumen. Da er die beiden Herren oben auf der Treppe stehen sah, lief er, verlangte schon von weitem nach dem Bericht seines Gesandten; hörte ihn an, und obwohl nichts Günstiges zu melden war, schenkte er ihm eine Blume. «Jemand hat sie abgerupft», erklärte Henri. Ohne es zu wollen, rückte er die Schulter in Richtung des Lusthäuschens am Fluß: da wußten sie Bescheid. Gleichzeitig ging über ihnen im Schloß ein mächtiges Lärmen an. «Meine Hugenotten bringen mir meine Katholiken um!» rief Henri und sprang schon in den Schloßhof.
Wirklich war Herr de Lavardin an Herrn de Rosny geraten: dieser ein junger Hahn, sein Hauptmann außer sich wegen der durchbrochenen Mannszucht. Die übrigen Edelleute schrien alle mit, Getöse erfüllte das Zimmer, und die Sache selbst wäre niemals in Erfahrung zu bringen gewesen. Glücklicherweise kannte Henri sie am besten. «Marmande», das war die Stadt, wo Hauptmann Lavardin den Fähnrich Rosny auf einen verlorenen Posten geschickt hatte. Henri selbst mußte den Jungen und seine paar Arkebusiere dort heraushauen, was nicht verhindern konnte, daß alle ziemlich kläglich abzogen mit ihrer einzigen Kanone und den beiden Feldschlangen ohne Munition. Lavardin wollte von niemand daran erinnert werden, daß er den verunglückten Angriff auf Marmande unternommen hatte entgegen der Meinung seines Königs. Jetzt fing gar sein Fähnrich von der dummen Sache an. «Milchbart!» brüllte der gereizte Vorgesetzte. «Wenn ich Ihnen die Nase drücke, kommt Milch heraus.» Sofort wollte Rosny sich mit ihm schlagen, von den Edelleuten aber waren die einen eifrig dabei, die anderen versuchten, die Gegner zu trennen. Man hätte nicht geglaubt, in einem einzigen Zimmer mit sechs oder acht Personen könnte so viel vorgehn — alles war aber eigentlich nur Betätigung der Lebensfülle und guten Laune. Henri zeigte sich mit seinem Arm voll Blumen, warf sie unter seine Edelleute, und seinen Rosny bestrafte er, wie es recht war. Er sagte ihm, um seinen Dienst in der besten Kompanie unter den besten aller Führer wär’s nun geschehn, und er selbst, der König, wollte ihn aus Mitleid für seine große Jugend in Zucht nehmen. Das ließ der Junge sich gefallen, hatte übrigens darauf gerechnet. Gleich bekam er wieder sein still vernünftiges Gesicht. Auch Lavardin war beruhigt, und überdies umarmte ihn sein König.