Andere ereiferten sich statt dessen über diese und jene kleine Stadt, die sich Greuel erlaubt haben sollte. Das Heer des Königs von Navarra zog umher und wurde nie fertig, Frieden zu stiften, zu rächen und Ordnung zu machen. Hier war der Geheime Rat, jedes Mitglied durfte dem Fürsten seine Meinung sagen, und mehrere hielten ihm vor, er führte den Krieg nicht streng genug. Sein Vetter Condé betriebe die Operationen tätiger und klagte über seine Lässigkeit. «Es ist mein Land. Seines ist es nicht», sagte Henri — mehr für sich als für andere. Nur Mornay horchte darauf. Der ganze Geheime Rat sprach meistens durcheinander. Die allgemeine Aufmerksamkeit lenkte Henri auf sich, als er anfing zu erzählen von der Königin von Navarra. Er ließ das eine Bein vom Tisch herabhängen, das andere hatte er unter sich gezogen, kaute am Stengel einer Rose und schluchzte manchmal, wie von innerem Lachen — fühlte aber in Wahrheit keine unvermischte Freude.
Die Königin von Navarra hatte zuerst ihrem geliebten Bruder Monsieur fliehen geholfen, dann war sie ihm vorausgeeilt nach Flandern, um für seine Sache zu arbeiten. Gefährlich, gefährlich — in einem Lande, das die Spanier unter ihren Stiefeln hielten, und der größte Stiefel war Don Juan d’Austria. «Die Königin, meine Gemahlin, hat alle hinters Licht geführt unter dem Vorwande der Krankheit, die sie kurieren wollte mit dem Wasser von Spa. Bevor die Spanier, die ohne Witz sind, müßt ihr wissen — Stelzschritte machen sie, halten den Kopf steif, wie sie ihren Kragen bügeln, und können nicht sehen, was auf der Erde los ist: bevor die Spanier das erste Wort gemerkt hatten, war das ganze Land aufgewiegelt von Ihrer Majestät. Darauf hat Don Juan d’Austria sie allerdings aus dem Land hinausbegleiten lassen in aller Eile. Am Abend vorher hatte er ihr noch einen Ball gegeben. Da kann man nichts machen, ihr eigener Bruder, der König von Frankreich, hatte sie den Spaniern angezeigt aus Furcht vor Don Philipp.»
Gelächter des Unmutes, samt einigen Flüchen. In Gedanken und die Zähne zusammengebissen, schloß Henri: ‹Gleichviel. Wenigstens hat meine arme Margot auf dieser Reise sich als eine ganz große Dame gefühlt — bis zu dem Hinauswurf. Goldene Karossen und Sänften aus Samt, darin die huldreiche Königin, und überall blondes Volk, das entzückt ist. Sie hat sich auch selbst entzückt. Sonst ist sie keine glückliche Frau, meine arme Margot, in der Familie, die sie hat. Sie sollte zu mir kommen. Ich brauche sie hier.› — «Leider verbietet ihr königlicher Bruder, daß sie mit einem Hugenotten lebt.» Dies letzte hatte er laut ausgesprochen: er bemerkte, daß in dem Lärm nur einer ihn aufmerksam ansah, sein Diplomat.
«Herr de Mornay», sagte er, «es ist traurig, aber der König von Frankreich haßt seine Schwester, und sie darf uns nicht sehn.»
Mornay erwiderte, daß Ihre Majestät, die Königin von Navarra, sicher nichts so sehnlich wünschte seit ihrer verunglückten Reise nach Flandern. «Ihr königlicher Bruder wird gegen seine Frau Schwester nur aufgebracht durch die Liga. Der Herzog von Guise —»
«Gehn wir hinaus», bestimmte Henri, und er verließ vor Mornay das Zimmer. Sie machten in dem Wandelgang einige Schritte, so schnell, wie Henri es liebte, und kehrten wieder um. Der Gesandte, der aus der Gegend von Paris zurückkehrte, kannte die neuesten Morde im Louvre. Guise erhielt den König in Angst und Schrecken. Dieser flüchtete immer häufiger ins Kloster, und nicht mehr nur das jenseitige Grauen trieb ihn. Außer seinem eigenen Tod fürchtete er auch das Aussterben seines Hauses, denn die Königin schenkte ihm keinen Sohn.
«Sie wird es niemals tun», warf Henri schnell ein. «Die Valois bekommen keine Söhne mehr.» Er verschwieg, von wem die Kenntnis und Gewißheit hatte: von seiner Mutter.
Mornay sah ihn an und sagte zu sich selbst, daß Gott der Herr ihn richtig geführt habe zu diesem Fürsten. In demselben Augenblick erkannte er endgültig, wer Henri war — kein Müller von Barbaste, Schürzenjäger und Befehlshaber über zweihundert Bewaffnete, sondern der künftige König von Frankreich und seiner Berufung voll bewußt. Er gab sich einen falschen Anschein, aus Klugheit und weil er Zeit hatte zu warten, denn lang ist die Jugend. Aber niemals vergaß er. Da nun der Fürst mit einem Wort ihm sein Herz aufgeschlossen hatte, verneigte Mornay sich. Der Rede bedurfte es nicht mehr, das Einverständnis war hergestellt. Mit einer einfachen Wendung der Hand wies Henri ihn auf den Park La Garenne hin, wo sie einander demnächst treffen wollten ohne alle Zeugen.
Schon wurden sie gestört. Seine alten Freunde, d’Aubigné und Du Bartas, gebrauchten ihr Vorrecht, ihren König jederzeit zu unterbrechen. Sie kamen laufend über den Hof, erstürmten die Treppe, und sogleich sprachen sie durcheinander. Die Neuigkeit rechtfertigte allerdings ihre Aufregung. Marquis de Villars war abgesetzt. Der mißlungene Überfall auf das Schloß seines Gouverneurs hatte dem Stellvertreter die Ungnade des Königs von Frankreich zugezogen. An die Stelle des Entlassenen trat Marschall Biron, der auch wirklich alles getan hatte, um es zu verdienen. Dieser Meinung war besonders Agrippa. Voll glücklicher Zuversicht rühmte er den neuen Stellvertreter, der aus lauter Edelmut seinen Einfluß bei Hof aufgeboten hatte gegen den düsteren Vorgänger. Du Bartas, von ganz verschiedenem Temperament, erwartete von dem neuen Mann ein noch ränkevolleres Verhalten als das des alten. In die beiden Ansichten teilte sich dann der Geheime Rat, als die Mitglieder von der Sache hörten.
Die Vernünftigsten, wie Rosny und La Force, dieser katholisch, sahen in Biron vor allem einen Gallensüchtigen mit gelben Augen; im Jähzorn hatte er einem Pferd die ganze Schnauze heruntergesäbelt, was nicht für ihn zeugte. Lavardin und Turenne, gleichfalls von verschiedenen Bekenntnissen, waren dennoch darin einig, daß dem Marschall Biron ein gewisses Vertrauen zu gewähren sei. Er entstammte einer der ersten Familien der Provinz Guyenne. Ihm käme es von selbst zu, hier Frieden zu halten. Dies hätte man glauben können. Henri aber las, während der Geheime Rat sich ereiferte, die königliche Verfügung: seine alten Freunde hatten sie ihm übergeben. Darin stand nun, daß Marschall Biron die Macht und Befugnis erhalte, unbeschränkt zu befehlen überall in Provinz und Land Guyenne, in Abwesenheit des Königs von Navarra. Als ob ich abwesend wäre — zum Beispiel gefangen im Louvre! So begriff Henri. Ihm wurde kalt und dann heiß. Er rollte das Schriftstück zusammen und ließ keinen anderen hineinsehen.