«Ein schöner Feind», rief Henri. «Haut seinem eigenen Pferd die Schnauze ab! Übrigens hinkt er.»
Mornay sagte: «Er ist nicht nur schlau, sondern wißbegierig, geht immer mit der Schreibtafel umher und merkt an, was er hört.»
«Er hinkt», sagt Henri, «und er trinkt. Ist auch krank an der Leber, die Knochen stehen ihm aus dem Gesicht. Die Kinder laufen fort, wenn er sie zufällig ansieht mit seinen harten Augen. Ein Kinderschreck, und ein alter Mann von mindestens fünfzig Jahren. Mornay, der Himmel hat mich benachteiligt mit dem Feind, ich hätte einen besseren verdient.»
«Wir wollen dankbar sein», erwiderte Mornay, worauf sie sich trennten.
Sogleich begann der Gouverneur einen sonderbaren Krieg gegen seinen Stellvertreter. Wo dieser immer hinkam, wurden bei seinen Mahlzeiten die leeren Flaschen gezählt, besonders aber die Flaschen, die er zwischen den beiden Mahlzeiten leerte. Der Gouverneur sorgte dafür, war auch bemüht, das Land gründlich zu unterrichten über den Wein des Marschalls Biron. Bald setzten die Leute von selbst hinzu, daß der Marschall in einer Schänke am Wege wäre liegengeblieben über Nacht, weil er in seinem Zustand die Stadt nicht mehr erreichen konnte. Infolge des Bekanntwerdens solcher beschämenden Einzelheiten bekam Biron zuerst die adlige Jugend gegen sich; denn diese trank nicht mehr im Übermaß, es war nur noch eine Gewohnheit älterer Geschlechter. Die Jungen machten es wie Henri, sie tranken zu ihren beiden Mahlzeiten zu guter Letzt den größten Schluck. Wenn Henri ein Bauernhaus besuchte, füllte er gleich am Faß mit eigener Hand seinen Becher; aber das tat er nicht einfach aus Durst, sondern um seiner Volkstümlichkeit willen. Die armen Leute fanden ihn nie vom Wein benommen, und sie schlossen daraus, daß er mehr vertrüge als sie, obwohl sie den ganzen Tag nur an das Trinken dachten. Daher sahen sie ihm leichter nach, daß eine der Töchter ein Kind bekam.
Die adlige Jugend neigte zur Unkeuschheit, seitdem das Zechen abkam, und glaubte damit edleren Freuden nachzugehen, als wenn man soff. Sie sagten, obschon beides Laster genannt würde, an dem einen wäre doch auch der Geist beteiligt, es verlangte Klugheit und geböte Mut. Das Saufen wäre die gemeinste der Untugenden, es wäre ganz und gar nur leiblich, irdisch, der Verstand ginge dabei in die Brüche und auch noch andere Fähigkeiten hörten auf. Biron verurteilt bei dem Gouverneur nur das, was er selbst nicht mehr kann. Worin er sich aber auszeichnet, das rechnen sich höchstens seine deutschen Reiter zur Ehre an!
Biron mit seiner Schreibtafel merkte sich solche Reden und antwortete darauf in den Schlössern, daß sein Jahrhundert keusch gewesen wäre wie er, ja, er selbst wäre rein in die Ehe getreten — und obwohl es nach der Mahlzeit war, bekräftigte er seine Rede dadurch, daß er auf den Händen um den Tisch ging. Wer nahe hinsah, bemerkte sogar, daß er nicht die Hände gebrauchte, sondern nur seine beiden Daumen. Er berief sich aber nicht allein auf seine wohlerhaltene Kraft, sondern mehr noch auf die Worte Platons. Denn dieser griechische Weise hat wohl den Wein verboten für Kinder bis zu achtzehn Jahren, und vor dem vierzigsten soll niemand sich betrinken. Nachher verzeiht er es und meint, daß Gott Dionysos alternden Männern zurückgäbe die einstige Fröhlichkeit und Sanftmut, so daß sie es wieder wagten zu tanzen. Wirklich führte Marschall Biron die Hausfrau zum Reigen, was ihn nicht hinderte, etwas später unter furchtbaren Ausbrüchen des Zornes das Schloß zu verlassen.
Henri, der alles erfuhr, hätte eigentlich Mitgefühl gehabt für den merkwürdigen Mann. Ihm war es natürlich, über den Feind nachzudenken bis nah an die Liebe. Dies war nur nicht die Meinung des Feindes. Der Marschall beantwortete die versuchten Freundlichkeiten des Gouverneurs nicht grob, aber durch Anzüglichkeiten. Um den Alten womöglich für sich zu gewinnen, übersandte Henri ihm schöne Bücher, die er selbst hatte drucken lassen. Sein Drucker, Louis Rabier, kannte die neuesten Verbesserungen der Kunst. Gegen den Willen der Stadt Montauban, der Rabier verpflichtet war, hatte der Gouverneur ihn in seinen eigenen Dienst gestellt, gab ihm ein Haus und fünfhundert Pfund: dafür druckte der Meister ihm den Plutarch, der das alte Lehrbuch der befestigten Charaktere ist. Dem Marschall schickte Henri die Reden Ciceros: ein großer prachtvoller Band, auf das Leder in Gold gepreßt das Wappen von Navarra.
Der Marschall glaubte nicht, daß etwas so Seltenes und Kostbares ihm als Geschenk sollte zugedacht sein; oder er tat, als glaubte er es nicht. Sondern er ließ das Buch zurückbringen mit höflichem Dank. Als Henri es aufschlug, fand er eine Stelle angestrichen: nur eine. Sie ist nach Platon übersetzt und heißt: «Difficillimum autem est, in omni conquisitione rationis, exordium» — was einfach bedeutet: Aller Anfang ist schwer. Von Seiten eines Feindes, der nicht der Jüngste war, konnte es aber auch heißen: Verdammter Grünschnabel!
Henri, nicht faul, läßt von seinen schönen Büchern ein anderes einpacken, eine Abhandlung über Chirurgie, auch hierin ist etwas angestrichen, eine Entlehnung aus dem Dichter Lukrez. Mit lateinischen Versen wird gesagt: