«Nachbar», antwortete der Sattler, «das ist wie mit dem ledernen Futteral für den königlichen Trinkbecher. Das Futteral mußte ausgebessert werden, aber niemand durfte es wissen, weil ein Becher, der nicht mehr verschlossen ist, ganz leicht könnte vergiftet werden. Sie haben mir vom Hof das Futteral gebracht», flüsterte der Sattler.
Gleichzeitig merkte der eine sich die unvorsichtigen Eröffnungen des anderen, falls Marschall Biron früher da wäre als der König von Navarra. Dann sollte jeder, außer ihm selbst, der Strafe ausgeliefert werden. Eine Frau träumte von einem Engel, der ihr den Marschall ankündigte, und sie erzählte es schreiend auf dem Markt. Ihr Mann war daher besonders bedroht, gesetzt, daß der Gouverneur schneller kam. Er war ein Fuhrmann und hatte einen Schuldschein des Herrn d’Aubigné in Zahlung genommen von einem Wirt auf dem Lande. Dort hatte der König von Navarra gegessen: dies war im äußersten Fall der Rückhalt des Fuhrmannes.
Fremden in geringer Zahl wurde das Stadttor aufgetan; daher war Henri unterrichtet, sowohl über die Uneinigkeit der Bürger wie über ihre Furcht. Die Besatzung war unbedeutend, galt übrigens als unsicher infolge der Mißerfolge Birons. Der Gouverneur nahm mit sich fünfzehn ausgewählte Edelleute, über ihren Panzern trugen sie Jägerröcke: so sollten sie unbemerkt eindringen. Kaum war er selbst aber drinnen, rief ein Soldat: «Der König von Navarra!» und schnitt das Seil des Fallgitters durch. In der Falle saßen ihrer fünf, Henri selbst mit Mornay, sowie den Herren de Batz, de Rosny und de Bethune. Alsbald läutete es Sturm, die Bevölkerung lief zu den Waffen und bedrohte die fünf kühnen Gefährten.
Der vorderste Trupp der Bürger betrug fünfzig Mann, auf diese ging der König von Navarra geradewegs zu, Pistole in der Faust, während er aber eine Rede begann an seine vier Edelleute: «Drauf und dran, Freunde und Gefährten!» Er meinte weniger diese, als die guten Leute von Eauze, die er zum Stillstand bringen und einschüchtern wollte. «Drauf und dran! Hier müßt ihr dartun euren Mut und Festigkeit, denn davon hängt unser Heil ab. Folge mir jeder und mach’s wie ich. Nicht schießen!» rief er besonders laut. «Laßt die Pistole, wo sie ist!» — als ob er zu seinen vier spräche. In Wahrheit hörten die bewaffneten Bürger der wohlgesetzten Rede eines so sehr bedrohten Königs mit offenen Mündern zu und rührten sich nicht. Drei ungefähr schrien allerdings: «Schießt auf den Rotrock! Das ist der König von Navarra.» Bevor indessen jemand sich aufraffte, drang Henri mit voller Wucht in den Haufen. Vor Schrecken fiel dieser auseinander und verzog sich nach hinten.
Von dort wurden mehrere Gewehre und Pistolen abgefeuert. Alsbald entstand in der Gasse ein Getümmel, weil das arme Volk, das den König liebte, die Schützen anfiel. Ihnen selbst war es durchaus nicht geheuer; noch während des Kampfes gerieten sie einander in die Haare, keiner wollte wirklich seine Waffe abgeschossen haben. Henri brauchte nur ruhig zu warten: nicht lange, und die Schöffen oder Konsuln warfen sich ihm zu Füßen, sie sagten her im Ton einer Litanei: «Sire! Wir sind Ihre Untertanen und ergebenste Diener. Sire! Wir sind Ihre —»
«Ihr habt aber auf meinen scharlachroten Rock gezielt», erwiderte Henri.
«Sire! Wir sind Ihre —»
«Wer hat auf mich geschossen?»
«Sire!» betete ein Bürger mit Schurzfell. «Ich habe das lederne Futteral Ihres Trinkbechers zum Ausbessern bekommen. Auf einen Kunden schieße ich nicht.»
«Wenn durchaus einige hängen müssen», riet einer, vertraulich aus Angst: «Sire, dann hängen Sie nur arme Leute: von ihnen gibt es zu viele bei den Zeiten.»