«Tapferer Held!» so ermuntert Henri ihn. «Gott Mars in Person spricht zu mir.»
«Mein sind die Städte!» brüllt Marschall Biron. «Mein soll die ganze Provinz sein! Ein König von Navarra oder von Frankreich — mir eins, hab Galgen für alle!» So brüllt er. Denn es ist möglich, daß er auf dem Pferde festsitzt und sicher in die Ferne blickt: darum verlassen ihn dennoch sein Halt und seine Klarheit.
«Halunke, du hast dich verraten», sagt über ihm die bekannte fette Stimme: auf dem Balkon steht wieder Madame Catherine, streckt auch den Finger nach ihm aus. Biron erschaudert plötzlich von oben bis unten, reißt sein Pferd herum, er flieht. Da sprengen ihm Bewaffnete vor den Weg, halten ihn auf und verhindern seine wenigen Begleiter, näher zu kommen. Das Handgemenge wird aber unterbrochen durch den Befehl des Gouverneurs: «Laßt ihn laufen! Jetzt kennen wir ihn.»
Abzug Biron. Agrippa als alte Witwe fängt an zu tanzen auf seinem Balkon und drunten schlagen alle in die Hände, hervorgebrochenes Volk, es tanzt mit. Morgen erzählt das ganze Land sich die Geschichte, das Land wird lachen wie wir. Auch Gelächter ist gut gegen einen Feind. Biron wird sich verstecken — für eine längere Weile, und inzwischen soll bei Hof bekannt werden, soviel als nützlich ist: nicht mehr. Wir schweigen von dem Balkon.
Eauze oder Menschlichkeit
Ein Anfall seiner Krankheit machte es dem Marschall unmöglich, Kuriere nach Paris zu schicken. Er spie Galle infolge seiner Demütigungen vor der Provinz und dem ganzen Königreich, das er bis in sein Bett hinein glaubte lachen zu hören. Obwohl Henri es überging in seinen Berichten, wurde bei Hof sehr wohl bekannt, daß Marschall Biron geschossen haben sollte auf die nachgeahmte Gestalt der Königinmutter. Der König von Frankreich, den er hatte aufhängen wollen, war gesonnen, ihn vor sein Parlament zu berufen und ihm den Prozeß zu machen. Madame Catherine überzeugte aber ihren Sohn, daß zwei seiner Feinde, die selbst einander befeindeten, dort, wo sie waren, auch müßten gelassen werden. So unternahm man nichts gegen den Stellvertreter des Gouverneurs; Henri erhielt nur schöne Worte.
Dagegen rächte er manche Untat Birons, solange dieser entmutigt und krank war. Leider mußte er auch die furchtbarsten Handlungen der Rache erlauben, angesichts der Wut seiner Soldaten über die Greuel der anderen. Er selbst und seine Leute wurden aber genauso grausam befunden von den Städten, die zufällig seinem Stellvertreter ergeben waren. Auf beiden Seiten verursachte ein bloßes Gerücht die höchst wirkliche Vergeltung, und diese zog um so ärgere Strafen nach sich. Man wurde, wofür man einander hielt, wurde noch schlimmer und konnte sich in Unmenschlichkeit nicht genug tun.
Einst auf dem Weg von Montauban nach Lectoure empfing Henri die Meldung von einem bevorstehenden Angriff aus dem Hinterhalt; schickte auch gleich die Herren de Rosny und de Meilles mit fünfundzwanzig Pferden, um den gefährlichen Hohlweg zu säubern. Dies getan, flüchteten dreihundert von den Feinden in eine große Kirche mit festen Mauern: die mußte man erst untergraben, es dauerte zwei Tage und Nächte. Als die Belagerten sich ergaben, wollte der König von Navarra sechs von ihnen hängen, alle anderen laufen lassen. Indessen durfte er nicht gnädig sein, denn auf einmal wurde bekannt, daß dieselben Katholiken sich ganz abscheulich aufgeführt hatten in der Stadt Montauban. Nicht damit zufrieden, sechs junge Protestantinnen zu vergewaltigen, hatten einige Wüteriche «die Natur der Unglücklichen mit Pulver gefüllt», hatten es angezündet, und sechs schöne und fromme Mädchen waren in Stücke zerrissen. Daher wurden jetzt dreihundert Gefangene ohne Erbarmen niedergemacht.
Henri ritt während des Gemetzels davon, als ob er flüchtete. Er war in Verzweiflung wegen seines Rufes, den er beflecken mußte mit Bluttaten, nur weil sein Stellvertreter vor keinen zurückschreckte. Biron blieb bedacht, daß die Städte aus bloßer Furcht ihre Tore geschlossen halten sollten vor dem Gouverneur. Gerechtigkeit und strenge Zucht, die dem Gouverneur zuerst waren nachgesagt worden, mußten in Härte umschlagen, nach der Absicht des Stellvertreters; ja, dieser war auf dem besten Wege, den Namen Henris so verhaßt zu machen wie seinen eigenen. Henri begriff es, und auf seiner Flucht vor dem Gemetzel der dreihundert beschloß er, künftig anders zu handeln, als der Stellvertreter ihm vorschrieb.
Eauze gehörte zu den kleinen bösen Städten, die ihn nicht einließen und von keiner Unterwerfung wissen wollten. Recht besehen waren es nur die Schöffen und einzelne Bürger, die mehr Land besaßen als die übrigen, und die Ärmeren arbeiteten für sie. Das niedrige Volk hielt zu dem König von Navarra, der in die Häuser der Armen ging und ihre Töchter liebte. Dafür wurde auch ihm Liebe. Die Armen hätten ihm gewiß das Tor geöffnet; sie konnten es nicht, wegen der Besatzung, und weil diese den Reichen dienstbar war. Der Widerstand der Armen machte aber die Wohlhabenden mißtrauisch untereinander. Jeder sicherte sich im voraus Ausflüchte, für den Fall der Übergabe. Ein Apotheker sagte zu seinem Nachbarn, dem Sattler: «Im Vertrauen, Nachbar! Weißt du wohl auch, wer dem König von Navarra seine Konfitüren liefert? Sein Apotheker in Nérac, genannt Laianne; aber ich hab ihm das Rezept verkauft.»