Auf diese Worte seines Herrn antwortete Agrippa d’Aubigné: «Und warum nicht sogar während der Ausführung? In mir regt sich ein noch unaussprechlicher Gedanke», sagte er beiseite. Henri meinte für sich, der Feind wäre nicht komisch genug, solange er in einer starken Festung auf Überfälle sann. Gerade an diesem Tage ergriff er noch einen Kurier des Marschalls, und der war der entscheidende. Diese Botschaft versprach der Königinmutter wahrhaftig den Fang des Königs von Navarra. Für seine Auslieferung forderte Marschall Biron als Preis und persönlichen Besitz eine ganze Anzahl von Städten, sowohl in der Provinz Guyenne als auch im Lande Bearn.
Henri war recht erschrocken. Er saß auf einem Grabenrand, der Himmel hatte sich verdüstert, die Gegend und seine heimische Zuflucht boten gar keine Sicherheit mehr, sein Feind meinte es ernstlich böse. Es ist nicht schlimm, einen Feind zu haben und ihn zu kennen: man reitet ihm entgegen und schlägt ihn, die erste Furcht ist bald überstanden. Schlimm ist es, seine Heimlichkeiten zu entdecken und auf einmal offen ins Gesicht zu bekommen den Atem eines Abgrundes, der nicht war geahnt worden. Jetzt entsendet der Spalt die üblen Schwaden. Man verschluckt sie und hätte Lust, sich durch den Hals zu entleeren. «Biron erpreßt meine Städte», wiederholte der junge König am Grabenrand.
Als er aufsah, begegnete Henri dem Blick des gefangenen Kuriers: der stand vor ihm mit gefesselten Füßen. «Du bist doch ein Hugenott», sagte Henri. Der Mann erwiderte: «Marschall Biron hält mich nicht dafür.»
Henri beachtete ihn genau, endlich wendete er die Hand, die Fläche nach oben, wie jemand, der keine Wahl hat. «Du bist bereit und willens, deinen Herrn an mich zu verraten um der Religion willen. Du sollst ihm eine Botschaft bringen, und er soll glauben, du kämest zurück aus Paris. In Wirklichkeit wirst du bis zu dem Tage, da du zurück sein könntest, im Verlies meines Schlosses zu Nérac liegen, wo es dir schlecht ergehen wird.»
Das schreckte den Jungen durchaus nicht ab, sogar den folgenden Beleidigungen hielt er stand. Der Gouverneur bestimmte, wieviel sein Verrat in Geld wert wäre. Nachher sollte die Rechnungskammer in Pau den Betrag auszahlen. Dann ritt Henri fort; das Verlies hatte er vergessen, der Junge war frei. Von Stund an blieb er aber unter Aufsicht, wohin er ging, mit wem er sprach. Er versteckte sich und schwieg, so daß ihm denn endlich getraut werden konnte. Mit leeren Händen und einem einzigen Satz, der auszusprechen war, meldete der Kurier sich zurück bei dem Herrn, der ihn abgeschickt hatte.
Infolgedessen kam Marschall Biron tatsächlich nach einem einsamen Haus, genannt Casteras, ließ sein kleines Gefolge zurück beim nächsten Busch und ritt ganz allein über die Heide. Sie lag fahl unter einem schwärzlich dahinjagenden Gewölk. Des Windes wegen, den er liebte, trug der Marschall keinen Hut, war auch ohne Mantel, da der Wein ihn in Hitze erhielt. Auf seinem Klepper, der knochig war wie er selbst, schwankte er wohl hin und her, fiel aber niemals ab. Das wußte jeder. Wer zusah, erkannte den gelben Schädel, harten Blick, ein Gerüst mit Scharnieren, das klapperte. Sturm, Einöde — und der berittene Tod: da lacht wahrhaftig keiner aus dem Volk, das der Gouverneur versteckt hat überall in der Nähe des Hauses. Der Marschall ist in eine Falle gegangen, wie er es verdient hat. Es würde ihm nichts mehr helfen, das Pferd zu wenden und davonsprengen zu wollen. Er ist nur noch hundert Schritt von dem Hause, das frei und kahl dasteht mit einem engen Balkon unter dem Dach.
Auf dem Balkon erscheint etwas. Marschall Biron hält sofort an, weil der Vorgang nicht geheuer ist. Seine Vorahnungen erweisen sich jetzt dennoch als begründet. Die Gestalt dort oben ist nicht aus dem Hause getreten, sie war zu plötzlich da. So wäre sie denn vom Boden aufgestiegen, was aber nicht angenommen werden kann von einer Persönlichkeit wie Madame Catherine. Biron sieht ganz klar, die Dünste des Weins trüben ihm niemals die Aussicht. Die alte Königin ist ihm wohlbekannt, das große schwere Gesicht unter der Witwenhaube. Auch hört er ihre Stimme, die schwerlich zu verwechseln ist. Agrippa hat nicht umsonst vier Jahre lang ihren behaglich-unheilvollen Tonfall studiert, er ahmt ihn vorzüglich nach. «Dreckskerl!» ruft er in die Heide, dem einsamen Reiter entgegen. «Du Dreckskerl bleib nur, wo du bist. Was treibst du für Unfug: saufen und lateinische Verse in die Runde schicken. Dafür möchtest du ganze Städte einstecken und das Königreich bestehlen. Der König von Navarra, mein geliebter Schwiegersohn — wollt ich auf dich warten, bis du ihn mir bringst! Lieber komm ich selbst und versöhn mich mit ihm, was eine Kleinigkeit ist, sobald ich hübsche Weiber mitbringe. Was war denn in der Mühle? Wo hast du damals gesteckt? Statt ihn zu fangen, lagst du besoffen in der Schänke!»
Der Marschall hörte die sonderbare Rede bis zu Ende an. Als sie aus war, wußte er genug — zog aus dem Gürtel eine Pistole und feuerte sie ab. Die falsche Madame Catherine war beizeiten untergetaucht, nur die Mauer dort oben bekam ein Loch. Biron spornte seinen Klepper an, jetzt aber bog um die Ecke des Hauses ein anderer Reiter, der Gouverneur oder sogenannte König, ein Vogel, der sich lustig machen will über verdiente Marschälle. Der alte Mann hat einen Blick wie Eisen, nimmt die Zähne nicht auseinander, hebt aber unbewußt die Pistole. «Gut, daß sie abgeschossen ist», ruft Henri herausfordernd. «Sie würden das Königshaus ausrotten. Ich muß der Königinmutter melden, daß Sie nach ihr gezielt haben, Herr de Biron.»
Der bringt vor Wut nichts heraus. Endlich kommt es.
«Sie haben mir einen Popanz hingestellt, die Hängebacken und dicke Nase aus Wachs, die Gestalt mit Plunder ausgestopft. Wär’s aber auch die richtige Madame Catherine gewesen — bei meiner Seel, der Schuß hätt mir nicht leid getan.»