Der König von Navarra erwartete damals Verstärkungen. Dem Offizier, der sie ihm herführte, bestellte er Quartier in einem Ort, genannt Gontaud. Jeder konnte ihn sagen hören, daß er des nächsten Tages dorthin reiten würde. Er war aber gewarnt worden, ein Mörder wäre in der Truppe: gerade darum sprach er von seinem Vorsatz laut und scheinbar unbedacht. Die Sonne ging auf, den König von Navarra begleiteten drei seiner Edelleute, d’Harambure, Frontenac, d’Aubigné. Auf halbem Weg kam ihnen entgegen ein einzelner Reiter, den sie erkannten als einen Edelmann aus der Gegend von Bordeaux. Während die drei Begleiter das Pferd des Fremden zwischen die ihren einzwängten, befiel den König von Navarra eine kitzelnde Angst — unheimlicher als in jedem offenen Gefecht, wo ein kühner Vorsatz über die Furcht siegt. Lieber wäre der König von Navarra geflüchtet, er fragte aber recht fröhlich, ob es ein gutes Pferd wäre, und auf die Antwort: ja, ritt er heran und betastete es, verlangte es auch zu kaufen. Gavarret, so hieß der Mann, erbleichte und wußte nicht, was er denken sollte, wohl oder übel stieg er ab. Der König von Navarra saß auf und sah sogleich nach den Pistolen: eine fand er mit gespanntem Hahn.
«Gavarret», sagte er, «ich weiß, daß du mich töten willst. Jetzt kann ich dich selbst töten, wenn ich will.» Dabei schoß er in die Luft.
«Sire!» antwortete der Mörder. «Ihre Großmut ist bekannt, Sie werden mir mein Pferd nicht fortnehmen, es ist sechshundert Taler wert.»
Das war dem König von Navarra schon berichtet, und auch, daß der Mörder es geschenkt bekommen hatte, damit er ihn tötete. Er wendete daher das Pferd und ritt im Galopp nach dem Ort Gontaud, wo er es abgab. Seinem Offizier befahl er, diesen Gesellen auf gelegene Art loszuwerden, wie es auch geschah. Der Mann kehrte dann zu der römischen Religion zurück. Als er für ein gutes Pferd den König von Navarra töten wollte, gehörte er zur reformierten — war aber nicht dies noch das. Sondern er war von einer Gattung Mensch: die haßt nun einmal Henri, er fühlt es schon hier und wird Rache allmählich ganz unnütz finden. Die Mörder wachsen immer nach. Dieser war nur der erste.
Fama
Der zweite liess nicht warten, und er war ein Spanier: man mußte sich nicht den Kopf zerbrechen, woher er kam. Er schielte, hatte klaffende Nüstern und eine rundum geschwollene Stirn — kein schöner Mann. Dieser Loro, wie er sich nannte, wollte eine spanische Grenzfestung an den König von Navarra verraten, oder gab es vor, um bis in seine Leibesnähe zu gelangen, was aber fehlschlug. Dieselben Edelleute, die den König von Navarra vor Gavarret geschützt hatten, stellten den Spanier in einen offenen Gang: der umgibt das Schloß von Nérac. Dort stemmte jeder eines seiner Beine gegen die Mauer, und über diese lebenden Schranken hinweg sollte Loro zu dem König sprechen. Da er nichts vorzubringen hatte, außer betrügerischem Geschwätz, und auch am nächsten Tage nichts, wurde er erschossen. Es ist nicht leicht, fertig zu werden mit einem, den das Schicksal aufhebt, und es zeigt sogar schon flüchtig sein Gesicht. Die beiden Mordversuche verrieten, mehr als alles andere, daß Henri anfing, eine Macht zu werden.
Er beschränkte sich und blieb auf seinem eigenen Boden, den aber durchackerte er mit den Hufen seines Pferdes, bis jede Scholle sein war und für ihn Frucht trug. Die Städte waren jede einzeln gewonnen und erschlossen, die Menschen erobert von Grund auf — nicht mit Gewalt; erstürmen soll man Mauern, nicht Menschen. Diese sind freundlichen Beispielen zugänglich, wenn man sie statt dessen auch hängen könnte. Dann erreicht sie der Ruf, vernünftig und menschlich zu sein, was übrigens die Absicht der Religion ist. Sie hängten sich anfangs lieber selbst auf, endlich aber begriffen viele ihr wirkliches Wohl, wenn auch nur für eine Weile und wenige Geschlechter.
Der neue Stellvertreter des Gouverneurs der Guyenne war nicht sein Feind, er hätte es sich gar nicht mehr erlauben können. Damville, Gouverneur der benachbarten Provinz Languedoc, war sein Freund. Unerschütterlich stand vor dem Ozean, auf dem Mittelpunkt der langen Küste die Festung La Rochelle. Von ihr schräg abwärts gegen Süden führte die Linie: unterhalb ihrer hatte der König von Navarra für sich eine Mehrheit; diese erhoffte von ihm das verschiedenste, aber es war eine große Zahl Hoffender.
Die Gewöhnlichsten nannten ihn einfach lou noust Henric, und meinten damit nachgerade viel: seine täglichen Mühen und Arbeiten unter ihren Augen seit langen Jahren; das Geld, das er aufwandte, die Waffen, die er führte — und seine Gestalt, den Reiter im Wams aus geripptem Samt, gebräunt die Wangen wie ihre eigenen, sanfter, fester Blick, und der kurze junge Bart. Wenn er vorbeikam, wurde ihr gefährdetes Leben sicherer; der Friede des Landes, der immer schwankt, stand diesmal fest im Gleichgewicht. Die anderen, Gelehrte oder auch nur Verständige, sprachen untereinander herum, was jetzt im mehr geistigen Sinn zu halten war vom König von Navarra. Sie fingen damals an zu sagen, sein Geist wäre lebhaft, sein Verhalten schlechthin unvergleichlich und sehr mutig die Art, wie er sich durchsetzte. Aus solchem Stoff sind die größten Fürsten erwachsen, versicherte jeder dem anderen und hatte sich wirklich davon überzeugt — wenn auch nicht ohne Dazutun der Kanzlei von Navarra.
Mornay leitete sie, und er behauptete in Berichten, die er umgehen ließ, über die Stellung seines Fürsten, daß alle guten Franzosen anfingen, den Blick auf ihn zu richten. Viele taten es erst darum wirklich: sogar die Fremden; denn Mornay schickte seine Werbeschrift nach England. Daraus ersahen Elisabeth und ihr Hof allerdings Günstiges genug über Henri von Navarra. Wenig blieb zu hoffen, wenn man Mornay hörte, von dem gegenwärtigen König von Frankreich, noch auch von seinem Bruder, der sich nach wie vor um die Königin bewarb und soeben bei ihr zu Gast war. Mornay fuhr sogar selbst hin, er übertraf persönlich die Tätigkeit seiner Partei und verhinderte die englische Heirat des Mannes mit den zwei Nasen: dies aber nur durch eine richtige Kennzeichnung des Irrwischs. Die Diplomatie soll Verwirrungen nicht aufkommen lassen. Wenn sie gut ist, bleibt sie bei der Wahrheit.