Eine andere Meinung wurde bekannt: zuerst in der Gegend ihres Ursprungs, dann weiterhin ging sie von Mund zu Mund. Der neue Bürgermeister von Bordeaux sollte sie zu einem anderen Humanisten geäußert haben. «Deutlich tritt in Erscheinung, daß alle diese Religionskriege nichts weiter sind als Unternehmungen zur Zerreißung Frankreichs.»

Vorbei die Zeiten, als Herr Michel de Montaigne sich hierüber in größter Heimlichkeit verständigte mit Henri von Navarra. Jetzt bekannte er es laut, und nicht nur in der Bibliothek seines kleinen Schlosses oder im Rathaus der Stadt Bordeaux, die ihn zu ihrem Oberhaupt erwählt hatte unter tätigem Beistand des Gouverneurs. Er hatte es auch geschrieben. Aus dem Turmzimmer seines kleinen Schlosses war ein Buch hervorgegangen, alle anderen Humanisten des ganzen Königreiches lasen es, sie ließen sich von ihm bestärken in der Mäßigung und im Zweifel. Beide waren ihnen angemessen, und wären dennoch durchaus verderblich gewesen, gesetzt, die Humanisten hätten nur denken gelernt, nicht aber auch reiten und zuschlagen. So stand es nicht. Sogar Montaigne war Soldat gewesen, trotz seinen ungeschickten Händen hatte er dies notwendige Handwerk getrieben — notwendig, weil es sonst allein den Hirnlosen überlassen bliebe. Das muß man wissen: wer denkt, soll handeln, und nur er. Dagegen gibt es das sittlich Ungeheure außerhalb der Grenzen der Vernunft. Das ist die Sache der Unwissenden, die gewalttätig werden durch ihre ausschweifende Dummheit. Ihre Versuchung und Gelegenheit ist die Gewalt. Seht den Zustand des Königreiches! Es verwahrlost, es wird ein Morast aus Blut und Lüge, und kein gerades, gesundes Geschlecht könnte auf einem solchen Boden noch heranwachsen, wenn nicht wir Humanisten auch ritten und zuschlügen. Des werden wir Sorge tragen. Verlaßt euch, daß wir reiten und zuschlagen! Zu unseren Häupten, auf den niedrigsten der Wolken, fahren mit uns über das Land hin sowohl Jesus von Nazareth als auch mehrere Gottheiten Griechenlands.

Herr Michel de Montaigne, seines Wertes bewußt, übersandte durch Kurier dem König von Navarra sein Buch — in Leder, und eingeprägt mit Gold das eigene Wappen des Edelmannes, wenn auch nur rückwärts. Vorn prangte das Wappen von Navarra; und eine solche Anordnung war sinnvoll, sie hieß: Fama hat uns einen Augenblick lang gleichgemacht. Sire, ich lasse Ihnen den Vortritt.

Die stolze Sendung sagte noch mehr. Dies Buch ist gedruckt worden in Bordeaux, von wo die Schiffe durch Sturm und Stille bis zu den fernen Inseln reisen. Es kann sein, daß dies Buch schließlich noch weiter als sie und durch die Jahrhunderte bis in die Unvergänglichkeit reist. Gewiß ist, Sire, daß ihm voraneilen wird Ihr Name. Eins wünsch ich mir so ehrlich wie das andere, da ich Ihr Gefährte bin, und nicht anders als Sie, das Recht, das mit mir geboren wurde, als einzelner Mann behaupte durch Kampf und Verdienst. Sire, Sie und ich sind, wie nicht leicht jemand, angewiesen auf Fama. Den Ruhm darf nicht leichtnehmen, wer dauerhafte Werke schreiben will oder den Geschmack der Menschen zu treffen gedenkt durch Taten.

Ein Satz aus dem Buch stand darin handschriftlich besonders vermerkt.

«Alle Tagen außerhalb der gewöhnlichen Grenzen unterliegen den schlimmsten Deutungen, denn unser Geschmack sträubt sich gegen das Verstiegene, und auch dem Niedrigen widerstehn wir durch unseren Geschmack.»

Abschied von Margot

Ihre kummervollste Zeit brach an, und doch versäumte Margot nichts, um das Unheil aufzuhalten, als sie es kommen sah. Lange bemerkte sie es nicht: sie hatte sich in Nérac an das Glück gewöhnt und rechnete mit keinem Wechsel mehr. Sie wollte zuerst nicht glauben, als Rebours ihr hinterbrachte, daß es tatsächlich geschehen wäre zwischen Henri und Fosseuse. Diese war doch «Töchterchen» für Margot wie für Henri, ein schüchternes kleines Wesen, die Ergebenheit selbst. Rebours im Gegenteil verzehrte sich vor Neid auf jede andere, die von Henri bemerkt wurde; denn sie selbst, Rebours, hatte ihm zu Anfang gefallen, aber da sie erkrankte, ging für sie der günstige Augenblick vorbei.

Jetzt rächte sie sich und entwendete die Rechnungen des Apothekers Laianne, um sie ihrer Herrin zu zeigen. Da stand verzeichnet: «Für den König, als er sich bei den Mädchen der Königin im Zimmer aufhielt, zwei Schachteln Marzipan. Nach dem Ball, Gläser Zuckerwasser und Schachteln Marzipan für die Mädchen der Königin.» Das ging noch alle an, das folgende betraf nur Fosseuse. «Für Fräulein Fosseuse ein Pfund Zuckerwerk, vierzig Groschen. Für dieselbe: Bonbons und Rosenkonfekt, Eingemachtes, Fruchtsäfte, Marzipan» — allein für Fosseuse. — «Sie wird sich den Magen verderben», sagte Margot im Ton der Besorgnis; die neidische Rebours sollte nicht behaupten können, sie hätte Eifersucht bemerkt bei der Königin. Rebours indessen hatte das Schlimmste noch aufbewahrt. Die letzte Rechnung lautet: «Für den König, in das Zimmer des Fräulein Fosseuse gebracht, ein und dreiviertel Pfund Marzipan mit vier Unzen Fruchtsaft, zwei Taler drei Pfund.»

Aus diesen genauen Angaben des Apothekers ersah die arme Margot, was tatsächlich geschehen war. Ihr geübtes Gesicht verriet ihren Schrecken nicht der neidischen Rebours, und mit der schuldigen Fosseuse verfuhr sie um so vertraulicher, erbat auch, wie bisher, ihre guten Dienste beim König. «Fosseuse, mein Töchterchen, ruf mir meinen geliebten Herrn! Sag ihm, ich wüßte ihm Neues zu melden über meinen königlichen Bruder von Frankreich. Du möchtest es wohl wissen. Mein Bruder hat einen bösen Traum gehabt, meine Mutter hat ihn mir beschrieben. Ihm hat von reißenden Tieren geträumt, Löwen und Tiger fraßen ihn auf, und in Schweiß gebadet ist er erwacht. Da hat er befohlen, daß alle Bestien seines Zwingers erschlagen würden. Geh, berichte es unserem Herrn, und daß ich noch viel mehr weiß.»