Absichtlich sagte Margot: unserem Herrn — Fosseuse sollte glauben, daß sie nichts ahnte, nichts bitter empfand und ihr den erlaubten Platz des Töchterchens gut und gern gönnte. Fosseuse aber kehrte von diesem Weg nicht zurück, blieb vielmehr mit Henri; und da sie ihm den Auftrag nicht ausrichtete, ging er zu Margot an dem Tage nicht. Das war das Geständnis des Mädchens, und von jetzt an wich sie der Königin aus, wurde verstockt, dreist und nahm den König gegen sie ein. Margot dagegen, im Gedanken an die glücklichen Jahre, die nicht aufhören sollten, hütete sich, etwas Unwiderrufliches zu tun. Sie hoffte, daß ihr lieber Herr auch Fosseuse einmal satt bekäme wie jede andere. Inzwischen unterhielt und spannte sie ihn mit ihren Nachrichten aus dem Louvre. Er bezog selbst welche durch seinen Rosny, der am Hof von Frankreich zwei Brüder hatte. Die Gatten kamen zusammen, um zu vergleichen und auszutauschen: das war jetzt noch ihre sicherste Gemeinschaft.
«Der König von Frankreich erhebt immer neue Steuern für seine Lieblinge», begann der eine. Der andere versicherte: «Beim Volk heißt er nur noch der Tyrann.» Darauf beide durcheinander: «Es kann nicht mehr lange gut gehen. Der Liebling, der jetzt Joyeuse heißt, hat eine Schwester der Königin und ein Herzogtum bekommen; das verzeiht der Adel dem König nicht. Das Volk wieder vergißt nie, daß ein Mensch dieser Art und Herkunft bei seiner Hochzeit, die alle bezahlen mit ihren Steuern, gekleidet sein konnte wie der König selbst. In Frankreich war ein so großer Aufwand noch nicht gesehen worden. Siebzehn Festmähler, alles von den Steuern; Maskeraden, Turniere, und auf der Seine fuhren vergoldete Schiffe mit nackten Heiden — kein Anblick für das Volk, das wir so wenig als möglich erinnern sollten an seine Lasten.»
«Sondern wir müssen sie ihm abnehmen», sagte Henri. «Es kostet nicht viel, Wein aus dem Faß zu zapfen: weniger, als Blut aus den Menschen.»
Die verwöhnte Prinzessin von Valois, einst berühmt und besungen wegen ihres nahezu vermessenen Auftretens bei Prozessionen, senkte bescheiden die Stirn. Ihr ganzer Ehrgeiz war, die ländliche Fürstin zu bleiben wie bisher. Für ihren lieben Herrn wollte sie mehr, war seit langem einig mit ihm über seine Berufung — nur hätte sie diese gern hinausgeschoben. Ihr königlicher Bruder, den sie nicht liebte, konnte einen Erben bekommen: dann starb ihr Haus nicht aus. Oft fühlte Margot mit ihrem Bruder, nicht mit Henri; daher begriff sie, warum er seinen Lieblingen, die nichts weiter waren als schädliche kleine Abenteurer, dennoch Wohltaten zuwendete wie seinen eigenen Kindern. Er wollte sie dafür halten und sie dazu machen, damit er nicht unter den reißenden Tieren seines Traumes ganz allein wäre. Margot verstand ihn zuzeiten: das war, sooft sie allein saß und sann. Jetzt hat er auch den Bruder dieses Joyeuse zum Herzog erhoben und ihm die zweite Schwester der Königin gegeben. Er bezahlt nicht einmal mehr seine Soldaten; er sagt: «Wenn erst alle meine Kinder verheiratet sind, werde ich vernünftig.» Margot sann: ‹Seine Kinder!› Lange seufzte sie, versank in den Kerzenschein und bemerkte nicht, daß die Blätter ihres Buches sich wendeten vom Lufthauch.
Eines Tages war sie durch Nachrichten sehr erregt, auf der Stelle verlangte sie nach Henri, aber er war ausgeritten. Statt seiner erschien Fosseuse, die schlecht aussah, bleich, das Gesicht in die Länge gezogen und übellaunig. ‹Bald wird es zwischen ihm und ihr vorbei sein›, dachte Margot flüchtig; aber überwältigend war ihr Drang, sich mitzuteilen, war es dem Mädchen, das an seiner Brust gelegen hatte wie sie. «Fosseuse!» rief die arme Margot und umarmte sie vor Bewegung — keine Gelehrte mehr, keine Prinzessin mehr, eine hilfesuchende Frau.
«Fosseuse, es ist komisch, wenn es auch furchtbar ist: sie wollen meinen Bruder, den König von Frankreich, ins Kloster sperren, weil seine Ehe unfruchtbar bleibt. Er kleidet sich aber von selbst schon wie ein Mönch, hat seine Schleifen und Federn wieder einmal abgelegt, seine Lieblinge fortgeschickt, und mit der Königin ist er gewallfahrtet, damit sie fruchtbar wird und ihm den Dauphin gibt. Er hatte nachher die Füße voller Blasen, die Königin aber bleibt unfruchtbar. Ist das nicht zum Lachen: Ja gewiß, es ist lächerlich, etwas so Einfaches nicht fertigzubringen, wie es das Gebären ist. Man bietet ein Schauspiel dem ganzen Hof, der den Leib der Königin spöttisch abschätzt. Den König aber sehen sie gähnen von seinen vergeblichen Anstrengungen, um Vater zu werden, und alle gähnen mit ihm. Ein lustiger Hof, ha, ha!»
Während ihres schwachen Versuches zu lachen, glitten ihre Hände an Fosseuse herab: so entdeckte Margot durch ein zufälliges Tasten, was sie noch früher erkannt hätte, wenn sie es hätte wissen wollen. ‹Die andere, Fremde, soll ein Kind bekommen von Henri. Ich nicht, ich habe etwas so Einfaches wie das Gebären nicht fertiggebracht. Anstatt den König und die Königin, verhöhne ich mein eigenes Geschick.› Sie fingerte an dem fremden Leib, bis das Mädchen böse wurde. «Was fällt Ihnen ein, Madame», keifte Fosseuse. «Das sag ich dem König, daß Sie sich an mir vergreifen.»
«Töchterchen, sei gut, wie könnt ich seinem Kinde weh tun!» — «Madame, auch noch Beleidigungen!»
Die ehemals Sanftmütige erstickte vor Zorn, ihr Hals lief blau an. «Wenn er nicht ausgeritten wäre, sollt er mir gleich bezeugen, daß ich fälschlich verdächtigt werde. Madame, alle will ich Lügen strafen. Madame, Sie mögen mich nicht und wollen mich stürzen», schrie Fosseuse, da sie wieder bei Atem war. Margot sprach um so leiser.
«Uns muß nicht jeder hören. Töchterchen, vertrau mir doch. Ich meine es mit dir wie eine Mutter. Wir beide können zusammen fortgehn, ich will dir selbst beistehn und Hilfe leisten.»